Darum steht die Gaming-Industrie wieder mal am Pranger

Von Martin Abgottspon

5.8.2021

Viele Mitarbeiterinnen fühlen sich am Firmenhauptsitz von Activision Blizzard unwohl und unsicher.
Viele Mitarbeiterinnen fühlen sich am Firmenhauptsitz von Activision Blizzard unwohl und unsicher.
Twitter

Mit Activision Blizzard erlebt eines der grössten Spielestudios der Welt gerade turbulente Zeiten. Es geht um Diskriminierung, Sexismus bis hin zu Vergewaltigungen. Zeit für einen drastischen Wandel.

Von Martin Abgottspon

5.8.2021

Es ist leider bei Weitem kein Branchen-Einzelfall, was bei Activision Blizzard in den vergangenen Wochen aufgedeckt wurde. Das toxische Arbeitsklima macht offenbar auch vor einem der grössten Spielestudios nicht halt. Es ist die Rede von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, von Mobbing und sogar Vergewaltigungen. Eine Mitarbeiterin des Unternehmens soll sogar in den Selbstmord getrieben worden sein.



Ähnliche Schlagzeilen machten zuletzt auch schon andere Spielegiganten wie Riot Games oder Ubisoft. Wer glaubt, man sei 2021 diesbezüglich einen Schritt weiter, wird enttäuscht. Insbesondere die Frauen, die unter der sogenannten «Frat Boy Culture» leiden, also einer Arbeitskultur, die dem Klima in einer männlichen Studentenverbindung gleicht.

Was sind diese Entschuldigungen noch wert?

Ob Schuldzuweisungen in diesem Fall zielfördernd sind, bleibt dahingestellt. Doch natürlich müssen die Führungspersonen jetzt auch bei Activision Blizzard für die Vorfälle geradestehen. Blizzard-CEO J. Allen Brack und Jesse Meschuk, Leiter des weltweiten HR-Departements, wurden bereits freigestellt, weitere Entlassungen dürften folgen.

Das Unternehmen will die Fälle jetzt akribisch aufarbeiten. Der oberste Chef, Bobby Kotick liess sich mit einer Stellungnahme zwar Zeit, kündigte nun aber an, dass die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden und Manager, die die Untersuchung behindern, entlassen werden. «In unserem Unternehmen ist kein Platz für Diskriminierungen und Belästigungen. Wir werden das Unternehmen sein, das in unserer Branche mit gutem Beispiel vorangeht.»

So fröhlich wird man Activision-Blizzard CEO Bobby Kotick in diesen Tagen wohl nicht erleben.
So fröhlich wird man Activision-Blizzard-CEO Bobby Kotick in diesen Tagen wohl nicht erleben.
Activision

Es braucht mehr Frauen

Solche Worte haben inzwischen ihre Wirkung etwas verloren. Auch von anderen Spielefirmen hörte man bereits unzählige Entschuldigungen und gelobt Besserung. Mit Pauken und Trompeten beförderte man einzelne Frauen in Führungspositionen und beauftragte externe Firmen mit der Überwachung des hauseigenen Arbeitsklimas. Immerhin ein Schritt in die richtige Richtung, ein Selbstläufer wird das Aufbrechen der verkrusteten Strukturen deshalb noch lange nicht, wie auch Gerichtsfälle zeigen, die trotz neuer Massnahmen immer wieder aufkommen.



Um von der genannten «Frat Boy Culture» wegzukommen, braucht es in erster Linie mehr Frauen. In der Spieleindustrie sind diese noch immer stark untervertreten. Viele Studios knacken nicht einmal die 20-Prozent-Marke. Schaut man in die Chefetage, ist die Zahl in den meisten Fällen nicht mal zweistellig. 

Ein gesellschaftliches Problem

Auch wenn die Spieleindustrie immer wieder mit solchen Schlagzeilen auffällt, steht sie mit dem Problem bei Weitem nicht allein da. Toxisches Arbeitsklima, Diskriminierungen und Sexismus sind nicht Probleme der Spieleindustrie, sondern unserer Gesellschaft. 

Nur wirken solche Zustände hier ganz anders. Oft werden Spieleunternehmen von ihren Spielern geradezu verehrt, wenn nicht sogar vergöttert. Ein Gaming-Meisterwerk wird eng mit den Firmen in Zusammenhang gebracht, was dem Thema in dieser Industrie eine besondere emotionale Komponente gibt. Bei Ölkonzernen herrschen wahrscheinlich oft nicht bessere Arbeitsbedingungen. Hier zuckt man aber bloss mit den Schultern und wundert sich kurz, wie ungerecht unsere Welt doch ist.

Insofern ist die Spieleindustrie aber auch prädestiniert dafür, mit gutem Beispiel voranzugehen. Dazu gehört augenscheinlich auch, dass man immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit für seine Fehltritte gerät. Doch nur so wird darüber gesprochen, man wird sensibilisiert und es bleibt zu hoffen, dass die Industrie eines Tages wirklich so beispielhaft vorangeht, wie sich Bobby Kotick das wünscht.