Wir fuhren das kleine Monster
Die beiden Nissan-Topmanager Jerry Hardcastle, zuständig für Design und Entwicklung, und der in Europa für den Vertrieb und das Marketing verantwortliche Paul Wilcox werden ihre Reise zu den 24 Stunden von Le Mans im Sommer 2009 nie vergessen. Dort nämlich keimte die Idee, einmal etwas Ausgefallenes auf die Räder zu stellen. Die in den 1990er-Jahren für die Sporteinsätze des Nissan-Primera-Supertourenwagen beauftragte Rennfirma Ray Mallock Ltd. (RML) aus England erhielt aber erst nach der Lancierung des Juke am letztjährigen Genfer Automobilsalon den konkreten Auftrag, sich Gedanken zu machen, auf welche Weise man diesen neuen kompakten Crossover etwas aufpeppen könnte.
Erst habe man an ein Driftfahrzeug oder einen Baja Buggy gedacht, bekennt Juniorchef Michael Mallock, der Sohn von Ray, bevor ihm ein Licht aufging. «Ich weiss nicht, warum wir nicht gleich an ein Auto wie den Juke-R gedacht haben», wundert er sich nun, im Januar 2012, selbst, «denn er war eigentlich der logische Schritt. Vieles an fortschrittlicher Technologie war ursprünglich für den GT-R entwickelt worden, speziell das Allradsystem mit der Traktionskontrolle.»
So gelangte ein Nissan GT-R vom Montageband direkt in die Werkhallen von RML nach Wellingborough, wo man ihn in zwei Hälften schnitt und auf die Dimensionen eines Juke brachte. Der ganze Antriebsstrang musste modifiziert werden, um noch Platz für das 4WD-System zu haben. Der rennerfahrene Mallock übernahm den ersten geheimen Test mit dem etwas eigenartig aussehenden, weil von 467 auf 413,5 cm Länge verkürzten GT-R auf einem Circuit gleich selbst. Danach war er positiv überrascht: «Wir hatten Befürchtungen, dass die Software nicht schnallt, was wir mit dem Auto angerichtet haben, und deshalb alle Systeme runterfahren könnte. Aber alles hat bestens funktioniert, der GT-R fuhr sich auch mit dem 25 cm kürzeren Radstand prächtig.»
Danach ging alles relativ schnell. Nach Plänen aus dem europäischen Nissan-Technologiezentrum machten sich bis zu 30 RML-Ingenieure ohne Zeitdruck an die Arbeit und bauten zwei Juke von der Stange in R-Modelle um, einen mit Links- und einen mit Rechtslenkung. Erst wurden Türen, Haube, Kühlergrill und Heckklappe entfernt, danach Motor, Antrieb, Aufhängungen und Interieur. Schliesslich wurde der Boden herausgeschnitten und durch ein Chassis mit integriertem Überrollkäfig ersetzt.
Kleiner Godzilla
Die Zelle nach FIA-Norm dient nicht nur der Sicherheit, sondern vor allem der Verwindungssteifigkeit, um beim Einsatz des brachialen V6-Biturbomotors aus dem GT-R das Handling zu verbessern. Die Radaufhängungen erhielten neue Aufnahmepunkte, vorne für die doppelten Dreieckquerlenker und hinten für die Mehrlenkerachse vom GT-R. Danach kamen der Motor und das 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe in Transaxle-Bauweise mit der Elektronik aus dem sportlichsten Nissan-Flaggschiff hinzu, ebenso die Lenkung, die gross dimensionierten Brembo-Bremsen und das Benzinleitungssystem mit dem 74-Liter-Tank.
Platzprobleme
Der Einbau des V6-Aggregats mit seinen beiden Turboladern und dem Intercooler anstelle des kompakten Vierzylinders aus dem Serien-SUV war einer der schwierigsten Aspekte. Das Armaturenbrett und die Mittelkonsole wurden vom Juke übernommen, doch das LC-Display, die Klimaautomatik und ein CD-Player plus USB-Anschluss – alles aus dem GT-R – mussten Platz haben. Diese Aufgabe bereitete zuweilen Kopfzerbrechen. «Wir wollten sicherstellen, dass der Juke-R trotz des Käfigs und der Rennsitze wie im GT-R so viel Komfort als möglich bietet», verweist Michael Mallock. Es versteht sich daher fast von selbst, dass auch die Zentralverriegelung, die Antriebs schlupfregelung und die elektronische dreistufige Regulierung der Fahrwerksabstimmung von Godzilla stammen, wie der Spitzname des Seriensportwagens in Erinnerung an das japanische Fantasy-Monster lautet.
Äusserlich erfuhr der kleine Godzilla eher subtile Modifikationen. Wegen der breiteren Spur des GT-R ist er vorne um 65 und hinten um 75 mm in die Breite gewachsen. Um die 20-Zöller vom GT-R unterzubringen, erhielten die am Juke ohnehin markanten Radhäuser leichte Verbreiterungen. Hinzu kommen die grösseren Einlässe für die Luftzufuhr im vorderen und die zwei Auspuffauslässe im hinteren Stossfänger. Aerodynamisch auffälligstes Merkmal sind die zwei Heckflügelchen auf jeder Seite der Dachkante.
Dergestalt stehen die zwei kleinen schwarzen Monster nun also hier, im Dubai Autodrome, wo sie im Rahmen des 24-Stunden-Rennens am vorletzten Wochenende erstmals in freier Wildbahn bewundert und von ausgesuchten Medienvertretern ausprobiert werden können. So also sieht die Kreuzung eines Strassensportwagens mit einem SUV in natura aus. Die beiden Kraftpakete, entwickelt und gebaut in nur 22 Wochen, scheinen mehr Blicke auf sich zu ziehen als die eigentlichen Rennfahrzeuge.
Bevor man uns selbst ans Lenkrad lässt, wird einem gleich das volle Potenzial des spektakulärsten Allradfahrzeugs seiner Art vorgeführt – auf dem Nebensitz als Beifahrer eines Profis. Lucas Ordóñez, erster Gewinner der Nissan-GT-Academy von 2008, gibt dem Super-Crossover die Sporen, dass mir die Kinnlade runterfallen würde, wenn sie nicht vom Riemen des Schutzhelms festgehalten würde. Unfassbar! Dabei glaubte ich bis dahin, in dieser Beziehung schon fast alles erlebt zu haben. Der Spanier bremst und schmeisst den Juke-R in die Ecken wie einen Sportwagen. Gekonnt ist gekonnt, lobe ich ihn wie auch die Erbauer gedanklich.
Verständlich und angebracht, dass man seitens Nissan und Mallock nicht ganz so viel Vertrauen in die Fähigkeiten der schreibenden Zunft hat. Daher erhält man die Gelegenheit, am Steuer eines 370Z und eines GT-R auf dem Circuit im arabischen Emirat zuerst ein Aufbautraining zu betreiben. Ein Instruktor auf dem Beifahrersitz ist zwar ungewohnt, aber sicher ist sicher.
Der Nissan 370Z Roadster ist gerade richtig für ein paar Erkundungsrunden auf der Suche nach den Bremspunkten und der Ideallinie der mir unbekannten Strecke. Trotz seiner 328 PS kommt mir wenige Minuten später der Umstieg in den GT-R vor wie ein Wechsel vom VW Beetle in einen Porsche 911. Die 530 PS Leistung und 612 Nm Drehmoment aus dem 3,8-Liter-V6-Biturbo sorgen für den ersten Adrenalischub. Im R-Modus muss überlegt mit dem Gaspedal umgegangen werden, um stets in idealer Fahrtrichtung zu bleiben. Das gelingt längst nicht allen, flösst aber jedem den nötigen Respekt vor der eigentlichen Aufgabe ein: dem Fahrerlebnis im Nissan Juke-R.
Ganz ins Extreme sind die RML-Leute mit dessen Motorisierung doch nicht gegangen, haben sie doch den «nur» 485 PS starken Treibsatz mit 588 Nm Drehmoment aus dem ersten GT-R (bis 2010) verbaut. Das reicht laut ihren Angaben für Tempo 257 km/h und eine fast noch beeindruckendere Beschleunigung von 3,7 s bis zur 100-km/h-Marke. Der aktuelle GT-R schafft den Sprint laut AR-Messungen drei Zehntel schneller und ist erst bei 315 km/h am Ende.
Umstellung
Ob es mir was ausmache, als notabene einziger Schweizer Testpilot im Rechtslenker Platz zu nehmen? Ich verneine spontan und ehrlich, muss aber zugeben, dass die Umstellung dann doch nicht so einfach war wie erwartet. Auf der mehrheitlich mit Rechtskurven gespickten Strecke beeinträchtigt die breite A-Säule mit dem Stahlrohr des Überrollkäfigs die Sicht auf die meisten Scheitelpunkte. So gut ist die Streckenkenntnis doch noch nicht, als dass es überall passt. Trifft man die Ideallinie nicht genau oder verpasst man einen Bremspunkt, macht sich das Gewicht von 1800 kg plus zwei Insassen gnadenlos mit Untersteuern bemerkbar. Mit dem kürzeren Radstand ist der Juke-R wesentlich agiler als der GT-R, was mir später Deutschlands GT1-Weltmeister Michael Krumm bestätigt.
Ganz neben den Schuhen sind wir zwar nicht, aber ich wage nicht im Ansatz an den Versuch zu denken, es ähnlich fliegen zu lassen, wie es Lucas Ordóñez vorexerzierte. Ist auch nicht nötig, denn der Eindruck, den schnellsten Crossover unter dem Hintern zu haben, ist längst vermittelt. Die renntaugliche Sicherheitsausstattung mit Schalensitzen und Fünfpunktgurten, der Sound und die Kraft des Motors, die Beschleunigungs- und Bremswerte, das Handling – dies alles täuscht dir das Gefühl vor, in einem Wettbewerbsfahrzeug zu agieren. Dabei handelt es sich um ein in die Realität umgesetztes Denkmodell mit Strassenzulassung, mit dem vom Fahrerlager hinaus in die Wüste mit ihren Sandpisten und Dünen abgebogen werden könnte.
Leider unverkäuflich
Bevor ich auf die Idee kommen könnte, den Blinker zu setzen und den Arabern mit ihren zahlreichen Supersportwagen da draussen mal das verblüffende Potenzial eines solchen Kompaktwagens vorzuführen, mahnt der Instrukteur zur Gaswegnahme. Das sommerliche Wetter und die pausenlose Beanspruchung des exklusiven Testfahrzeugs fordert seinen Tribut, indem die Öl- und Wassertemperaturen leicht ansteigen. Nicht bedrohlich, aber doch so, dass niedrigere Drehzahlen und bald die Rückkehr in die Boxengasse angebracht sind. No problem, das Urteil ist ohnehin gefällt: Die Briten haben mit Nissan-Leuten ein Auto auf die Räder gestellt, wie es kein zweites gibt. «Ich wüsste nicht, was wir noch besser machen könnten», schwärmt Darren Cox, der General Manager für Crossover und Sport.
Für all jene, die sicher das Geld dafür hätten, kommt nun die schlechte Nachricht: Die beiden schwarzen Juke-R sind und bleiben unverkäufliche Einzelexemplare. Nissan will damit nur zeigen, was man aus einem SUV auch machen kann. Wer sich trotzdem nicht mit der Standardversion abfinden mag, dem bleibt die Hoffnung, dass die Japaner den im Dezember bei der Tokyo Motor Show gezeigten Juke Nismo Concept mit 1600er-Turbo-Benziner in naher Zukunft als Kleinserie auflegen. Godzillas Gene sind wohl auch darin zu finden.
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