Bei den Grossen abgeschaut
Zwei Jahre nach seiner Lancierung anlässlich des Genfer Automobilsalons und ein Jahr nach unserem ersten Test ist der weltweit in 160 Ländern angebotene kleine Nissan Micra nun auch in einer zweiten Motorvariante verfügbar.
In der Version 1.2 DIG-S wird dem 1,2-L-Dreizylinder-Benziner mittels Kompressor und Direkteinspritzung auf die Sprünge geholfen. Diese technischen Merkmale sind in der Abkürzung DIG-S enthalten: Direct Injection Gasoline – Supercharged. Dieses Modell, das für unseren Langzeittest in der Ausstattung Tekna zur Verfügung steht, wird uns während eines Jahres über 50'000 km in unserem Redaktionsalltag unterstützen.
Gut ausgestattet
Gegenüber der Vorgängergeneration ist der vierte Micra in der Länge um 7 auf 378 cm gewachsen und hat beim Radstand um knapp 2 auf 245 cm zugelegt. Den Neuen gibt es wie schon den Vorgänger in den drei Ausstattungen Visia, Acenta und Tekna, von denen jede sowohl mit dem Basismotor (1.2, 80 PS) als auch mit dem 98-PS-Direkteinspritzer kombiniert werden kann. Die Preise bewegen sich zwischen Fr. 15'690.– (Visia 1.2) und Fr. 25'590.– (Tekna 1.2 DIG-S CVT). Als Optionen für die Ausführung Tekna bleiben lediglich die Metallic-Lackierung (Fr. 550.–) und die Teillederausstattung Plum, die für Fr. 1800.– zu haben ist.
Die Ausstattungsversion Tekna hebt sich ausserdem durch eine Chromleiste um den unteren Kühllufteinlass, zwei integrierte Nebelscheinwerfer und die 15-Zoll-Leichtmetallräder von den anderen ab. Im Interieur sind es die Komfortfeatures Tempomat, die Regen- und Lichtsensoren und die elektrisch beheizbaren Aussenspiegel. Zudem verfügt der Top-Micra über eine automatische Klimaanlage und die Navigation. Ebenfalls willkommen sind der schlüssellose Zugang und der Komfortblinker. Alle wesentlichen Sicherheits- und Komfortfeatures sind aber bereits im Basismodell Visia enthalten: ESP, sechs Airbags, fünf Kopfstützen, Servolenkung und Zentralverriegelung mit Fernsteuerung.
Im Tekna lernt man beispielsweise auch die Einparkhilfe PSM (Park Slot Measurement) schätzen, die einem bei der Parkplatzsuche nützliche Dienste leistet. Als gerade noch nutzbare Parklücke erkennt die Sensorik «Micra-Länge plus 60 cm». Ebenfalls im Lieferumfang des Top-Ausstattungsniveaus inbegriffen ist das Glasdach. Allzu intensive Sonnenstrahlung kann mit der Schiebeabdeckung zurückgehalten werden.
Klein und wendig
Der Einstieg geht vorne wie hinten völlig problemlos vonstatten; die schmalen Türen und die vergleichsweise hohe Dachlinie erleichtern besonders in engeren Parklücken das Aus- und Einsteigen. Vorne sitzen auch grösser gewachsene Personen komfortabel, und auch hinten sind durch den verlängerten Radstand grössere Beinräume entstanden.
Das Lenkrad kann vertikal verstellt werden, sodass Lenker jeder Statur einwandfreien Einblick auf die Hauptinstrumente haben. Im Connect-System sind Navigation, Audio- und Kommunikationsanlagen zusammengefasst; sie lassen sich am 5-Zoll-Touchscreen-Monitor steuern. Trotz vergleichsweise kleinem Farbbildschirm sind die Angaben leicht ablesbar.
Bei den Verkleidungsteilen im Interieur verschwindet der Eindruck von Billigkunststoff auch im Tekna nicht ganz, obwohl an wichtigen Stellen auch synthetische Materialien höherer Qualität zum Einsatz kommen. Im Gepäckraum können bei Normalstellung der Sitze 265 dm3 Gepäck geladen werden. Durch Absenken der asymmetrisch geteilten Rücksitzlehnen ergibt sich dann ein Volumen von bis zu 1130 dm3. Es entsteht aber eine Stufe in der Ladefläche.
Dreizylinder
Charakteristisch für den kleinen Motor ist neben der Kompressoraufladung und der Benzin-Direkteinspritzung auch die Miller-Ventilsteuerung, für die das späte Schliessen der Einlassventile typisch ist. Damit reduzieren sich die Pumpverluste, und entsprechend steigt der Wirkungsgrad des Motors. Im Weiteren ist der mit 13:1 für ein Ladeaggregat extrem hoch verdichtete Dreizylinder stets mit Stopp-Start-System ausgestattet, was ihm zu einem hervorragenden Normzyklusverbrauch verhilft. Hinsichtlich Verbrauch wirken sich natürlich auch die gegenüber der Basisversion veränderten Getriebeübersetzungen positiv aus: Der vierte und der fünfte Gang konnten dank des von 110 auf 142 Nm gesteigerten Maximaldrehmoments etwas länger ausgelegt werden. Im EU-Fahrzyklus resultieren alle diese Massnahmen in einer Verbauchsreduktion von fast 20 % auf 4,1 L/100 km. Damit liessen sich bei gegebener Tankgrösse 1000 km zurücklegen, und in London kann man sogar eine Fahrt ins Stadtzentrum mit den restriktiven Zufahrtsvorschriften unternehmen.
Kein Sparwunder
Dass dieser Verbrauchswert nicht völlig wirklichkeitsfremd ist, beweist die Tatsache, dass es auf unserer Normrunde – mit sehr leichtem Gasfuss – gelang, mit 4,1 L/100 km im normalen Strassenverkehr auszukommen. Im Durchschnitt genehmigte sich der kleine Nissan jedoch deutlich mehr: 6,5 L Benzin waren für die Distanz von 100 km nachzufüllen. Gemessen an der Fahrzeuggrösse, ist das kein herausragender Wert, darf aber im Hinblick auf die kalte Jahreszeit und den häufigen Autobahneinsatz – und damit den nur schwachen Einfluss des einwandfrei und bis in den Minus-Temperaturbereich funktionierenden Stopp-Start-Systems – als noch akzeptabel bezeichnet werden. Die massive Abweichung vom Normwert zeigt aber, dass man, um wirklich niedrige Verbrauchswerte zu erzielen, das beachtliche Leistungspotenzial des Autos nicht allzu oft ausloten sollte.
Trotzdem: Unsere im Test des Micra 1.2 mit Saugrohreinspritzung geäusserte Hoffnung, mit dem effizienteren Triebwerk verbrauchsgünstiger zu fahren, erfüllte sich nicht, denn gegenüber dem Sauger mussten 0,2 L/100 km mehr durch die Injektoren gepresst werden. Allerdings ermöglicht der Leistungsvorsprung des aufgeladenen Direkteinspritzers von über 20 % auch deutlich bessere Fahrleistungen: Den Spurt von 0 auf Tempo 100 km/h schafft der Kompressor-Micra in 11,7 s und ist damit 2,1 s schneller als der 80-PS-Sauger. In Bezug auf die Leistungsentfaltung ist die Kompressorlösung gut gelungen: Der 1,2-L-Dreizylinder erinnert in der Charakteristik an einen 1,5- oder 1,6-L-Saugmotor. Zudem verdient er sich gute Noten für die Laufruhe.
Fünfgänger
Sauger- und Kompressor-Motor können entweder mit 5-Gang-Handschaltgetriebe oder CVT-Automatik kombiniert werden. Je nach Ausstattungsvariante beläuft sich der Aufpreis für die Automatik auf Fr. 1600.– bis Fr. 3100.–.
Das Handschaltgetriebe lässt sich zwar auch in kaltem Zustand ausreichend gut schalten, fühlt sich aber hakelig an. Gangabstufung und Spreizung des Fünfgängers sind in Ordnung; auf der Autobahn liesse sich der Verbrauch mit einem sechsten Gang natürlich noch verringern.
Passend zu der gegenüber der Basisausführung deutlich gesteigerten Motorleistung kommen die DIG-S-Modelle mit strafferer Feder-Dämpfer-Abstimmung daher. Nicht, dass der Kleine nun zum Sportwagen mutiert wäre, aber sein strammes Fahrwerk und die präzise, direkte Zahnstangenlenkung machen ihn zum handlichen Flitzer im Alltagsverkehr. Hinsichtlich Fahrverhalten zeigt sich das 1060-kg-Leichtgewicht gutmütig, auch wenn es bis an die Reifen-Grip-Grenze gefordert wird. Markante Schwächen bezüglich Beschleunigungsvermögen treten weder im Stop-and-go-Betrieb in der Agglomeration noch auf unseren 120-km/h-Autobahnen auf. Das bestätigen unsere Fahrleistungsmessungen. Einzig das Beschleunigen im fünften Gang benötigt etwas Geduld. Nicht richtig zu überzeugen vermochte der Micra beim Bremstest: 46,5 m Anhalteweg aus Tempo 100 km/h sind auch mit Winterbereifung etwas viel.
Als Pendlerfahrzeug hat der Micra dank munterer Fahrleistungen und bemerkenswerter Handlichkeit einiges zu bieten. Zudem hat er bezüglich Komfortausstattung bei den Grossen abgeschaut, die Ausrüstung lässt praktisch keine Wünsche offen. Sein Preis von Fr. 23'990.– ist also sehr fair. – Preise: Micra 1.2 DIG-S ab Fr. 18'590.–, Testwagen mit Ausstattung Tekna (u. a. mit Touchscreen-Navigation, 15-Zoll-Leichtmetallrädern, Parksensoren hinten, Radio-CD-MP3, i-Pod, Bluetooth) Fr. 23'990.–.
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