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Flügeltürer für die grüne Familie

Tesla hat seinen Model X jetzt offiziell vorgestellt.
Der Model X beschleunigt schneller als ein Porsche 911.
Der Crossover soll noch geräumiger als ein Audi Q7 sein.
Voll animierter LCD-Instrumententräger mit Touchpad.
Bild: Werk (4)

Tesla Model X – Der Roadster war nur das Vorspiel: Jetzt macht Tesla-Chef Elon Musk Ernst und präsentiert in schneller Folge seine eigenen Modelle. Nach der Limousine Model S hat er nun den noch wichtigeren Crossover Model X enthüllt.

Es war ein Fest ganz nach Hollywood-Manier. Draussen rollen die dicken Limousinen vor, die Gäste flanieren im Blitzlichtgewitter über den roten Teppich, und drinnen spielen angesagte Discjockeys coole Beats, während Kellner im Halbdunkel experimentelle Snacks servieren. Doch das ist nicht Hollywood und kein Filmstudio. Sondern wir sind am anderen Ende von Los Angeles in einem alten Hangar am Flughafen von Hawthorne. Dort, wo Boeing früher Komponenten für den Jumbo-Jet zusammengeschraubt hat, schlägt jetzt das Herz von Tesla. Hier zeichnet und entwickelt das Start-up-Unternehmen aus dem Silicon Valley jene Elektrofahrzeuge, die die Autowelt ein ganz klein bisschen aus den Angeln gehoben haben. Und hier setzt Firmenchef Elon Musk an diesem Abend zum grossen Sprung an, der Tesla endgültig in die erste Riege der Autohersteller bringen soll.

Phase 2

Denn der vom Lotus Elise abgeleitete Roadster war nur das Vorspiel, und die selbst entwickelte Limousine Model S, die im Juni auf den Markt kommt, ist nicht viel mehr als eine Fingerübung. «Unser mit Abstand wichtigstes Modell kommt jetzt», sagt Musk, und in dem eben noch tosenden Hangar sind die 1000 Kunden, Gäste und Fans der Marke plötzlich so still, dass man die Luft flirren hört. Dann teilt sich der Vorhang, das Surren wird lauter, und – wie immer bei Tesla – rein elektrisch rollt das Model X auf die Bühne.

Das rund fünf Meter lange Schaustück ist eine Kreuzung aus Grossraumlimousine und Geländewagen und bedient damit in einem Aufwasch die wichtigsten Segmente in Amerika und in Europa. Allerdings will Musk Schluss machen mit den fadenscheinigen Kompromissen, die man bei diesen Fahrzeugen bislang eingehen musste. Denn die üblichen Minivans seien zwar praktisch, aber selten schön, schimpft der Chef. Und so gross viele SUV von aussen auch wirkten, gehe es selbst in seinem riesigen Audi Q7 innen vergleichsweise eng zu. «Wenn wir mit dem Elektroauto Erfolg haben wollen, müssen wir besser sein als die Verbrenner», ist er überzeugt und lenkt den Blick auf einen Entwurf, der deshalb geräumiger und praktischer ist als ein Chrysler Voyager und mehr Stil und Status hat als ein Porsche Cayenne.

Showeinlage

Beides liegt vor allem an den spektakulären Türen: Wo normale Vans allenfalls Schiebetüren zu bieten haben, hat Designchef Franz von Holzhausen für den Zugang zum Fond sogenannte «falcon wing doors» entwickelt. Ganz ähnlich wie beim Mercedes SLS schwingen sie nach oben auf, falten sich dann aber platzsparend noch ein wenig zusammen. Das ist nicht nur grosses Kino für die Passanten, sondern auch eine grosse Hilfe für die Passagiere: Man kann nahezu aufrecht einsteigen und selbst die dritte Sitzreihe vergleichsweise bequem erreichen. Allerdings sind dem Designer dann weiter hinten offenbar die Ideen ausgegangen: Während der Tesla von vorn scharf und sportlich aussieht wie ein Maserati Quattroporte, reiht sich das Heck irgendwo zwischen BMW 5er GT und Audi A7 ein.

Doppel-Gepäckabteil

Neben dem leichten Zustieg lockt Tesla mit gleich zwei Kofferräumen, die auch bei voller Bestuhlung Platz für das Gepäck von sieben Personen bieten. Weil ein Elektroauto weder einen grossen Tank noch einen dicken Motor braucht, passen nicht nur ins Heck mehr als ein halbes Dutzend Koffer. Sondern allein der Frunk, – der vordere Stauraum – der seinen Namen von den englischen Begriffen «front» und «trunk» hat, fasse mehr Gepäck als ein Audi Q7, sagt Musk. Dazu gibt es wie schon im Model S einen ausgesprochen hochwertigen Innenraum, dessen Infotainmentsystem es mit jedem Wohnzimmer aufnehmen kann: Die voll animierten Instrumente sind schärfer als HD-Fernsehen, und das Touchpad in der Mittelkonsole ist grösser und brillanter als ein iPad.

Familien-Performance

Aber Musk will nicht nur Familienväter und die sogenannten Soccer Mums überzeugen. Sondern er würzt das Konzept auch mit einer gehörigen Prise Performance. «Mit einem Sprintwert von 4,4 Sekunden beschleunigt das Model X schneller als ein Porsche 911», lockt er die Car Guys unter den Ökos. Dafür übernimmt das Model X die Technik des Model S. Genau wie die Limousine hat der Crossover einen dünnen Sandwichboden, den Tesla mit zwei unterschiedlichen Akku-Packs für bestenfalls mehr als 400 Kilometer Reichweite bestückt. Und auch der Elektromotor an der Hinterachse dürfte der gleiche sein. Allerdings kann man das Model X auch mit Allradantrieb bestellen und bekommt dann noch eine weitere E-Maschine in der Front.

Zwei Jahre warten

Zwar rollt das Model X bei der Premiere schon aus eigener Kraft von der Bühne und dreht danach die ersten Runden um den Hangar. Doch bis der Flügeltürer für die grüne Familie für Preise, die sich wohl zwischen 60'000 und 100'000 Dollar bewegen werden, endgültig auf die Strasse kommt, wird es noch fast zwei Jahre dauern. Die Gäste am Hawthorne Airport scheint das nicht zu stören: Sie unterschreiben an diesem Abend eifrig Bestellungen und lassen sich bis zum Beginn der Auslieferung einfach weiter mit ihren dicken Limousinen durch Los Angeles chauffieren.

(Toni Geissbühler)

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