Verdeckspiel mit Carrera
Nur wenige Monate nach dem Coupé bringt Porsche jetzt das Cabrio der Modellreihe 911 Carrera auf die Strasse – und auch in der neuen Generation, so rechnet August Achleitner, Leiter der Baureihe 911, dürfte die Offenversion wieder rund 40 % der Auslieferungen auf ihr Konto verbuchen.
Die Cabriolet-Fahrer der 911er-Gemeinde werden alles daransetzen, meistens mit abgeklapptem Stoffdach zu fahren. Das läuft selbst bei Autobahngeschwindigkeit vergleichsweise windstill ab, sofern das Windschott die gröbsten Turbulenzen von den Vordersitzen fernhält. Diese Windbremse besteht aus einem ausrollbaren Netz und einem u-förmigen Spannbügel, der vollständig in den Fondbereich integriert ist und bis Tempo 120 km/h per Tastendruck elektrisch hochgefahren werden kann.
Leicht und stabil
Die Zeremonie des Verdeckbetätigens kann bis (gut) 50 km/h beim Fahren erfolgen; sowohl «Auf» als auch «Zu» dauern rund 13 s. Auch das Betätigen des Stoffdachs mit dem Zündschlüssel von aussen ist möglich. Es ist ein erhabenes Gefühl, mit dem offenen 911er lang gezogene Kurven auf der Küstenstrasse zu ziehen oder in forcierter Gangart durch enge Bögen einen Pass zu erklimmen. Aber eigentlich versteckt man dann ein neues Kunstwerk der Verdeckbauergilde, auf das die Entwickler aus Weissach und Zuffenhausen sehr stolz sind.
Erstmals wartet der 911 Cabrio in der vorliegenden Generation – intern Baureihe 991 genannt – nämlich mit exakt der gleichen Silhouette auf wie das Coupé. Keine harten Knicke, keine abgezeichneten Spriegel stören die Dachlinie, und das Heckfenster aus beheizbarem Glas ist bündig in die Stoffoberfläche eingefügt. Damit hat die nunmehr fünfte Cabriolet-Generation des 911ers bei der Dachwölbung mit dem Coupé gleichgezogen.
Magnesiumspriegel
Bemerkenswert, weil noch nie da gewesen, ist die Konstruktion des Verdeckes: Mit den vier stoffbezogenen, rechteckförmigen Flächenspriegeln aus Magnesium bildet die 911er-Haube ein neuartiges Mittelding zwischen Stoff- und Metalldach. Damit gelang es den Technikern, das Verdeck sehr stabil und geräuschdämmend zu gestalten, ohne sich aber die Designnachteile konventioneller metallischer Klappdächer einzuhandeln. Trotz der aufwendigen Konstruktion beansprucht das zurückgeklappte Verdeck hinter den Notsitzen nur wenig Raum. Die vier gestapelten Magnesiumplatten und das in Z-Faltung verstaute Stoff-Top brauchen in der Länge 55 cm und in der Höhe 23 cm. Das Gewicht des Verdecks konnte trotz der erwähnten Stabilitäts- und Komfortfortschritten sowie der wegen des verlängerten Radstandes grösser gewordenen Länge konstant gehalten werden.
Die Aluminium-Stahl-Karosserie des Cabriolets ist je nach Antriebsvarianten zwischen 45 und 60 kg leichter als die des Vorgängers. Mit 1450 bis 1485 kg Leergewicht verdient sich der Carrera gute Noten – schliesslich zählt das niedrige Gewicht neben der Motorleistung zu den essentiellen Merkmalen eines Sportwagens.
2 Motoren, 2 Getriebe
Selbstverständlich wurden die Antriebsstränge des Cabrios unverändert vom Coupé übernommen. Im Carrera bringt es der durch weniger Hub von 3,6 auf 3,4 L verkleinerte Boxer-Sechszylinder auf 390 Nm Maximaldrehmoment und 257 kW (350 PS) Höchstleistung, während der nach wie vor 3,8 L grosse Saugmotor des Carrera S 440 Nm beziehungsweise 294 kW (400 PS) zu bieten hat. Daraus resultieren Fahrleistungen, die schon auf dem Papier hervorragend sind und – wie die ersten Probefahrten mit dem schnellen Cabriolet gezeigt haben – im Alltagsverkehr in jeder Situation mehr als ausreichend sind und auf der Rennpiste für den Piloten eine Herausforderung darstellen.
Für grosse Sicherheitsreserven sorgen das fein abgestimmte und selbst im Komfortmodus sehr straffe Fahrwerk, aber auch die diversen elektronischen Fahrdynamiksysteme wie etwa das dreistufige PDCC (Porsche Dynamic Chassis Control) oder das im Carrera optional lieferbare und im Carrera S serienmässige Torque-Vectoring-Hinterachs-Sperrdifferenzial. Der für den 991er um 100 mm verlängerte Radstand sowie die breitere Spur der Vorderräder tragen weiter zur Verbesserung der Fahrdynamik bei. Bei Porsche erwartet man für das Modell 991 einen ähnlichen Motorenmix wie im Vorgänger 997: rund 60 % Carrera S.
Gretchenfrage
Wie im Vorgänger dürfte sich auch der Getriebemix einpendeln. Das heisst, dass sich rund 70 % der Kunden für die PDK-Lösung (Porsche-Doppelkupplungsgetriebe) entscheiden dürften. Die übrigen Käufer, die laut Achleitner ein Segment darstellen, das trotz PDK-Euphorie nicht vernachlässigt werden darf, wählen das 7-stufige Handschaltgetriebe. Dieses ist konstruktiv sehr nahe mit dem PDK verwandt. Fünf Gänge weisen sogar die gleiche Übersetzung auf; einzig die Gänge 3 und 7 unterscheiden sich leicht.
«Im siebten Gang», erklärt Achleitner, «wurde beim Handschalter der Fahrdynamik zuliebe eine etwas kürzere Übersetzung gewählt.» Trotzdem: Auf der Autobahn ergibt sich ein vergleichsweise grosser Sprung von 6 auf 7. Das ist gut für den Verbrauch und das Innengeräuschniveau.
Während man das PDK bei den Stuttgartern schon in diversen anderen Modellen kennen und schätzen gelernt hat, stellt das Handschaltgetriebe in 7-Gang-Ausführung im Serienautobau eine Neuheit dar. Und diese vermag zu überzeugen: Das Getriebe ist schnell und exakt schaltbar, die nötige Druckkraft am Kupplungspedal hält sich in Grenzen. Eine einfache Sperre verhindert Fehlmanipulationen in den Schaltgassen – wie etwa von 4 zu 7 oder 7 zu 4. Die Höchstgeschwindigkeit wird mit beiden Getrieben in der sechsten Stufe erreicht.
Im Innenraum entspricht das Cabriolet weitgehend dem Coupé. Allen sportlichen Ansprüchen genügend und trotzdem sehr komfortabel sind die Sportsitze, die sich in entsprechender Sonderausstattung ebenso wie die Lenksäule elektrisch verstellen lassen.
In der Schweiz werden die ersten 911er-Cabrios ab März ausgeliefert; zu Preisen, die der neuen Frankenstärke angepasst sind und deshalb nun deutlich unter jenen des Vorgängers liegen. Das Cabrio 911 Carrera ist ab 135'100 Franken zu haben, während der Carrera S mit mindestens 153'000 Franken zu Buche schlägt. Für das Doppelkupplungsgetriebe werden in beiden Modellen zusätzlich 4890 Franken in Rechnung gestellt.
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