Ein Amerikaner für Turin
Zuerst nur als Grauimporte, ab 1988 dann ganz offiziell als Chrysler Voyager, kam das Grossraumfahrzeug vermehrt auf europäische Strassen. Ob nun Minivan oder Van sei dahingestellt, auf jeden Fall übertraf der Voyager schon in seiner ersten Auflage die europäische Konkurrenz (Renault Espace, Mitsubishi Space Wagon) bei den Abmessungen deutlich. Das hat sich bis heute nicht geändert. Obwohl auch die Konkurrenz mitgewachsen ist, gehört der Voyager in seiner seit 2008 gebauten fünften Auflage mit 522 cm Länge noch immer zu den stattlichsten Erscheinungen auf dem europäischen Markt.
Seit 2009 gehört Chrysler nun zum Fiat-Konzern. Und der Voyager wird seit letztem Jahr in Europa als Lancia Voyager, in den USA wie bisher als Chrysler Town&Country, Dodge Grand Caravan und VW Routan angeboten. Auch die europäische Variante wird auf dem amerikanischen Kontinent gebaut, nämlich im kanadischen Windsor.
Modern motorisiert
Für unseren Test stand der Voyager in seiner stärksten Ausführung mit dem 6-Zylinder-Pentastar-Benziner und einem 6-Stufen-Automatikgetriebe zur Verfügung. Der moderne Vollalumotor verfügt über 4 oben liegende, kettengetriebene und phasenverstellbare Nockenwellen, einen Ventiltrieb mit reibungsarmen Schlepphebeln, und er ist als drehzahlfester Kurzhuber ausgelegt. Im Voyager leistet der 3,6-L-Motor 208 kW (283 PS) bei – für die Fahrzeugklasse – hohen 6600/min und weist ein maximales Drehmoment von 344 Nm bei 4400/min auf. Damit soll er den doch immerhin 2160 kg schweren Lancia in 8,5 s auf Tempo 100 km/h beschleunigen. Diesen Wert verpassten wir mit 9,5 gemessenen Sekunden zwar deutlich, aber trotzdem überzeugt die Grossraumlimousine durch kräftigen Vortrieb und bulligen Durchzug.
Den Amerikaner im Lancia entdeckt man also zumindest nicht beim modernen Motor. Trotzdem ist schon nach wenigen Hundert Metern Fahrt klar, welche Wurzeln der Voyager hat. Da ist zunächst mal das Innenraumdesign mit dem Automatikwählhebel im Armaturenbrett und einer per linken Fuss betätigten Feststellbremse. Die verwendeten Materialien und die Verarbeitung sind aber hochwertiger, als man es sonst aus Amerika gewohnt ist, die Lederausstattung, die chromumrandeten Instrumente und die Holzapplikationen lassen sogar so was wie Premiumambiente aufkommen.
Was dann aber durch die wie nachgerüstet aussehende Navigationslösung wieder ad absurdum geführt wird. Die Bedienung, die Grafikanzeige, die Ablesbarkeit bei eingeschaltetem Fahrlicht und vor allem der unsäglich schlechte Radioempfang sind gelinde gesagt eine Zumutung. Schade, denn die verbauten Boxen brauchen im CD- oder Bluetooth-Handy-Betrieb einen Vergleich mit Bose und Co. nicht zu scheuen.
Grosszügig variabel
Der Innenraum ist sehr generös, die Platzverhältnisse und der Komfort auf allen sieben Sitzen sind formidabel. Die Übersichtlichkeit vom Fahrerplatz aus wäre ebenso ausgezeichnet, wenn nicht die dunklen seitlichen Scheibenfolien wären, die bei schlechtem Wetter die Durchsicht zu stark behindern.
Sowohl die hintere Sitzbank als auch die beiden mittleren Einzelsessel lassen sich mit wenigen Handgriffen im Laderaumboden verstauen, brauchen also nicht ausgebaut zu werden, wenn man die dadurch entstehende, 2,5 m lange und bis zu 1,2 m breite Ladefläche nutzen will.
Amerikanisch
Der zweite Punkt, an dem der Amerikaner zu erkennen ist, findet sich antriebsseitig. Ist der Motor noch modern und kultiviert, so trifft die Getriebeabstimmung den europäischen Geschmack weit weniger. Viel zu nervös und hektisch schaltet die in jedem Gang stark «im Wandler hängende» 6-Stufen-Automatik bei jeder kleinen Gaspedalbewegung hin und her. Da kann man nicht auf einer Drehmomentwelle reiten. Beim Beschleunigen auf der Autobahn ab 80 km/h zum Beispiel schaltet das Getriebe gleich zwei Gänge runter. So wird aus dem eigentlich leisen und lammfrommen Van ein bei 5000/min aufbrüllender Halbstarker mit vehementem Vortrieb, was so gar nicht zum Cruisingcharakter des Voyager passt. Leider gibts auch keine manuelle Getriebestellung, geschweige denn Schaltwippen, um dem Tun Einhalt zu gebieten. Nur wenig Gas geben nützt nichts, dann gehts einfach nicht schneller vorwärts. Gibt man ein klein bisschen mehr, wird gleich runtergeschaltet. Klar, dass sich dies auch im Treibstoffkonsum niederschlägt. Der im Test ermittelte Durchschnitt von 11,2 L auf 100 km ist heutzutage kein Ruhmesblatt mehr. Und selbst auf unserer Normrunde verbrannte der Voyager noch 8,6 L/100 km vom wertvollen Saft.
Der dritte «Amerikaner-Punkt» hinterlässt gemischte Gefühle. Wir sind uns ja inzwischen selbst von hochbeinigen SUV, von Luxuslimousinen, ja sogar von Kleinwagen eine eher sportlich ausgelegte Fahrwerksabstimmung gewohnt. Davon ist der Voyager weit weg. Behäbig, ja fast schon erhaben zieht der Italoamerikaner seine Bahnen. Nichts bringt ihn aus der Ruhe, kaum eine Fahrbahnunebenheit wird von den Passagieren überhaupt bemerkt. Dreht man am Lenkrad, passiert zwar was, aber von einer Rückmeldung, was denn genau – keine Spur. In Kurven untersteuert der Fronttriebler kräftig. Trotzdem fühlt man sich im grossen Van nie unsicher, man hat die Fuhre jederzeit im Griff. Zudem ist der grosse Lancia sehr komfortabel, leise und souverän. Irgendwie passt dieser Cruising-Style schon zum Voyager, man will es gar nicht anders haben.
Das Fazit
Der Lancia Voyager ist wie schon der Vorgänger von Chrysler im Herzen ein echter Ami geblieben, auch wenn das Logo nun aus Turin stammt. Die Frage ist also nicht: Lancia ja oder nein. Die Frage ist, ob man von den paar typischen Verschrobenheiten aus amerikanischen Landen abgeschreckt wird oder ob die positiven Aspekte der Grossraumlimousine dies überkompensieren. Dem launenhaften Getriebe, dem relativ hohen Verbrauch, dem wenig sportlichen Fahrverhalten und dem unzulänglichen Radio-Navigations-System stehen nämlich auf der Habenseite ein in der Fahrzeugklasse selten gewordener kräftiger V6-Benziner, unglaublich viel Platz bei toller Variabilität und eine wirklich komplette Ausstattung (inklusive elektrischer hinterer Schiebetüren) bei moderatem Preis gegenüber. Dazu gibts gute Bremsen mit einem komfortablen Fahrwerk und einen angenehmen Innengeräuschpegel. So bleibt der Voyager auch als Lancia nicht nur für Familienväter eine durchaus überlegenswerte Alternative. – Preise: Lancia Voyager V6 3.6 ab Fr. 55'900.–; Testwagen mit Optionen (Pack Techno, Pack Entertainment, Metallic) Fr. 62'650.–.
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