Trendsetter: Und sie dreht sich doch
Wer nicht erst durch die Backstreet Boys, DJ Bobo oder Rihanna mit dem Musikvirus infiziert worden ist, wird das Gefühl aus seiner Jugend kennen: Dieser einzigartige Geruch einer Langspielplatte, das riesige Coverartwork, das rituelle Herausnehmen und Auflegen, das vorsichtige Aufsetzen der Nadel – und vor allem der angenehm wohlige, warme Klang. Erinnerungen, die viele Musikliebhaber Zeit ihres Lebens nie vergessen werden.
Doch Gewohnheiten ändern sich. Mit dem Aufkommen der Compact Discs Ende der 80er Jahre verschwand Vinyl fast komplett von der Bildfläche, das Angebot in den Läden wurde immer kleiner. Dass Platten bald nur als Relikte einer längst vergangenen Zeit eine Rolle spielen würden, stand spätestens ab den 90er Jahren ausser Frage. Und als nach der Jahrtausendwende MP3-Formate und iPods Musik überall verfügbar machten, schien das Schicksal der unhandlichen Tonträger endgültig besiegelt.
Doch Totgesagte leben länger. In Zeiten, in denen alles digitalisiert wird, sehnen sich offenbar immer mehr Musikfans zurück nach Handfestem. «Eine Schallplatte in der Hand halten zu können, das wird mit Sinnlichkeit verbunden», erklären Verkäufer in Record Stores wie Amoeba Music. Deshalb wird das LP-Angebot nicht nur in Musikgeschäften wieder grösser – auch online boomt das Geschäft mit Vinyl. Online-Labels wie High Roller Records aus Deutschland oder Outsider in der Schweiz haben sich auf den Verkauf von hochwertigen, 180 Gramm schweren LPs spezialisiert und bieten auch längst vergriffene oder vergessene Perlen aus dem Backkatalog an. Ein spezielles Augenmerk wird dabei auf die Verpackung gelegt, bei der besonders farbiges Vinyl bei den Kunden derzeit sehr populär ist.
Dass man dafür etwas tiefer in die Tasche greifen muss, ist kein Hindernis. Denn Vinyl, das bedeutet wertvolle Emotionen. Deshalb feiert die Schallplatte über 100 Jahre nach ihrer Erfindung im digitalen Zeitalter ein unerwartetes Revival. Zahlen belegen den Trend: Mit rund 1,5 Millionen Einzelexemplaren sind 2010 beispielsweise in Deutschland fünf Mal so viele Schallplatten verkauft worden wie noch 2006. Auch in der Schweiz erfreut sich Vinyl wachsender Beliebtheit. Während der Umsatz bei CDs immer weiter sinkt, ist das eine erstaunliche Entwicklung. Zumal es weltweit nur noch wenige Hersteller gibt, die überhaupt Schallplatten produzieren.
Doch wer kauft heutzutage wieder Vinyl? Es sind beileibe nicht nur Nostalgiker, die ihre Jugend konservieren oder nachholen wollen. Auch bei den Kids ist Vinyl sehr beliebt. Jüngere mögen den Retro-Sound, den nur eine Schallplatte erzeugen kann. Auch bei DJs haben Platten eine wichtige Bedeutung: Nur mit Polyvinylchlorid können DJs auf ihren Turntables Sounds so zusammen mischen, wie es für sie stimmt. Obwohl es längst Software gibt, die das Mixen bis ins kleinste Detail simulieren, greifen echte Könner trotzdem lieber zu Vinyl. Denn Sinnlichkeit überträgt sich selbst in einem Club besser mit dem schwarzen Gold unter den Tonträgern.
Entstehung
Vinylplatten gibt es in der Schweiz ungefähr seit den späten 40er Jahren. Wegbereitend für Schallplatten und Plattenspieler war Thomas Edisons Entwicklung des Phonographen im Jahr 1877. Edison (1847-1931) war nicht nur der Erfinder der Glühbirne, er trieb auch die Entwicklung des Grammophon voran. Die ersten Schallplatten bestanden aus Zinkblech, hatten einen Durchmesser von zwölf Zentimetern. Sie liefen mit 150 Umdrehungen pro Minute und brachte es so auf eine Spieldauer von etwa einer Minute.
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