«Die Entscheidung war einfach»
Um es vorweg zu nehmen: Selbst wenn es ein Zeit gegeben hat, in der Testpiloten verwegene Draufgänger waren, die am Steuer zusammengeschusterter Kisten Kopf und Kragen riskierten, so gehört sie der Vergangenheit an. Dafür sind heute Aufmerksamkeit, Genauigkeit, Teamfähigkeit und das Fachwissen eines Ingenieurs gefragt, wenn es um die Erprobung eines Luftfahrzeugs geht. Schliesslich ist der Bau eines neuen Flugzeugs kostspielig und komplex. Das Wissen der verantwortlichen Piloten ist deshalb bei der Entwicklung ebenso gefragt, wie ihre Beobachtungen und Analysen bei den Testflügen.
Markus Scherdel erfüllt diese Anforderungen ausnahmslos. Der Luft- und Raumfahrtingenieur in den Reihen von Solar Impulse strahlte selbst dann noch erstaunliche Gelassenheit und Ruhe aus, als er Anfang April kurz davor stand, mit der HB-SIA zum ersten Flug zu starten und Luftfahrtgeschichte zu schreiben. «Das Flugzeug in einem Stück zurückbringen», antwortete er damals schmunzelnd auf die Frage, was denn das oberste Ziel des Jungfernflugs mit dem Solarflugzeug sei. Gut drei Jahre hatte Scherdel zu diesem Zeitpunkt bereits für das Schweizer Projekt gearbeitet und die Entwicklung und Zertifizierung des Fliegers ebenso wie die Einrichtung des Flugsimulators unterstützt. «Ich hatte das Projekt schon einige Zeit im Internet verfolgt», so der deutsche Meister im Streckensegelfliegen auf die Frage nach seinem Motiv, für Solar Impulse zu arbeiten. «Als dann Chefingenieur Marcus Basien anfragte, ob ich aktiv mitmachen wolle, war die Entscheidung sehr einfach.» Er sei der festen Überzeugung, dass die Menschheit künftig deutlich mehr auf erneuerbare Energien setzten müsse - und dass dies bereits heute möglich wäre. «Darüber hinaus hat mich natürlich auch die Herausforderung gereizt, an einem so einzigartigen Projekt mitzuarbeiten.»
«Alles, was mit Fliegen zu tun hat, hat mich schon immer begeistert», fährt Scherdel fort, gefragt, ob denn Testpilot sein Traumberuf sei. «Zuerst das Modellfliegen, dann das Fliegen mit einer Privatpilotenlizenz und schliesslich das Studium in Luft- und Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München.» Dann habe sich für ihn die Möglichkeit ergeben, das Fliegen mit der Wissenschaft zu verbinden und «als Technischer Luftfahrzeugführer beim Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt zu arbeiten und die Ausbildung zum Testpiloten zu absolvieren.» Seither wirkte Scherdel unter anderem am Bau des Passagierflugzeugs 728JET des deutsch-amerikanischen Herstellers Fairchild-Dornier mit.
Wie «angefressen» Scherdel vom Fliegen ist, lässt sich aber am besten beobachten, wenn nach einem langen Testflugtag langsam wieder Ruhe auf der Basis von Solar Impulse einkehrt. Dann holt der Deutsche - der den Morgen im Cockpit der HB-SIA verbrachte und den Mittag in Techniksitzungen - sein Modelflugzeug hervor und beginnt, waghalsige Manöver über dem Hangar zu fliegen. «Weil wir heute noch nicht genug in der Luft waren», erklärt er mit einem Grinsen. Wie lange wird er denn voraussichtlich noch bei Solar Impulse bleiben? Scherdel: «Hoffentlich noch lange.»
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