«Ich habe bei der Gründung von Swisscleantech sofort an Bertrand Piccard gedacht»
Herr Beglinger, zum Einstieg eine kurze Wahlbilanz: Wurde proklima gewählt?
Ja, das kann man eindeutig sagen, für uns ist der Ausgang der Wahl sehr erfreulich. Vor allem die Bildung einer neuen Mitte ist sehr positiv – so sollte es einfacher werden, Mehrheiten pro Nachhaltigkeit zu bilden. Bis anhin ist das immer nur sehr knapp gelungen.
Wie war die Resonanz auf die von Ihnen lancierte Energiecharta? Sind Sie zufrieden?
Extrem zufrieden. Insgesamt haben gegen 550 Bundeshaus-Kandidaten unterschrieben, aus allen Parteien, also gut ein Fünftel aller Kandidaten. Bei den Gewählten kommen wir auf eine Quote von über 30 Prozent, darunter fünf Parteipräsidenten. Das macht uns zuversichtlich für das Lobbying in den Sessionen, denn nun müssen die Versprechen konkret umgesetzt werden.
Stört es sie, wenn man Swisscleantech als eine typisch 'grünliberale' Idee bezeichnet?
Natürlich gibt es Parallelen zum Programm der grünliberalen Partei, doch es ist uns wichtig, dass Swisscleantech selber parteineutral bleibt, um so Unterstützung quer durch die Parteien zu finden. Auch wir wollen Ökologie und Ökonomie verbinden, doch ohne Parteipolitik, die Mehrheiten muss man über Parteiengrenzen hinweg finden.
Was sagen Sie zur Einschätzung, der Erfolg der Grünliberalen sei eine Zeitgeist-Erscheinung?
Sicher gibt es auch im Politgeschäft Moden und Wellen, ohne Fukushima beispielsweise wäre der Erfolg sicher nicht möglich gewesen. Aber: Die Grundthematik muss sehr langfristig betrachtet werden – die Probleme, mit denen wir es zu tun haben (die beschränkten Ressourcen, unsere Fixierung auf fossile Energieträger) lösen sich nicht einfach wieder in Luft auf. Deshalb ist es wichtig, diese Themen langfristig anzugehen. Und sich nicht leiten zu lassen von politischen Hypes oder Erfolgswellen.
Wie kam es eigentlich zur Zusammenarbeit mit Solar Impulse?
Ich habe Bertrand Piccard schon von einem früheren Projekt in Abu Dhabi her gekannt, und habe bei der Gründung von Swisscleantech deshalb sofort an ihn gedacht. Ich habe ihn gefragt ob er mitmacht, und er hat sofort zugesagt, Präsident des Patronatskomittees zu werden.
Wie ist ihre Einschätzung zu Solar Impulse: Generiert das Projekt konkrete Cleantech oder ist es mehr als Botschafter für eine Idee zu verstehen?
Das Tolle an dem Projekt ist eben: Es ist beides, und zwar im ganz grossen, in einem imposanten Massstab. So eine internationale Ausstrahlungskraft haben nur ganz wenige Schweizer Projekte. Das hat eine grosse Symbolkraft: Das Fliegen war immer schon ein Menschheitstraum – und es ist gewissermassen die letzte technische Instanz, was die Elektrifizierung des Verkehrs betrifft. Wenn man es hier schafft, dann schafft man es überall. Natürlich ist die kommerzielle Umsetzung noch etliche Jahrzehnte weg, aber schon heute schafft das Projekt Innovationen: Solarpanels, die auf beschränktem Raum Leistung erzielen, effiziente elektrische Motoren, Fortschritte in der Batterietechnologie, Leichtbauweisen, die auch Extremsituationen standzuhalten vermögen.
Machen wir noch einen Schwenk nach Durban, zur gerade gestarteten Klimakonferenz: Wie sind Ihre Erwartungen?
Ich bin nicht gern Pessimist, doch es ist allerdings schwierig, hier Optimist zu sein, zumindest, was ein globales Abkommen angeht. Wahrscheinlich muss sich, da die Interessen so verschieden sind, ein Club der Willigen bilden, der sich klare Ziele setzt und vorwärts macht, auch ohne globales Agreement. Was mich zuversichtlich stimmt: Es gibt immer mehr Initiativen, die direkt aus der Wirtschaft kommen, hier setzt sich allmählich die Einsicht durch, dass etwas passieren muss. Es muss gelingen, eine nachhaltige Marktwirtschaft zu formen, und so wie es aussieht, wird der Druck dafür von Wirtschaftsseite kommen.
Könnte die Schweiz in einem solchen Club der Willigen eine Führungsrolle übernehmen?
Man kann festhalten: Die Schweiz ist das wettbewerbsfähigste und auch das innovativste Land der Welt, also ja, diese Führungsrolle kann sie potenziell auf jeden Fall spielen. Man könnte auch sagen: Wenn nicht die Schweiz, dann wer sonst. Dazu kommt die helvetische Tradition des diplomatischen Brückenbauers. Schon viele internationale Abkommen kamen aus der Schweiz. Im jetzigen politischen Umfeld allerdings ist so eine Vision vielleicht doch nur halb realistisch. Es fehlt in den politischen Gremien noch an Mut, und auch am Verständnis, was eine solche Rolle bringen würde, wirtschaftlich gesehen. Aber man merkt da langsam ein Umdenken.
Wie schaffen wir es, die Klimaproblematik zuoberst auf der politischen Agenda zu behalten?
Tatsächlich drohte das Klimathema in letzter Zeit ein wenig verdrängt zu werden, oder es wurde verzerrt dargestellt, zum Beispiel indem es für die Sache der Atomkraft instrumentalisiert wurde. Wir versuchen, das Thema wieder dahin zu bringen, wo es hingehört: nämlich mitten in den Energiewende-Fokus. Es gibt nicht eine Energiediskussion und eine Klimadiskussion. Dabei greifen wir auch zu einem rhetorischen 'Trick', indem wir sagen: Klimapolitik hat nicht mit Umweltschutz zu tun, sondern mit Wirtschaftspolitik, mit Wettbewerbsfähigkeit.
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