Das eigene Haus als Kraftwerk nutzen
Herr Cadonau, Sie propagieren seit Jahrzehnten die Abkehr von nicht erneuerbarer Energie sowohl in der Schweiz wie auch in Europa. Wo steht die Schweiz im Ländervergleich?
Leider gehört unser Land in Europa zu den Schlusslichtern. 80 Prozent der benötigten Primärenergie stammt aus dem Ausland. Das meiste davon sind fossile Energieträger wie Erdöl und Erdgas sowie Uran. Das ist alles andere als nachhaltig. In der Schweiz drehte sich die Diskussion lange fast nur um Atomkraftwerke (AKW). Die restliche Energie für das Heizen, Wohnen und den Verkehr wurde bisher leider ausser Acht gelassen, obwohl der Gesamtenergiebedarf fast fünf Mal grösser ist als der Elektrizitätsbedarf.
Innerhalb von zehn Jahren könne die Leistung aller AKW in der Schweiz kompensiert werden, wenn jährlich zwei Prozent aller Gebäude in unserem Land richtig renoviert würden, rechnen Sie vor. Das klingt unglaublich.
Die Rechnung ist ganz einfach: 25 Terawattstunden (TWh) Elektrizität produzieren die Schweizer AKW pro Jahr. Mit einer gezielten Gebäudesanierung nach heutigem Stand der Technik von zwei Prozent aller 2,2 Millionen Gebäude könnten pro Jahr 2 TWh eingespart und 0,5 TWh durch Solarenergie ersetzt werden. In zehn Jahren entspricht das der Leistung aller AKW in der Schweiz. Das Verrückte dabei ist, dass wir für diesen Schritt überhaupt keine weitere Forschung und keine neuen Technologien brauchen. Es existiert schon alles, was dazu nötig ist. Wir müssen gar nichts neu erfinden, bloss die Wohn- und Geschäftsbauten, die mit dem Schweizer Solarpreis ausgezeichnet werden, kopieren.
Warum setzen Sie gerade bei den Gebäuden an?
Weil Gebäude über das mit Abstand grösste Energiepotential verfügen. Stellen Sie sich ein Haus vor mit zehn Fenstern, die alle offen stehen. Nun kommt der Winter und es wird drinnen kälter. Der gesunde Menschenverstand gebietet, die Fenster zu schliessen. In den meisten Schweizer Häusern sind leider neun der zehn Fenster nach wie vor offen, bildlich gesprochen. Im Vergleich zum heutigen Stand der Gebäudetechnik könnten 90 Prozent des Energiebedarfs durch eine Kombination von besserer Wärmedämmung und Solarnutzung ersetzt werden. Stattdessen wird oft in jedem Zimmer ein zusätzlicher Ofen montiert. Das gibt auch warm, ist aber weder ökologisch noch wirtschaftlich sinnvoll.
Wie lässt sich Ihr Ziel erreichen?
Der Blick auf die letzten vierzig Jahre mit jährlichen Energieimporten von über zehn Milliarden Franken zeigt, dass freiwillige Massnahmen im Bereich der erneuerbaren Energien und Energieeffizienz völlig versagt haben. Sie sind gleich wirksam wie freiwilliges Steuernzahlen. Es braucht entweder staatliche Anreize oder gesetzliche Vorgaben, die uns in die richtige Richtung lenken. Im österreichischen Bundesland Vorarlberg wird seit 2007 der Standard Minergie-P (Passivhaus) für Bauten vorausgesetzt, die in öffentlichem Interesse stehen. Allein damit lassen sich rund 50 Prozent Wärmeenergie einsparen.
Wagen Sie eine Prognose, wie es in der Schweiz energiepolitisch weitergeht?
Wenn die Schweizer Energiepolitik weiterhin im Schlafwagen unterwegs ist, bezweifle ich, dass uns demnächst ein bedeutender Schritt gelingt. So werden noch viele Fenster unserer Häuser im Winter offen bleiben, statt das grösste «Gebäudekraftwerk» mit einem Energiepotential von über 125 TWh pro Jahr zu nutzen. Dafür werden hunderte hochsubventionierte Kleinwasserkraftwerke unsere letzten Bäche für jährlich etwa 1 TWh trockenlegen.
Was stimmt Sie so pessimistisch?
Die meisten Leute sind nicht gut informiert. Dazu herrscht die irrige Meinung, die Energiewende sei unbezahlbar. Solche Ansichten vertreten auch wirtschaftliberale Parteien, die sonst stets für die Unabhängigkeit der Schweiz kämpfen. Unverständlich, wie man glauben kann, man würde der Schweizer Bevölkerung und unseren Unternehmen etwas Gutes tun, während man in Wirklichkeit nur die Erdgas-, Uran- und Erdölexportländer unterstützt. Stellen Sie sich vor, diese zehn Milliarden Franken würden jedes Jahr in nachhaltige Gebäuderenovationen im Inland und nicht in fossile Brennstoffe investiert.
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