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Das eigene Haus als Kraftwerk nutzen

Beispiel eines Plusenergiehauses, das mehr Energie produziert als es verbraucht.
Bild: Das Plusenergiehaus

Mit einem Interview beleuchten wir jeden Monat die Hintergründe des Solar Impulse-Projekts. Diesen Monat skizziert Gallus Cadonau, wie die Schweiz innerhalb von zehn Jahren viel umweltfreundlicher werden könnte. Der 62-jährige Bündner leitet die Solar Agentur Schweiz und hat Ende 2011 den Binding-Preis gewonnen, eine der wichtigsten Auszeichnungen Europas für Natur- und Umweltschutz.

Herr Cadonau, Sie propagieren seit Jahrzehnten die Abkehr von nicht erneuerbarer Energie sowohl in der Schweiz wie auch in Europa. Wo steht die Schweiz im Ländervergleich?

Leider gehört unser Land in Europa zu den Schlusslichtern. 80 Prozent der benötigten Primärenergie stammt aus dem Ausland. Das meiste davon sind fossile Energieträger wie Erdöl und Erdgas sowie Uran. Das ist alles andere als nachhaltig. In der Schweiz drehte sich die Diskussion lange fast nur um Atomkraftwerke (AKW). Die restliche Energie für das Heizen, Wohnen und den Verkehr wurde bisher leider ausser Acht gelassen, obwohl der Gesamtenergiebedarf fast fünf Mal grösser ist als der Elektrizitätsbedarf.

Innerhalb von zehn Jahren könne die Leistung aller AKW in der Schweiz kompensiert werden, wenn jährlich zwei Prozent aller Gebäude in unserem Land richtig renoviert würden, rechnen Sie vor. Das klingt unglaublich.

Die Rechnung ist ganz einfach: 25 Terawattstunden (TWh) Elektrizität produzieren die Schweizer AKW pro Jahr. Mit einer gezielten Gebäudesanierung nach heutigem Stand der Technik von zwei Prozent aller 2,2 Millionen Gebäude könnten pro Jahr 2 TWh eingespart und 0,5 TWh durch Solarenergie ersetzt werden. In zehn Jahren entspricht das der Leistung aller AKW in der Schweiz. Das Verrückte dabei ist, dass wir für diesen Schritt überhaupt keine weitere Forschung und keine neuen Technologien brauchen. Es existiert schon alles, was dazu nötig ist. Wir müssen gar nichts neu erfinden, bloss die Wohn- und Geschäftsbauten, die mit dem Schweizer Solarpreis ausgezeichnet werden, kopieren.

Warum setzen Sie gerade bei den Gebäuden an?

Weil Gebäude über das mit Abstand grösste Energiepotential verfügen. Stellen Sie sich ein Haus vor mit zehn Fenstern, die alle offen stehen. Nun kommt der Winter und es wird drinnen kälter. Der gesunde Menschenverstand gebietet, die Fenster zu schliessen. In den meisten Schweizer Häusern sind leider neun der zehn Fenster nach wie vor offen, bildlich gesprochen. Im Vergleich zum heutigen Stand der Gebäudetechnik könnten 90 Prozent des Energiebedarfs durch eine Kombination von besserer Wärmedämmung und Solarnutzung ersetzt werden. Stattdessen wird oft in jedem Zimmer ein zusätzlicher Ofen montiert. Das gibt auch warm, ist aber weder ökologisch noch wirtschaftlich sinnvoll.

Wie lässt sich Ihr Ziel erreichen?

Der Blick auf die letzten vierzig Jahre mit jährlichen Energieimporten von über zehn Milliarden Franken zeigt, dass freiwillige Massnahmen im Bereich der erneuerbaren Energien und Energieeffizienz völlig versagt haben. Sie sind gleich wirksam wie freiwilliges Steuernzahlen. Es braucht entweder staatliche Anreize oder gesetzliche Vorgaben, die uns in die richtige Richtung lenken. Im österreichischen Bundesland Vorarlberg wird seit 2007 der Standard Minergie-P (Passivhaus) für Bauten vorausgesetzt, die in öffentlichem Interesse stehen. Allein damit lassen sich rund 50 Prozent Wärmeenergie einsparen.

Wagen Sie eine Prognose, wie es in der Schweiz energiepolitisch weitergeht?

Wenn die Schweizer Energiepolitik weiterhin im Schlafwagen unterwegs ist, bezweifle ich, dass uns demnächst ein bedeutender Schritt gelingt. So werden noch viele Fenster unserer Häuser im Winter offen bleiben, statt das grösste «Gebäude­kraftwerk» mit einem Energiepotential von über 125 TWh pro Jahr zu nutzen. Dafür werden hunderte hochsubventionierte Kleinwasserkraftwerke unsere letzten Bäche für jährlich etwa 1 TWh trockenlegen.

Was stimmt Sie so pessimistisch?

Die meisten Leute sind nicht gut informiert. Dazu herrscht die irrige Meinung, die Energiewende sei unbezahlbar. Solche Ansichten vertreten auch wirtschaftliberale Parteien, die sonst stets für die Unabhängigkeit der Schweiz kämpfen. Unverständlich, wie man glauben kann, man würde der Schweizer Bevölkerung und unseren Unternehmen etwas Gutes tun, während man in Wirklichkeit nur die Erdgas-, Uran- und Erdölexportländer unterstützt. Stellen Sie sich vor, diese zehn Milliarden Franken würden jedes Jahr in nachhaltige Gebäuderenovationen im Inland und nicht in fossile Brennstoffe investiert.

(Andreas Renggli)

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16 Kommentare

Gabriel Hauser
Bern

Na ja, ganz so wie es hier dargestellt wird ist dann die Wirklichkeit auch wieder...

03.Feb.2012
Gallus Cadonau
Zürich

Nicht ganz so schlimm, meint Herr Hauser. Wenn er seine Meinung vor 20 Jahren publiziert hätte, wäre ich mit ihm fast einverstanden gewesen. Doch wer erachtet ein Baustandard von 1996 ? also über 15 Jahre alt ? als heute noch vertretbar? Die Eigentümer und Unternehmungen, welche Minergie-P- und PlusEnergieBauten herstellen, könnten Herr Hauser bestens über die Effizienz von erneuerbaren Energien, Solarstrom usw. informieren. Die übrigen Einwände wurden in den offiziellen Publikationen des Schweizer Solarpreises 2010/11 bereits widerlegt. Das kleine Land Vorarlberg hat bereits 2007 den MinergieP-/Passivhaus-Standard eingeführt. Damit wird rund 50% weniger Wärmeenergie verschwendet im Vergleich zu Minergie-P. Wenn jemand Energie verschwenden und viel bezahlen will, ist es ja seine Sache?

10.Feb.2012
Peter Rumo
Reiden

Ist dieses Plusenergiehaus etwa so energieautark wie die vielgerühmte Monte...

03.Feb.2012
Gallus Cadonau
Zürich

Sehr geehrter Herr Rumo
Ich habe keine Ahnung, ob es sich bei diesem Haus um einen PlusEnergieBau handelt. Für die von der Technischen Kommission und Jury des Schweizer Solarpreises geprüften Bauten können wir garantieren, dass die Zahlen stimmen. Im Übrigen wurden die falschen Zahlen bei der viel gerühmten Monte Rosa-Hütte von der Technischen Kommission und der Schweizer Solarpreis-Jury gefunden und korrigiert und nicht von Dritten. In diesem Sinn träumen nicht wir, sondern viele andere?

10.Feb.2012
Mario Tresch
Intschi

Als langjähriger selbständiger Spengler verfolge ich die Diskussionen um die zuküntige...

03.Feb.2012
Gallus Cadonau
Zürich

Auch ich teile Ihre Auffassung, Elektroheizungen sollten sofort verboten werden, weil sie 4-5 Mal mehr Strom konsumieren als normale Wohnungsinhaber. Auch mit dem Vorschlag der Wärmedämmung bin ich einverstanden und ebenfalls, dass unsere Kinder eines Tages dankbar wären, wenn wir endlich handeln würden?

10.Feb.2012