Keine Opfer!
Dokumentation über drei Jugendliche in einem Berliner Problembezirk.
"Wenn man gross wird, muss man selber erst mal verstehen: Man ist kein Ausländer. Man ist ein Deutscher. Erst wenn man das begriffen hat, wird die Integration ganz einfach." Hassan ist 18 Jahre alt und macht gerade Abitur. Seine Familie kommt aus dem Libanon, doch der engagierte junge Mann sieht seine Heimat in Deutschland, in Berlin. Die Doku "Neukölln Unlimited" (2009), die auf der Berlinale bejubelt wurde, ist nun erstmals bei ARTE zu sehen.
Das gab es schon mal, und auch damals wurde applaudiert. Im multikulturellen Kleinstaat Berlin lassen sich immer wieder Einzelschicksale entdecken. 2007 drei jugendliche Kreuzbergerinnen in der Dokumentation "Prinzessinnenbad", zwei Jahre später eine geduldete libanesische Familie. Im Fokus: der vorlaute Maradona, mitten in der Pubertät, die 19-jährige, besonnene Lial und Hassan, der zwar ein Jahr jünger ist, aber in Ermangelung des Vaters daheim den Ton angibt. Sie bilden für Agostino Imondi und Dietmar Rasch das Spannungsfeld und eine dankbare Projektionsfläche, schliesslich haben alle drei besondere Talente.
Meist erzählt Hassan, zum Beispiel die Geschichte der ersten Abschiebung, die seine Familie traumatisiert hat. Seine Worte werden von einem ausgezeichneten Comicstrip untermalt, für den Benjamin Kniebe verantwortlich zeichnet. Sie kamen zurück, sie kämpfen um ihr Bleiberecht, sind jedoch nur geduldet. Derweil schaffen sie sich ihre eigenen Perspektiven. Hassan ist Mitglied einer Streetdance Crew, rappt und arbeitet in einem Jugendtreff. Lial tanzt auch, spielt Theater und macht eine Ausbildung. Die beiden Grossen versuchen nebenbei, den aufmüpfigen, aufstrebenden Kleineren vor der nächsten Explosion zu bewahren.
Fremdkörpergefühl und Heimatliebe, Zusammenhalt und Machtkampf sind die Themen von "Neukölln Unlimited". Regisseur Dietmar Rasch hofft, irgendwann mit dieser Familie die deutsche Staatsbürgerschaft feiern zu dürfen. Ein ehrbares Anliegen, doch jedem Zuschauer sollte bewusst sein, dass es sich bei dieser Familie um Vorzeigeimmigranten ohne Fehl und Tadel handelt. Sie verzweifeln nicht, sind selbstbewusste, kreative Ausnahmeerscheinungen. Die kurzweilige Kiez-Doku dient dennoch als wichtiger Beitrag zur nicht enden wollenden Diskussion über Asyl und Integration.