Die neuen Schweizer (Teil 2) - Joy Frempong, Musikerin aus Ghana
Die neuen Schweizer
Diese Assemblage könnte genauso gut in einem Übungskeller stehen - oder in einem Kinderzimmer: Ein halbhohes Podest, darauf eine Vielzahl von kleinen Instrumenten, Flöten, Rasseln, ein Toypiano. An Stangen links und rechts farbige Püppchen, denen sich Geräusche entlocken lassen.
Dahinter eine grossgewachsene junge Frau, die in zwei Mikrofone singt. Ihre Hände gleiten über unsichtbare Tasten und Knöpfe, erzeugen Klänge, Loops, Harmonien. Imposant ist diese multimediale Performance - und von hypnotischer Wirkung.
Die Assemblage freilich findet sich auf einer grossen Bühne, bestaunt und bejubelt von einem vielhundertköpfigen Publikum. Es ist Juli 2010, und Joy Frempong gibt ein Solo-Konzert in der Miles Davis Hall des Montreux Jazz Festival.
"In Zürich fülle ich mit meinem Soloprojekt bis heute erst kleine Räume", sagt Frempong, die das Experiment mit Stimme und Elektronik liebt. "Da ich aber immer öfter an Festivals spiele, stehe ich zuweilen auch vor grossem Publikum."
Eigentlich sei sie nicht gerne Frontfrau, aber sie möge es schon, auf grossen Bühnen zu stehen. "Wenn ich dort dem Publikum Geschichten erzählen kann, kommt meine extrovertierte Seite zur Geltung."
Die andere Seite der Joy Frempong, die introvertierte, offenbart sich im Gespräch, zu dem sie an einen besonderen Ort lädt. "Hier ist ein Stück Heimat", sagt sie und betont das zweitletzte Wort. "Hier hatte ich meinen ersten Übungsraum", sie zeigt nach rechts, dann nach links, "und hier meine erste eigene Wohnung."
Frempong steht mitten auf der Hardbrücke, die die Zürcher Stadtkreise 4 und 5 verbindet. "Hier ist Zürich urban und bewegt. Das gefällt mir."
Plötzlich Schweizerin
Geboren freilich ist Joy Frempong ganz anderswo. «Meine Mutter ist Schweizerin, mein Vater Ghanaer, und sie lernten sich in Nordghana beim Bibelübersetzen kennen.» Obwohl sie diesen Satz schon oft gesagt haben wird, lächelt sie. «Ja, das ist speziell, zumal sie in Sissala, eine der vielen Sprachen Nordghanas, übersetzen.»
Als Joy sieben war, zog die Familie in die Schweiz. Was als vorübergehend geplant war - der Vater ihrer Mutter hatte einen schweren Autounfall erlitten - dehnte sich aus. Erst vor zehn Jahren kehrten die Eltern nach Ghana zurück.
Joy und ihr Bruder absolvierten Schulen und Ausbildungen in der Schweiz. «Als ich mit 14 merkte, dass ich nun gleich lang in der Schweiz lebte wie als Kind in Ghana, wurde mir klar, dass ich nun wohl eine Schweizerin bin», erinnert sie sich.
Zuvor habe sie ihre Identität kaum als gespalten empfunden. «Unsere Ankunft war ja nur bedingt dramatisch», unterstreich sie. «Ans Herumreisen waren wir uns gewohnt, und die Sprache war auch kein Problem.» Die Mutter habe mit den Kindern stets Schweizerdeutsch gesprochen.
Auch die soziale Integration geschah problemlos: «Wir lebten in Dietlikon, wo man uns eher mit Neugierde als Ablehnung begegnete.» Und wenn ihr die anderen Kinder lachend «Schoggi» nachriefen, habe sie cool gekontert: «Und ihr sind d'Milch i de Schoggi!».
Heute spielt Joy Frempong mit ihrem Äusseren. Mir ihren Püppchen und anderen Accessoires macht sie den «Wuschelkopf» auf witzige Weise zum Kunstobjekt. «Beim Musikmachen schadet es nie, in irgendeiner Form aus dem Rahmen zu fallen.»
Dies allein reicht freilich nicht aus für eine Karriere, wie sie Frempong derzeit durchlebt. Frempong hat eine akademische Ausbildung beschritten. Nach der Matura in Zürich begann sie ein Ethnologiestudium und besuchte gleichzeitig den Vorkurs für die Jazzschule. Nach einem Jahr entschied sie sich für das Studium an der Jazzschule Bern.
Heute lebt ihre Musik von der Lust zum Experiment und spielt in verschiedenen Bands und Projekten. Priorität hat zurzeit ihr Soloprojekt Oy. Gerade von einer langen Reise durch West- und Südafrika zurückgekehrt, hat sie viel Material im Gepäck. «In Ghana, Burkina Faso und Mali habe ich Töne und Klänge gesammelt, die mich inspirieren sollen.»
Gefühlte Schweiz als Glück
Versteht sich Joy Frempong als Brückenbauerin zwischen Afrika und Europa? «Brücken bauen zwischen Kulturen und Menschen ist ungemein wichtig», sagt sie. In Westafrika sei ihr einmal mehr bewusst geworden, wie wichtig Gastfreundschaft in diesen Ländern ist.
Das habe ihr zu denken gegeben, denn: «Natürlich erwarten diese Leute das Selbe, wenn sie selber Gast sind. Als Flüchtlinge in der Schweiz aber stossen sie auf Ablehnung. Das muss schockierend sein.»
Die aktuelle Ausländerpolitik der Schweiz schmerze sie. Das Polarisieren erachtet sie als plump. Gerade im multikulturellen Dialog gelte es, die Zwischentöne zu beachten und zu thematisieren. Ihre Musik lebe zwar von Zwischentönen, könne zu diesem Dialog aber wenig beitragen.
«Ich mache Nischenmusik», lächelt Joy Frempong, «und spreche damit Menschen an, die ohnehin ein offenes Sensorium haben. Es ist mein Glück, dass ich eher die gefühlte als die statistische Realität der Schweiz spüre.»
Genügt dies für Heimatgefühle? «Von der Sprache her ist mir die Schweiz Heimat, denn das Schweizerdeutsch ist mir die einzig wirkliche Muttersprache.» In Ghana gelte sie heute als Exotin, auch weil sie keine der vielen Sprachen beherrsche. Dennoch kämen jedesmal, wenn sie ihre Eltern besuche, auch heimatliche Gefühle auf.
In Bewegung bleiben
Da ihre Mutter Schweizerin ist, hat Joy Frempong seit Kind einen Schweizer Pass. Kürzlich hätten die Schweiz und Ghana ein entsprechendes Abkommen neues Abkommen unterzeichnet, was ihr ermögliche, nun auch den ghanaischen Pass zu beantragen. Denn: "Zwei Pässe sind praktisch und erleichterten das Reisen."
Und aufs Reisen kann und will Joy Frempong nicht verzichten. Es gehört zu ihrem Leben, ihrem Arbeiten, ihrer Musik. «Es ist für jeden Menschen wichtig, sich zu bewegen», betont sie. «Nur wer in Bewegung bleibt und sich umschaut, ist imstande, die eigene Realität zu relativieren - und zu reflektieren.»
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