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Die neuen Schweizer (Teil 3) - Ly-Ling Vilaysane, Modedesignerin aus Laos

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Die Modedesignerin hat das Label Aéthérée gegründet.
Bild: Keystone

Seit Modesignerin Ly-Ling Vilaysane, aufgewachsen in Appenzell-Innerrhoden, in Paris ihre asiatische Zurückhaltung ablegen konnte, reüssiert sie in Tokio und New York. Die Namen ihrer Kleider tönen verträumt, sie selber weiss genau, was sie will.

Der Weg in Ly-Ling Vilaysanes Atelier in St. Gallen folgt den Geleisen, die Richtung Rorschach führen. Im ersten Stock des Hauses Bahnhofstrasse 15, in drei schlichten, schräg über dem Asiashop der Eltern gelegenen Altbauräumen, entwirft Modedesignerin Ly-Ling Vilaysane Kleider, von denen man in New York sagt, sie seien "like fresh air" - wie ein Hauch frische Luft.

An einer Stange hängen in Reih und Glied sämtliche Modelle der neusten Kollektion. Sie tragen Namen, die ins Reich der Fantasie führen: Honey Milk (wie im Schlaraffenland), oder Tinker Bell (wie die Fee in der Geschichte von Peter Pan). "Ich mache mit meinen Kleidern Träume zum Anfassen", sagt Ly-Ling Vilaysane.

Sie selber kleidet sich nicht sehr stylish. "Ich ziehe lieber andere schön an." Wenn sie kreativ arbeitet, im hintersten, von Nähmaschinen dominierten Atelierraum, immer nachts, weil es ihr dann am besten läuft, trägt sie Jogginganzüge oder einen Pyjama, weil das gemütlich ist. "Das war super in Paris, dort konnte ich zwischendurch im Pyjama rasch einkaufen gehen, ohne dass man mich schräg anschaute. Hier in St. Gallen geht das nicht."

Von Paris nach St. Gallen

Paris, die Stadt, die Ly-Ling Vilaysanes Herz erobert hat. Acht Jahre lang hat sie dort gelebt, hat beim in der Modewelt gefeierten kanadischen Designer David Szeto gearbeitet und dann ihr eigenes Label "Aéthérée" gegründet.

2010 ist sie in die Ostschweiz zurückgekehrt, wo sie wieder bei ihren Eltern wohnt. "Viele sagen mir: Du Arme! Aber für mich ist das völlig in Ordnung." Einsteiger ins Modebusiness müssen finanzielle Durstrecken überwinden. Ly-Ling Vilaysane weiss von begabten Jungdesignern, die sich mit Krediten übernommen haben.

"Ich selber bin da ganz geduldig und halte lieber meine Fixkosten so tief wie möglich." Für die elterliche Unterstützung - "die gut gelegenen Atelierräume, aber auch wichtige Ratschläge, wenn ich welche brauche" - ist sie dankbar. "Sonst könnte ich das alles nicht machen."

Ly-Ling Vilaysane sagt, sie fälle ihre Entscheide nicht nach Business Plan, sondern intuitiv. Der Werdegang der Modemacherin, die 2009 als preisgekröntes Jungtalent mit ihrer Kollektion die Tokyo Fashion Week eröffnen durfte, ist dennoch sehr geradlinig verlaufen. Der innere Kompass funktioniert offenbar gut.

Von Appenzell in die Welt hinaus

Ly-Ling Vilaysanes Wurzeln liegen in Laos. Von dort waren ihre chinesischstämmigen Eltern über Umwege in die Schweiz geflohen und in der Ostschweiz gelandet. "Ich bin in einem Flüchtlingslager in Thailand gezeugt worden. Auf die Welt gekommen bin ich dann in Appenzell-Innerrhoden."

Und das sei sehr gut gewesen, sagt sie halb im Spass, halb im Ernst, denn so perfekt wie in Innerrhoden werde man sicher nirgendwo sonst integriert. Elf Jahre lang war sie die einzige Ausländerin in ihrer Schulklasse. Ob Kinderchor oder Schwimmen, Religionsunterricht oder Skifahren, stets war sie dabei. "Mitmachen war die einzige Lösung."

Ly-Lings Welt reichte allerdings schon sehr früh weit über die Hügel des Appenzellerlands hinaus nach Deutschland, Frankreich, Italien, Kanada und den USA. Überall lebten Tanten und Onkel, man hatte regen Kontakt zueinander, wenn immer möglich besuchte man sich gegenseitig.

Die Wochenenden verbrachte Ly-Ling bei der in Bayern lebenden Grossmutter und manchmal fuhr die ganze Familie für ein paar Ferientage zu den Verwandten in Italien. "In meinem Kopf war Europa ein einziges grosses Land."

Revolutionen, Metamorphosen

Der Familie als Teenager zu eröffnen, dass sie völlig andere Pläne habe, als im elterlichen Asiashop mitzuarbeiten, sei ihre erste grosse Revolution gewesen, sagt Ly-Ling Vilaysane. Sie wollte Mode machen. Von der Idee zum Schnittmuster, zum Kleid - diese Metamorphose faszinierte sie.

Dank der Unterstützung eines ihrer Lehrer fand sie die Energie, nach Abschluss der Sekundarschule beim Vater den Besuch einer Textilfachschule in Vorarlberg durchzusetzen. Mit einem Abschluss in Bekleidungstechnik und dem Abitur in der Tasche ging es fünf Jahre später weiter nach Paris.

Dort erlebte Ly-Ling Vilaysane dann ihre eigene Metamorphose. "Wie im Krieg" habe sie sich die ersten zwei, drei Jahre gefühlt, erinnert sie sich. Die Leute um sie herum vertraten alle ungeniert und wortgewaltig die eigenen Interessen. Und da war sie, deren Mutter sie gelernt hatte, sich selber nicht so wichtig zu nehmen, sie, die auf Laotisch von sich immer in der dritten Person spricht.

Zuerst sei sie in Paris völlig unter die Räder gekommen, erzählt sie. Aber dann habe sie die Herausforderung angenommen. "Als ich das erste Mal zurückschimpfte, wusste ich: Jetzt bin ich dabei!" Seit sie die laotische Zurückhaltung aufgegeben habe, sei ihr Leben einfacher geworden.

Da sein heisst Kommen und Gehen

Und nun ist Ly-Ling Vilaysane also zurück in der Schweiz. Ist sie zurück in der Heimat? Obwohl sie mit dreizehn Jahren in Appenzell eingebürgert worden ist und von sich sagt, sie sei schweizerischer als manch andere Schweizer, mag sie diesen Begriff nicht verwenden. Er greife zu hoch.

Ihre Form von Da-Sein ist ein kontinuierliches Kommen und Gehen. Ly-Ling Vilaysane ist fünf Monate im Jahr unterwegs. Sie reist häufig nach Graz, weil dort ihr Freund lebt, sie weilt regelmässig in Ungarn, weil sie dort ihre Kleider produzieren lässt, sie besucht immer wieder Paris, um Stoffe einzukaufen und Freunde zu treffen, und sie wird in Zukunft wohl vermehrt nach New York fliegen, weil sie dort seit drei Saisons von einem Agenten vertreten wird.

Ihr passt das so. "Ich fühle mich an verschiedenen Orten wohl. Mein Glück hängt nicht von einem bestimmten Land ab." Für sie eine Form von Freiheit.

Wenn sie in St. Gallen an der Arbeit ist, kreiert sie alltagstaugliche Kleider mit mehr als einem Hauch französischer Eleganz, aus Stoffen, deren Muster zum Teil altmodisch-ländlichen Charme verströmen, mit keck gesetzten Nähten, überraschenden Silhouetten, von Hand gehäkelten Details oder mit Krägen, die sich mit zwei Handgriffen in Kapuzen umwandeln lassen.

Ly-Ling Vilaysane liebt das Spiel mit der Transformation; sie entwirft Shirts, die auf drei verschiedene Arten getragen werden können, und Blusen, die auch Kleider sind. Sie macht Kleider ohne Grenzen.

(sda / Ursula Binggeli)

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