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Zensur in China: Die Sage vom Gras-Schlamm-Pferd

Regime-Kritik in knallbunt: «Maoryn Maoroe» auf dem Rücken des «Gras-Schlamm-Pferds».
Bild: Kenneth Tin-Kin Hung/Postmaster Gallery, New York

Kritische und unbequeme Begriffe lässt die chinesische Obrigkeit automatisch aus dem Netz filtern. Die Chinesen umgehen diese Sperren mit kreativen Wortspielen, die ein Künstler porträtiert hat.

Internet ist gleich Internet? Von wegen, wer sich im chinesisch-sprachigen Teil des Netzes bewegt, stösst dort schnell auf das hierzulande unbekannte «Gras-Schlamm-Pferd». Das fabelhafte Wesen mit Ähnlichkeit zum Alpaka beherrscht die Kunst, mühelos die Chinesische Mauer zu umreiten. Sein natürlicher Feind sind die Flusskrebse, die Wächter der Mauer, die dem «Gras-Schlamm-Pferd» das Gras wegfressen.

Der Künstler Kenneth Tin-Kin Hung hat diese und andere Fabelwesen aus dem chinesischen Netz in bunten Grafiken künstlerisch verewigt. Um die Bilder zu entschlüsseln, muss man die Geschichte des «Gras-Schlamm-Pferds» kennen.

Es tönt so schön

Denn das bunte Sammelsurium an absurden Tieren entspringt komplett der Fantasie der chinesischen Netzgemeinde. Um die automatische Filtersoftware der chinesischen Zensurmaschinerie zu umgehen, setzten sie auf Wortspiele, die durch das Netz der Zensoren schlüpfen. 

Die Komplexität der chinesischen Sprache ist dabei von Vorteil: Ein Wort kann durch viele verschiedene Schreibvarianten ausgedrückt werden. 2009 setzten die Behörden das Schimpfwort Cao Ni Ma auf ihren Index. Spricht man «Gras-Schlamm-Pferd» laut aus, so tönt das fast gleich. Damit wird das Fabelwesen zur eindeutigen Aufforderung, mit der eigenen Mutter zu verkehren.

Von Flusskrebsen und Tal-Tauben

Durch die subtile Beleidigung der Zensurbehörden avancierte es schnell zum Markenzeichen des Widerstands im Netz. Diese kreative Auflehnung gegen die Zensur halten die Bilder von Kenneth Tin-Kin Hung fest. Dabei lässt sich kaum jede Bedeutung der Fabelwesen, die seine Bilder bevölkern, dechiffrieren. 

Ein paar Beispiele: Flusskrebse repräsentieren die Zensurbehörden. Ausgesprochen klingen sie wie «Harmonie», mit dem Ziel einer harmonischen Gesellschaft werden die Zensurmassnahmen begründet. Die Chinesische Mauer wird zur «Great Firewall», die sinnbildlich das chinesische Netz vom Rest der Welt abkoppelt. In einem Bild findet sich die «Tal-Taube», ausgesprochen Gu Ge, das phonetisch der Suchmaschine Google ähnelt. 

Prinzip Hoffnung

Kenneth Tin-Kin Hung lebt zwar in den USA, wurde aber in Hongkong geboren. Seine Eltern wanderten aus, bevor die britische Kolonie wieder an China zurückgegeben wurde. Als Auswanderer kennt er sich gut aus im chinesischen Netz. Seine Webseiten sind heute allerdings schon in China gesperrt. Die chinesischen Behörden wollen offenbar verhindern, dass Hungs Bilder in China die Runde machen.

Hung können sie aussperren, das «Gras-Schlamm-Pferd» aus dem Netz filtern, gegen den Ideenreichtum der Chinesen selbst hat die Obrigkeit aber noch kein Mittel gefunden.

(kl)

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