2020, das verlorene Jahr? «Nein. Das verschwendete»

Julia Käser

22.2.2021 - 23:30

Auf einer Wandtafel steht "Willkommen zurueck!", am Montag, 8. Juni 2020, im Gymnasium Kirchenfeld in Bern. Nach weiteren Lockerungen waehrend der Coronavirus-Pandemie duerfen Gymnasiasten ab heute wieder in die Klassenzimmer zurueckkehren. (KEYSTONE/Anthony Anex)
Auf einer Wandtafel steht «Willkommen zurück!», am Montag, 8. Juni 2020, im Gymnasium Kirchenfeld in Bern. Nach weiteren Lockerungen während der Coronavirus-Pandemie dürfen Gymnasiasten ab heute wieder in die Klassenzimmer zurückkehren. (KEYSTONE/Anthony Anex)
Bild: Keystone

Corona macht uns allen zu schaffen, aber eine Generation trifft der gesellschaftliche Stillstand besonders: Wie fühlen sich junge Menschen nach einem Jahr in der Pandemie? «blue News» fragt in einer Serie nach – heute bei Samuel. 

Samuel* feierte während der Pandemie seinen 16. Geburtstag. «Eigentlich fängt man in diesem Alter an, in den Ausgang zu gehen, doch dieses Jahr war halt alles anders», erzählt er. Zwar habe er sich vor allem im Sommer, als die Massnahmen lockerer waren, schon mit Freundinnen und Freunden getroffen. «Aber irgendwie fühlte es sich immer ein bisschen falsch an.»

Serie Jugend in der Pandemie 

In einer kurzen Serie anlässlich zu einem Jahr Corona-Pandemie beleuchtet «blue News» das Wohlbefinden, die Sorgen und Ängste – aber auch die Hoffnung junger Menschen während der Corona-Pandemie. Den Anfang machte gestern Elena.

Die Stimmung im Freundeskreis, aber vor allem in der Schule sei angespannt, erzählt der Gymnasiast. Gar nicht allzu lange, nachdem das Coronavirus in China erstmals auftrat, konnte er von einem auf den anderen Tag nicht mehr zur Schule gehen.

«Zuerst nahm ich das Ganze nicht so ernst. Die Krankheitsfälle waren weit weg, irgendwo in China. Aber dann ging alles schnell», blickt er zurück. Im ersten Moment sei das Home-Schooling in Ordnung gewesen: «Man dachte sich, toll, jetzt kann ich länger schlafen am Morgen. Dann kamen aber schnell die Nachteile ans Licht.»

Die Angst, den Anschluss zu verlieren

Samuel erzählt von der Technik, die teilweise fast die ganze Lektion über streikte, von der Ablenkung durchs Handy und der Angst, den Anschluss zu verlieren. Obwohl all das teils schon frustrierend gewesen sei, habe er sich erstaunlich gut aufs Lernen konzentrieren und auch motivieren können.



Trotzdem ist er froh, mittlerweile wieder den Unterricht besuchen zu können – obwohl man sich an eine strenge Sitzordnung halten müsse und im Sport seit einem halben Jahr vor allem Volleyball spiele. Auch das Masketragen während der Sportlektionen sei nicht ohne.

Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen verloren

Ein bisschen eigenartig ist die jetzige Situation für Samuel schon: Einerseits treffe man sich im Unterricht, könne aber in der Freizeit nichts zusammen unternehmen. Tatsächlich muss der Berner derzeit nebst der Schule auf vieles verzichten. Das Schwimmtraining etwa fällt seit über einem Jahr ins Wasser – es fehlt ihm.

Um sich trotzdem zu bewegen, geht Samuel joggen, setzt sich auf den Hometrainer oder macht zu Hause Workouts. «Es ist zwar nicht dasselbe wie das Schwimmen, aber immerhin bliebt man fit.»

Infolge der Corona-Einschränkungen hat Samuel den Kontakt zu ein paar Kolleginnen und Kollegen verloren: «Weil man sich weniger sieht und wenn doch, kaum was machen kann.» Stattdessen habe er viel Zeit mit sich selbst verbracht. Er persönlich sei damit ganz gut zurechtgekommen, aber: «Wenn man damit beginnt, alles zu hinterfragen, kann das Ganze nach hinten losgehen.»

Ein verschwendetes Jahr – aber kein verlorenes

Die Stimmung in seinem Umfeld sei schwankend, erzählt der junge Mann. Sie hänge in erster Linie davon ab, wie lange sich der Corona-Ausnahmezustand noch hinziehe: «Je mehr Licht man am Ende des Tunnels sieht, desto besser ist die Stimmung. Gerade die Nachricht der Mutationen hat vielen die Zuversicht wieder etwas genommen.»

2020? Für Samuel ein verschwendetes Jahr – aber kein verlorenes. Er glaubt, dass man aus den Pandemie-Erfahrungen auch viel lernen kann. «Zum Beispiel, dass die Globalisierung nicht nur Gutes an sich hat. Oder dass man lernt, auf verschiedene Arten allein zu sein.»

Auch erhofft er sich, dass Corona das Vertrauen in die Wissenschaft, das bereits zuvor zurückgegangen sei, wieder etwas stärke. «Schliesslich wurden in Rekordtempo Impfstoffe entwickelt und die Medizin hat allgemein wahnsinnig schnell auf den Ausnahmezustand reagiert.»

Der Umwelt zuliebe weniger reisen

Einen spezifischen Wunsch hat er noch: «Ich hoffe, das alles hat gezeigt, dass Ferien im eigenen Land auch schön sein können.» Er sei nicht generell gegen Reisen ans andere Ende der Welt, aber man sollte sich der Umwelt zuliebe schon einschränken, so der 16-Jährige.

Samuel wünscht sich deshalb, dass weite Reisen vermehrt jüngeren Menschen überlassen werden – und dass nicht jede Familie zweimal jährlich nach Kuba jette: «Die Jungen sollten die Möglichkeit haben, die Welt zu sehen.» Corona hat ihnen diese zumindest für den Moment teilweise genommen.

*Der volle Name ist der Redaktion bekannt.

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