Monica Kissling: «Wir müssen vieles radikal neu denken»

Caroline Fink

11.12.2020

«Ich selber habe gesagt, dass wir 2020 das Ende der Welt, wie wir sie kennen, erleben würden»: Monica Kissling alias Madame Etoile.
Bild: Olivia Sasse

Sie ist die bekannteste Astrologin der Schweiz. Monica Kissling alias Madame Etoile über die Corona-Pandemie, den neuen US-Präsidenten Joe Biden und warum auch im Jahr 2021 Mut, Geduld und Ausdauer nötig sein werden.

Auch wenn viele Menschen an ihnen zweifeln, wecken astrologische Prognosen oft viel Neugier. So auch bei «blue News»-Kolumnistin Caroline Fink, die sich sonst vor allem mit pragmatischen Dingen wie Bergsteigen beschäftigt.

So nutzte sie die Gunst der Stunde und wollte von Monica Kissling alias Madame Etoile wissen, wie die Astrologie funktioniert. Woher sie kommt. Warum sie in Ungnade fiel. Und – wer kann es sich verkneifen? – was das nächste Jahr so bringt.

Frau Kissling, erzähle ich Freund*innen von einem Arzttermin, ist dies völlig normal. Erzähle ich von einem Termin bei einer Astrologin, schütteln manche den Kopf. Hatte die Astrologie immer schon einen zweifelhaften Ruf?

Nein. Das begann erst in der Epoche der Aufklärung. Als man anfing, alles als Aberglauben abzustempeln, das nicht messbar und damit nicht beweisbar war. Dazu gehörte auch die Astrologie.

Dennoch überdauerte sie die Zeit.

Die Astrologie ist eine der ältesten Wissenschaften der Welt. Solch altes Wissen lässt sich nicht einfach totschlagen.

Weiss man, woher sie kommt?

Ihre Anfänge lassen sich bis etwa 4000 vor Christus durch verschiedenste Kulturen zurückverfolgen. Wobei ihr Ursprung in Mesopotamien liegt. Dem heutigen Grenzgebiet des Irak, Syrien und der Türkei. Sie ist eine der ältesten Wissenschaften überhaupt.

Stichwort ‹Wissenschaft›: Heute wirkt es seltsam, die Sterndeutung als Wissenschaft zu bezeichnen. Der Universalgelehrte Galileo Galilei hingegen unterrichtete in Pisa ‹Astrologie für Mediziner›. Wie ging das einher?

Nun, bis in die Neuzeit hinein war die Astrologie Teil der Wissenschaft. Ausserdem galt nur als rechter Arzt, wer auch die Astrologie beherrschte.

Zur Autorin: Caroline Fink
Bild: Gaudenz Danuser

Caroline Fink ist Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Üblicherweise beschäftigt sie sich mit Bergsteigen und Reisen abseits üblicher Pfade. Doch seit sie in ihrer einstigen WG als Studierende vor 20 Jahren Madame Etoiles Prognosen im Radio hörte, machte die Astrologie sie neugierig.

Ich erinnere mich: Als ich mich aus Neugier mal mit Astrologie beschäftigte, erwartete ich verträumte Sternbilder. Was ich fand, waren geometrische Berechnungen von Winkeln. Was ist sie denn nun? Mathematik? Oder Philosophie und Psychologie?

Sie ist alles. Wobei viele sie auch als Kunst bezeichnen: die Kunst der Interpretation der Himmelskonstellationen. Aber Sie haben recht: Mathematik ist ein wichtiger Teil. Wer keine mathematische Affinität hat, wird sich schwertun.

In der Tat! Besser gefielen mir die Bedeutungen der Planeten: Mars als Draufgänger, Merkur als Kommunikationsplanet, Venus als Planet der Liebe und des Schönen. Was ich mich aber immer fragte: Wie kamen die Planeten zu ihren Bedeutungen?

Das ist auch eine alte Geschichte. Die Namen – und damit verbundenen Bedeutungen – gehen auf griechisch-römische Göttergestalten zurück. Aber auch die äusseren Erscheinungsmerkmale der Planeten spielen mit: Jupiter ist der mit Abstand grösste Planet des Sonnensystems; er ist nach dem höchsten Gott der Römer benannt und steht für Wachstum und Glück. Mars, benannt nach dem römischen Kriegsgott, leuchtet manchmal blutrot und symbolisiert Kraft und Aggression.

Namen, die wir selbstverständlich brauchen, ohne ihre Hintergründe zu kennen.

Es geht noch weiter – auch die sieben Wochentage sind nach den Gestirnen benannt: Sonntag, der Sonnen-Tag, Montag, der Mond-Tag. Oder der Saturn-Tag, englisch Saturday, der Dienstag, Tag des Mars, französisch ‹Mardi›.

Eines aber konnte ich mir selbst als neugieriger Mensch nie wirklich erklären: Wie bloss funktioniert dieses alte Wissen? Wirkt die Kraft der Sterne auf uns? Oder gibt es Kräfte und Pläne im kosmischen Gefüge, die ‹in den Sternen stehen›?

Eher das zweite, denn wir gehen nicht von einem Kausalitätsprinzip aus. Also nicht davon, dass die Sterne auf uns einwirken. Vielmehr bilden die Sterne aus astrologischer Sicht Qualitäten und Aufgaben einer bestimmten Zeit ab. Einerseits für einen bestimmten Zeitraum, anderseits für den Moment, in dem etwas beginnt.

So etwa bei der Geburt eines Menschen.

Ja. Wobei diese Qualitäten nicht nur für die Geburt eines Menschen gelten. Auch der Initialmoment eines Projekts trägt die Qualität dieser Zeit mit all ihren Facetten in sich.



Ist dies nicht sehr fatalistisch? Das hiesse ja, dass am Anfang unseres Lebens alles bestimmt ist.

Nein. Einzig das Potenzial ist angelegt. Bei einem Menschen: sein Temperament, seine Wesenszüge, Talente, Interessen und – aus spiritueller Sicht – seine Lebensaufgabe. Wie der Mensch sich danach tatsächlich entwickelt, wie sein Leben verläuft, ist von äusseren Faktoren wie auch von persönlichen Entscheidungen abhängig. Vielleicht lebt er in einer Kultur, die gewisse Wesenszüge nicht zulässt. Oder jemand lässt seine Talente verkümmern. Oder bleibt in seinen Schwierigkeiten gefangen, anstatt sich damit auseinanderzusetzen.

Und auf der zeitlichen Achse ...

... gilt dasselbe. Ich kann beschreiben, um welche Themen es in einer bestimmten Zeit geht. Wobei Menschen, die bewusst leben, sich und andere gut spüren, selbst merken, was im Leben gerade ansteht.

Sprich: Für diese Leute braucht es Sie nicht.

Ich als Astrologin kann schauen, wie lange zum Beispiel gewisse Blockaden andauern. Und wie man am konstruktivsten damit umgeht. Wie man im Fluss bleibt anstatt, gegen den Strom zu schwimmen. Oder in anderen Worten: Was die Zeit von einem fordert.

Und wenn jemand lieber in die entgegengesetzte Richtung schwimmen will, als seine Zeit gerade fordert?

Sagen wir es so: Natürlich kann ich mich in einer Zeit des Umbruchs gegen Wandel sträuben. Aber das wird mich viel mehr Energie kosten, als mich auf Veränderungen einzulassen. Bleibe ich stur, scheitere ich vielleicht daran oder verstricke mich in destruktiven Situationen.

«Ich als Astrologin kann schauen, wie lange zum Beispiel gewisse Blockaden andauern. Und wie man am konstruktivsten damit umgeht»: Monica Kissling.
Bild: Olivia Sasse

Wenn wir schon vom Wandel reden – lassen Sie uns über die aktuelle Zeit sprechen: Anfang Jahr las ich, aus astrologischer Sicht würden 2020 enorme Umbrüche anstehen. Sah man diese Entwicklungen wirklich kommen?

Ja. Wir sahen den Beginn eines grossen und bedeutsamen Zyklus, der durch das Zusammentreffen von Saturn, Pluto und Jupiter im Januar begann. Da der Saturn-Pluto-Zyklus stets auf Krisen hinweist und Jupiter die Vergrösserung symbolisiert, war klar: Eine grosse Krise stand bevor.

Hand aufs Herz: Graute Astrolog*innen schon länger vor 2020?

In der Tat hielten wir im Januar einen internationalen Astrologenkongress ab. So etwas organisieren wir nur vor wirklich bedeutsamen Konstellationen.

Und worüber redeten Sie da?

Insgesamt fragten wir uns: Was kommt da auf uns zu? Wir gingen von einer grossen Wirtschaftskrise aus, was zwar schwer vorstellbar war: Die Wirtschaft lief Ende 2019 ja blendend. Ich selber habe gesagt, dass wir 2020 das Ende der Welt, wie wir sie kennen, erleben würden, weil mit gänzlich unerwarteten Entwicklungen zu rechnen sei.

Aber eine Pandemie sah keiner kommen.

Nein. Doch im Nachhinein sind wir immer klüger. Rückblickend sehen wir Parallelen in den aktuellen Konstellationen mit jenen vor dem Auftreten von HIV, Sars, Mers oder selbst mit den mittelalterlichen Pestzeiten.

Parallelen heisst: Die Konstellationen, in welchem Winkel Planeten und Himmelskörper zueinander stehen, ähneln sich.

Ja. Wobei es nie zweimal die exakt gleichen Konstellationen gibt. Der Stand der Sterne ist in jedem Moment einzigartig. Aber es gibt Zyklen, die sich wiederholen.

Vorhin redeten wir über die zeitliche Achse. Können Sie denn etwas dazu sagen, wie lange wir auf kollektiver Ebene noch in dieser Krise stecken werden?

Das 2021 wird bereits eine andere Qualität haben, denn am 21. Dezember treffen gleich noch die zwei Giganten Jupiter und Saturn aufeinander, was wiederum für einen weiteren bedeutsamen Zyklusstart steht.

Heisst konkret?

Der Zyklus im Januar 2020 markierte den grossen Zusammenbruch. Im 2021 geht es um grundlegende Reformen und um den Wiederaufbau.

Also zurück zum Courrant normal.

Nein. Es wird nie mehr so sein wie zuvor. Die aktuellen Konstellationen markieren das Ende einer Epoche und den Beginn einer neuen Zeit.

Das sind gewichtige Worte. Wie können wir denn – aus astrologischer Sicht – diesen Wiederaufbau am besten meistern?

Wir müssen vieles radikal neu denken.

Radikal? Nicht nur da und dort ein wenig reparieren?

(Lacht) Was wollen Sie reparieren, wenn die ganze Hütte eingebrochen ist? Spass beiseite: Wir müssen in eine neue Zeit hineinfinden.



Das klingt nach Arbeit.

Ich will das nicht beschönigen. Wir brauchen Mut, Geduld und Ausdauer. Der Wiederaufbau wird von grösseren Widerständen und Spannungen begleitet sein. Gegensätzliche Visionen werden 2021 aufeinanderprallen.

Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber schwingt bei Wiederaufbau nicht auch die Chance mit, Neues zu gestalten?

Doch. Durchaus. Freiheit wird ein wichtiges Thema sein. Und Sinnhaftigkeit. Wir sollten zu dem finden, was für uns persönlich Sinn macht. Basierend auf Werten, die wirklich zählen.

Das heisst für mich: Joe Biden und Kamala Harris kommen in den USA genau zur richtigen Zeit.

Auf jeden Fall. Joe Biden steht für Wiederaufbau und Versöhnung. Er hat die Fähigkeit, dieses Land zu einen und in die Zukunft zu führen. Und Kamala Harris hat aus meiner Sicht beste Chancen, die erste Präsidentin der USA zu werden.

Wovon leiten Sie dies ab?

Astrologisch gesehen leben wir in einer Zeit, in der starke Frauen wichtiger werden.

Worauf ich als Laie sage: Da muss der Himmelspunkt Lilith mitspielen, der für die freie Frau steht. Liege ich richtig?

Genau! Lilith steht in Verbindung mit Planet Uranus, der für Umbruch und Erneuerung steht. Sprich: Starke Frauen werden jetzt zu den treibenden Kräften des Wandels.

Darf ich Ihnen zum Schluss eine persönliche Frage stellen?

Klar.

Vor über 20 Jahren lebte ich als Studierende in einer WG und bereits damals hörten wir jede Woche im Radio – damals auf DRS3 – Ihre Sterndeutungen. Bei all den Umwälzungen, die im Gang sind: Hätten Sie nach all der Zeit nicht einmal Lust, die Sterne mal an den Nagel zu hängen? Oder fasziniert Sie die Astrologie nach wie vor?

Beides. Auf der einen Seite kann ich mir gut vorstellen, mal für ein halbes Jahr zu reisen und etwas völlig anderes zu machen. Auf der anderen Seite denke ich immer wieder: Wie die Geschehnisse zu den Konstellationen passen – das ist doch einfach total faszinierend! Insofern haben Sie auch recht: Ganz loslassen wird mich die Astrologie nie.


Zur Person: Monica Kissling

Monica Kissling alias Madame Etoile ist Astrologin mit eigener Praxis in Zürich. Wer weiterlesen möchte, findet Antworten auf 500 Fragen im Interviewbuch «Madame Etoile – Wie werde ich glücklich?». Ausserdem bietet sie Beratungen für Privatpersonen und Unternehmen an, hält Referate und leitet Workshops. Aus aktuellem Anlass laufen Retreats zum Thema «Finde deine Vision». Seit 1987 ist sie regelmässig für Printmedien, Radio und TV tätig. Sie offeriert auch persönliche Beratungen.


Das Monatshoroskop Januar 2021 von Astrologin Monica Kissling erscheint am Montag, 28. Dezember, auf «blue News».


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