Sind wir wirklich so hilflos?

Von Marianne Siegenthaler

13.9.2021

SPARKING JOY (L to R) Takumi and Marie Kondo in episode 1 of SPARKING JOY. Cr. Adam Rose/Netflix
Die Japanerin Marie Kondo ist eine Aufräum-Queen. Hier aus einem Ausschnitt ihrer Netflix-Serie «Glück und Freude».
Bild: Adam Rose/Netflix

Ohne Coach geht heutzutage für viele Menschen gar nichts mehr. Nicht nur in Krisen, auch im ganz normalen Alltag. Muss das sein?

Von Marianne Siegenthaler

13.9.2021

Beziehungsprobleme, ein Jobverlust, eine Krankheit – oder andere Ereignisse können uns in eine Krise stürzen. Da ist es wichtig, dass man sich rechtzeitig eine professionelle Beratung und Begleitung in Anspruch nimmt.

Hilfe zur Selbsthilfe nannte man es früher, heute spricht man von Coaching. Dabei wird der Klient oder Coachee individuell unterstützt, wobei er nicht konkrete Lösungsvorschläge erhält, sondern vom Coach angeregt wird, Ziele zu hinterfragen oder zu setzen und Lösungswege zu entwickeln. Gerade in schwierigen Lebenssituationen kann ein professionelles Coaching sehr hilfreich sein.

Coach unterstützt beim Sofakauf

In den letzten Jahren ist aber ein regelrechter Boom entstanden. Inzwischen soll uns nicht nur in schwierigen Situationen jemand coachen, sondern auch in ganz banalen Alltagsdingen wollen wir uns den Weg weisen lassen.

Wie wir effizienter mit unserer Zeit umgehen können. Wie wir den passenden Kleiderstil oder das richtige Sofa finden. Oder den typgerechten Garten gestalten. Oder uns beim Shoppen vor Fehlkäufen bewahren – dank Coaching gelingt es uns möglicherweise, unsere Lebensbereiche zu optimieren oder gar zu perfektionieren.

Jeder kann mitmachen

Zur Autorin: Marianne Siegenthaler
Bild: zVg

Marianne Siegenthaler ist freie Journalistin, Texterin und Buchautorin. In ihrer Kolumne nimmt sie die grossen und kleinen, die schrägen und schönen, die wichtigen und witzigen Themen des Alltags unter die Lupe – mal kritisch, mal ironisch, mal mit einem Augenzwinkern. Sie ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und lebt am Zürichsee. www.texterei.ch

Vielleicht bringt uns das tatsächlich weiter. Vielleicht auch nicht. Es ist gut möglich, dass die Unterstützung wenig bringt und viel kostet.

Denn «Coach» ist kein geschützter Titel, jeder kann seine Unterstützung anbieten. Entsprechend unübersichtlich ist dieser Markt. Nebst dem längst bekannten Business-Coaching wird vermehrt auch Coaching für jeden Lebensbereich angeboten. Das reicht von Sinnsuche- bis zu Fitness-, Astro- oder ü50-Coaching.

Und da mischen längst nicht nur ausgebildete Coaching-Profis mit. Manche haben gerade mal einen zweitägigen Kurs besucht – oder nicht mal das. Es gibt Coaches, die aufgrund der Lektüre eines Buches sich zum Berater oder zu Beraterin berufen fühlen. Oder einfach weil sie ihre eigenen Erfahrungen weitergeben möchten.

Hilfe beim Socken verstauen?

Damit du mich richtig verstehst: Es ist wichtig, dass wir in schwierigen Situationen Hilfe suchen, und Coaching kann eine der Möglichkeiten sein, um aus Krisen wieder herauszufinden. Aber brauchen wir wirklich einen Interior-Coach? Shopping-Coach? Ordnungs-Coach? Entrümpelungs-Coach? Waldcoach? Astro-Coach?

Ich meine: Nein.

Die meisten von uns sind doch durchaus in der Lage, die Socken selbstständig ordentlich in der Schublade unterzubringen, zwischendurch mal aufzuräumen und auch was wegzuschmeissen, was schon ewig rumliegt, oder im Möbelcenter ein hübsches Sofa auszuwählen – ganz ohne «einen freiwilligen, aktiven und selbstverantwortlichen Prozess mit dem Willen zur Veränderung beziehungsweise Weiterentwicklung» – oder eben Coaching.

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In der Rubrik «Die Kolumne» schreiben Redaktorinnen und Redaktoren von «blue News» regelmässig über Themen, die sie bewegen. Leserinnen und Leser, die Inputs haben oder Themenvorschläge einreichen möchten, schreiben bitte eine E-Mail an: redaktion.news@blue.ch.

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