«So ein Ereignis kommt alle 20 Jahre vor»

Philipp Dahm

15.1.2021

Wann gab es zuletzt in der Schweiz so viel Schnee? Wie wird das Wochenende – und wie weit sind wir von Kälterekorden wie 1929 oder 1956 entfernt? MeteoSchweiz hat die Antworten.

Ludwig Z'graggen von MeteoSchweiz ist der perfekte Ansprechpartner, um die aktuelle Wetterlage zu vergleichen und einzuordnen: Der Meteorologe beweist auf telefonische Nachfrage von «blue News», dass er sich mit Daten und historischen Schneehöhen bestens auskennt.

Wann hat es in der Schweiz zuletzt so eine Schneelast gegeben?

In der Ostschweiz und in der Region Zürich war das sicherlich am 5. März 2006 der Fall, da hatten wir 10 bis 15 Zentimeter mehr Schnee als jetzt. Auch im Bündnerland und den Bergregionen gab es bis jetzt keine Rekord-Schneehöhen in 24 Stunden.

Wie muss man die jetzige Wetterlage einordnen?

Man kann davon ausgehen, dass ein Ereignis wie jetzt alle 20 Jahre vorkommt, was Schneefall in 24 Stunden angeht. Die 3-Tage-Summen sind allerdings sehr hoch.

Was wäre ein Vergleichswert bei den Rekordmarken?

Was den 24-Stunden-Schneefall angeht, war es in Graubünden beispielsweise am 30. Januar 1982 extremer: Da fiel in diesem Zeitraum über ein Meter Neuschnee. Dieses Mal sind es dort in höherem Lagen zwischen 60 und 80 Zentimeter.



Was steht uns am Wochenende bevor?

Am Samstagmorgen wird eine Hochdruck-Wetterlage vorherrschen: Es wird schön – und kalt. Dann kommt aus dem Nordwesten noch einmal eine Front, die Schnee bringt. Aber nicht mehr so gewaltig: Es werden wohl nur noch 20, 30 Zentimeter Schnee zustande kommen.

Und die Aussichten für die kommende Woche?

Ab Montag regiert ein Zwischenhoch: Es gibt wahrscheinlich zumeist sonniges Wetter. Dann wird das Wetter sich umstellen: Der Wind dreht auf Südwest und bringt deutlich mildere Luft zu uns. Am Alpennordhang und in Graubünden muss man sogar mit Föhn rechnen. Ab Donnerstag könnte es dann wieder zu einer West-Situation mit einigen Niederschlägen kommen, wobei Graubünden hier nicht sehr betroffen sein dürfte.

Was sind die grössten Gefahren bei der Wetterlage?

Das sind eindeutig die Lawinen. Es sind doch schon grosse Lawinen abgegangen, und die Gefahr besteht auch weiterhin.

Prognostizierte Gefahrenlage in der Schweiz bis Samstag, elf Uhr.
Screenshot:  MeteoSchweiz

Wird der Januar aussergewöhnlich?

Das lässt sich noch schwer sagen, aber es wird eher im Durchschnitt sein. Es war zwar jetzt schon kalt, aber in den kommenden Tagen wird es wieder eher mild werden. Es ist auf keinen Fall ein extrem kalter Januar.

Es wurde geschrieben, die Wetterlage sei heute ähnlich wie 1928/1929. Ein gewagter Vergleich?

Ja, das ist schon ein gewagter Vergleich. Grundsätzlich besteht ja schon die Möglichkeit, aber 1929 hatten wir im Flachland Temperaturen von minus 30 Grad. In Dübendorf ZH wurden am 12. Februar 1929 minus 35,6 Grad gemessen, in Zürich hatten wir damals minus 25 Grad. Der ganze Februar 1929 war extrem kalt: Der Bodensee ist ja zugefroren damals. Dass so was jetzt wieder zutrifft, wage ich zu bezweifeln. Ich tue mich auch immer schwer mit Prognosen über einen Monat und noch weiter hinaus.

März 1929: Das Volk spaziert über den zugefrorenen Zürisee.
Bild: KEYSTONE

War das das kälteste Frühjahr?

1956 war es noch kälter: Es gab zwei extreme Kälteausbrüche, am 2. Februar und dann am 10. Februar. In Zürich gab es minus 23 Grad, es wehte eine extrem starke Bise. In Genf gab es ebenfalls minus 18, minus 19 Grad mit 10 bis 15 Tagen starker Bise. Das Monatsmittel war damals minus 10 Grad: In Uri sind fast alle Nussbäume erfroren.

Wetterlage als Happening: «Zürichseegefrörne 1929, Ausblick von der Tonhalle».

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen 1929 und 1956?

Die Wetterlagen waren dieselben: Nordost-Lagen. Es gab ein Tief über dem Mittelmeer, durch das kalte Luft von Russland her eingeströmt ist. Auf dem Feldberg in Deutschland gab es 1956 minus 31 Grad und der Wind pfiff dort mit fast 100 Stundenkilometer durch.

Bild: ZvG

Ludwig Z'graggen von MeteoSchweiz kennt sich mit der Schweizer Wetter-Historie bestens aus.

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