Bauern schaffen mit Indigo-Pflanze den Neustart

AP/toko

5.3.2021

In this image from video, Yoshiko Ogura, 73, holds fermented indigo leaves she grows at her studio for making organic indigo dye in Minamisoma, Fukushima Prefecture, northeastern Japan, on Feb. 20, 2021. After the Fukushima nuclear plant disaster a decade ago, nearby farmers weren't allowed to grow crops for two years because of radiation. After the restriction was lifted, two farmers in the town of Minamisoma found an unusual way to rebuild their lives and help their destroyed community. Kiyoko Mori and Yoshiko Ogura planted indigo and soon began dying fabric with dye produced from the plants. (AP Photo/Chisato Tanaka)
Statt auf Gemüse setzen Bauern auf die Indigo-Pflanze.
Keystone/AP Photo/Chisato Tanaka

Zehn Jahre nach der verheerenden Katastrophe hat die Region noch immer mit Spätfolgen zu kämpfen. Der Anbau von Nahrungsmitteln gilt wegen der Strahlungswerte als problematisch. Einige Bauern sind deswegen auf die Herstellung eines natürlichen Farbstoffs umgestiegen.

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5.3.2021

Zwei Jahre war die Bestellung der Felder rund um Minamisoma offiziell verboten. Das Erdbeben und der anschliessende Tsunami am 11. März 2011 hatten nicht nur etliche Häuser in der japanischen Stadt zerstört. Wegen der Kernschmelze in drei Reaktoren des nahegelegenen Kraftwerks Fukushima waren die Böden verseucht. Für Kiyoko Mori und Yoshiko Ogura war dies zunächst ein harter Schlag.

Auch nach Ende der Zwangspause war Landwirtschaft in der Unglücksregion an der japanischen Ostküste lange nur eingeschränkt möglich. Doch Mori und Ogura fanden einen Weg, etwas Neues aufzubauen. Statt auf Gemüse setzten sie auf die Indigo-Pflanze. Bald darauf begannen sie, den aus der Pflanze gewonnen Farbstoff zum Färben von Stoffen zu nutzen. Das Färben helfe dabei, «die schlechten Dinge» vorübergehend zu vergessen, sagt Mori. «Das ist für uns ein Heilungsprozess.»



Die Heimat von Mori und Ogura hat sich durch die Katastrophe vor zehn Jahren grundlegend verändert. Allein in Minamisoma kamen 636 Menschen ums Leben. Tausende weitere kehrten der schwer zerstörten Stadt in der Folgezeit den Rücken, um anderswo ihr Glück zu versuchen. Für die, die geblieben sind, ist der Alltag bis heute von dem havarierten Atomkraftwerk geprägt, das nur etwa 20 Kilometer entfernt liegt.

Für Mori und Ogura ist die Indigo-Pflanze daher weit mehr als nur ein alternatives Anbauprodukt. Die beiden Frauen sehen in ihr eine Chance, der ganzen Region zu einem Neustart zu verhelfen. Sie selbst habe anfangs grosse Bedenken gehabt, vor Ort erzeugte Nahrungsmittel zu essen. Da Indigo aber nicht gegessen werde, sehe sie hierbei keine Probleme. Beim Überprüfen der Strahlenbelastung der Blätter seien keine gefährlichen Werte gemessen worden.

Färben ohne Chemikalien

Mori setzt bei der Färbung von Stoffen auf etablierte Verfahren, bei denen auch einige Chemikalien zum Einsatz kommen. Ihr geht es vor allem darum, mit der Produktion das Gemeinschaftsgefühl in ihrer schwer gebeutelten Stadt zu stärken. Dabei will sie zugleich der weit verbreiteten Vorstellung entgegenwirken, dass alles, was aus der Region um Fukushima stamme, verseucht sei. Ogura setzt einen Schwerpunkt auf traditionelle Verfahren der Fermentation – und will damit nebenbei auch auf die oft unterschätzten Gefahren von moderner Technologie hinweisen.

Mori hat auch eine Gruppe namens Japan Blue gegründet, die in Workshops jährlich etwa hundert Teilnehmern die Grundlagen des Färbens mit Indigo vermittelt. In einem Gemeindezentrum, das vor zehn Jahren im Rahmen der Evakuierungen genutzt wurde, organisiert die Gruppe zudem einmal im Jahr eine Messe. Die diesjährige Veranstaltung fand gerade statt, obwohl kurz zuvor ein erneutes Erdbeben der Stärke 7,3 die Region erschüttert hatte. «Alle Mitglieder sind zur Messe gekommen», betont Mori. «Sie haben gesagt, sie könnten den Schutt in ihren Häusern auch später wegräumen.»

Ogura, die nicht Teil der Gruppe ist, will eher mit ihren natürlichen Herstellungsmethoden ein Zeichen setzen. Gerade wegen ihrer Erfahrungen mit dem Atomunglück findet sie es wichtig, sich nicht aus Gründen der Effizienz ganz auf fortschrittliche Technik zu verlassen, ohne die möglichen negativen Folgen zu berücksichtigen.

«Ich habe während des Reaktorunfalls wirklich gelitten», sagt Ogura.«Wir sind in dem Chaos verzweifelt geflüchtet.» Bei der Nutzung von Chemikalien sei ihr daher unwohl gewesen. «Wir suchen viel zu sehr nach lauter Arten von schönen Farben, die durch den Einsatz von chemischen Stoffen erzeugt werden. Wir dachten, dass es unser Leben bereichern würde, aber ich hatte immer mehr das Gefühl, dass dies gar nicht der Fall war», sagt sie. «Ich möchte, dass die Leute wissen, wie die echte, natürliche Farbe aussieht.»

Farbliche Überraschung

Die organische Farbmittel-Herstellung ist zeitintensiver und erfordert grössere Aufmerksamkeit. Zunächst fermentiert Ogura die zerkleinerten Blätter der Indigo-Pflanze etwa einen Monat lang in Wasser. Dann mischt sie das Ergebnis mit einer Lauge, die sich an der Oberfläche einer Mischung aus heissem Wasser und Asche bildet. Das Mittel muss konstant eine Temperatur von etwa 20 Grad Celsius behalten und dreimal pro Tag umgerührt werden. Teil des Reizes an dem Prozess sei, dass schwer vorauszusehen sei, welcher Farbton am Ende herauskomme, sagt Ogura.

Mit Unterstützung der örtlichen Behörden konnte Ogura auch anfangen, mit organischem Indigo gefärbte Gesichtsmasken aus Seide herzustellen. Vor der Katastrophe im Jahr 2011 hatte sie ein Restaurant betrieben, in dem sie Bio-Gemüse aus eigenem Anbau anbot. Heute haben sie und ihr Mann eine Pension, in der sich die Gäste an der organischen Indigo-Färbung versuchen können.

Nur 700 Meter von Oguras Haus entfernt liegen entlang einer Strasse unzählige schwarze Säcke voller Schutt und Erdreich mit schwacher Kontaminierung. Laut Oguras Ehemann Ryuichi lagern diese bereits seit kurz nach dem Unglück dort und an anderen Stellen in der Stadt. «Die Regierung sagt, dass es nicht gefährlich sei, sie dort herumliegen zu lassen. Aber wenn sie wirklich meinen, dass das nicht gefährlich ist, dann sollten sie sie nach Tokio bringen und sie dort in ihrer Nähe aufbewahren», sagt er. Laut einem Vertreter der Stadtverwaltung soll das verstrahlte Material bis März 2022 in ein mittelfristiges Lager gebracht werden.