Lazarevic: «Wenn Djokovic nicht spielen darf, ist er in Serbien der absolute Märtyrer»

Von Manu Rothmund und Luca Betschart

14.1.2022

Balkan-Kenner Lazarevic: «Serbien lebt mit einem Opfer-Mythos»

Balkan-Kenner Lazarevic: «Serbien lebt mit einem Opfer-Mythos»

Novak Djokovic wird in Serbien vergöttert. Balkan-Kenner Krsto Lazarevic erklärt mögliche Gründe dafür.

14.01.2022

Der langjährige Journalist im Balkan und heutige Podcaster Krsto Lazarevic nennt im Interview mit blue Sport die diversen Gründe für die nach wie vor breite Rückendeckung für Novak Djokovic aus seinem Heimatland.

Von Manu Rothmund und Luca Betschart

14.1.2022

Der Aufschrei in Serbien ist gross, als am Freitag bekannt wird, dass Australiens Einwanderungs-Minister Alex Hawke Novak Djokovic das Visum wieder entzieht. «Schockierende Nachrichten aus Australien – Alex Hawke hat die Entscheidung getroffen, Djokovic des Landes zu verweisen. Dies ist zweifellos einer der grössten Sportskandale des 21. Jahrhunderts», ist etwa in der serbischen Zeitung «blic» zu lesen.



Während Djokovic in den letzten Tagen auf internationaler Ebene wohl eher an Popularität einbüsst, scheint die Rückendeckung in seiner Heimat noch stärker als zuvor. Für Balkan-Experte Krsto Lazarevic gibt es dafür mehrere Erklärungen. «Djokovic hat wirklich den Status eines National-Heiligen. Es gibt aktuell keinen Serben in irgendeinem Bereich, der so beliebt ist und angehimmelt wird wie er. Er wird auch mit den eigenen nationalen Stolz und der nationalen Identität in Verbindung gebracht», sagt Lazarevic und zeigt sich nicht überrascht von den heftigen Reaktionen auf die jüngste Entscheidung.

«Ein viel verbreiteter Opfer-Mythos»

Djokovics Behandlung Down Under werde teilweise auch als Angriff auf Serbien gesehen. «Das hat mit dem in Serbien viel verbreiteten Opfer-Mythos viel zu tun. Der hat an manchen Stellen durchaus historische Grundlagen, aber vor allem mit Bezug auf die 90er teilweise auch nicht mehr», so Lazarevic, dem vor allem die Aussagen von Srdjan Djokovic geblieben sind. «Sein Vater hat es ja am krassesten ausgedrückt, als er sagte: Wir Serben waren immer Opfer, wir haben niemanden angegriffen und nie etwas falsch gemacht. Und jetzt versuchen die uns fertig zu machen.»

Djokovics Vater hat zwar nicht direkt gesagt, wen er mit seinen Aussagen adressiert. Der langjährige Journalist im Balkan kann sich allerdings vorstellen, wer gemeint ist: «Es ist schon die Idee, dass der böse Westen nicht möchte, dass ein Serbe seinen 21. Grand-Slam-Titel holt und vor einem Spanier und einem Schweizer der grösste Spieler aller Zeiten wird.»



Djokovic als Held oder Märtyrer

Lazarevic hat auch für die Unterstützung aus der Politik eine Erklärung und glaubt, dass diese nicht von ungefähr kommt. «Djokovic ist in Serbien aktuell die beliebteste Person überhaupt. Die Politik versucht, davon auch zu profitieren. In Serbien sind bald Wahlen, im April», unterstreicht Lazarevic und fügt an: «Man muss sagen, dass sich Djokovic bisher politisch zurückgehalten hat. Er unterstützt nicht eine Person oder eine Partei.»

Nichtsdestotrotz erhoffe sich Präsident Aleksandar Vučić natürlich etwas davon, wenn er unter ein eigens auf Instagram hochgeladenes Bild schreibt, dass man alles Mögliche für den Tennis-Star tue, sagt Lazarevic. «In Deutschland, Österreich oder der Schweiz würde sich wahrscheinlich nicht die Staatsspitze einmischen, wenn ein Sportler irgendwo nicht einreisen dürfte, weil er nicht geimpft ist.»

Und was passiert, wenn Djokovic im Endeffekt tatsächlich ausreisen muss und nicht an den Australian Open teilnehmen kann? «Dann ist er der absolute Märtyrer. Er geht jetzt wieder vor Gericht, das ist alles sehr spannend, wie die 3. Staffel einer spannenden Netflix-Serie», sagt Lazarevic und fügt an: «Wenn er nicht teilnehmen darf an den Australian Open, wird das von vielen als Dolchstoss in den serbischen Rücken betrachtet werden. Man kann sich aber auch ein romantisches Ende vorstellen. Vielleicht darf er doch antreten und holt den Titel – dann hat man die perfekte Heldengeschichte.» Die kommenden Tage werden es zeigen.

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Der australische Einwanderungsminister Alex Hawke nutzt sein persönliches Recht und hat das Visum für den ungeimpften Novak Djokovic erneut für ungültig erklärt. Der Entscheid stösst im Netz auf viel Zustimmung auf Twitter.

14.01.2022