11.02.2016 - 18:45, Corina Hany / SDA / AWP Multimedia

Michel Roggo: «Für meine Bilder nehme ich alles in Kauf»

 

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Für seine aussergewöhnlichen Unterwasserfotografien nimmt der Fribourger Michel Roggo viele Strapazen auf sich.

Dabei kommt der preisgekrönte Wildlife-Fotograf nicht nur wilden Bären ganz nah, sondern erlebt beim Abtauchen auch so manche Überraschung, wie er im Interview mit Bluewin erzählt. Eine Auswahl seiner schönsten Bilder sehen Sie zudem in unserer Bildergalerie.

Michel Roggo, Sie sind ein Weltklasse-Unterwasserfotograf, sagen aber von sich, wasserscheu zu sein. Wie passt das zusammen?

Für meine Bilder nehme ich praktisch alles in Kauf. Ich folge meiner Neugier und liebe es, an speziellen Orten Bilder zu machen. Dafür habe ich mit 62 sogar noch das Tauchen gelernt.

Warum gerade die Unterwasserwelt?

Schon als Bub verbrachte ich mit meiner Familie viel Zeit am Wasser. Mit etwa 30 begann ich mit dem Fliegenfischen. Dafür muss man die Vorgänge unter Wasser verstehen. Irgendwann wollte ich das auch fotografieren.

Sie befestigen die Kamera jeweils im Wasser und sehen auf einem Monitor am Ufer, was sich dort unten abspielt. Wie lange warten Sie für ein Bild?

Oft stunden- manchmal sogar tagelang. Es kam auch schon vor, dass ich von dreiwöchigen Reisen ohne ein einziges brauchbares Bild nach Hause kam.

«Ich bin ein sehr geduldiger Mensch und verfolge meine Ziele schon fast mit Besessenheit.»

Michel Roggo

Das muss frustrierend sein.

Nein, gar nicht. Ich bin ein sehr geduldiger Mensch und verfolge meine Ziele schon fast mit Besessenheit. Um Atlantische Lachse zu fotografieren, suchte ich 20 Jahre lang nach dem perfekten Ort. 

Und wo wurden Sie fündig?

In Atlantisch-Kanada. Ich war zwei Mal vergeblich dort, beim dritten Mal aber stimmte alles: Die Sonne schien, das Wasser war klar, ich hatte alle Bewilligungen und der Fluss war für die Fischer gesperrt. Als sich dann hunderte von Lachsen vor meiner Kamera tummelten, war das der Jackpot.

Für Ihr «The Freshwater Project» nahmen Sie ebenfalls grosse Mühen auf sich. Was trieb Sie an, in fünf Jahren 36 Süssgewässer auf der ganzen Welt zu fotografieren?

Das ist ziemlich banal. Ich war in Island um Lachse zu fotografieren, doch das Wasser war trüb. Am letzten Tag erinnerte ich mich an eine mit Wasser gefüllte tektonische Spalte und machte dort wunderschöne surreale Bilder. Daraufhin stellte ich mir die Frage: Warum nur düse ich diesen Lachsen nach? Warum fotografiere ich nicht einfach aussergewöhnliche Süssgewässer und versuche, deren Geist einzufangen? Also legte ich los.

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Viele Süssgewässer sind gefährdet. Was glauben Sie, trägt Ihr Projekt zu deren Schutz bei?

Wenn ich fotografiere, bin ich ohne Mission unterwegs. Mir geht es einzig um die Bilder. Wenn diese aber von Umweltschutzorganisationen für Wasserschutzprojekte verwendet werden, freut mich das natürlich.

«Für gute Bilder warte ich manchmal tagelang.»

Michel Roggo

Welches der 36 Gewässer hat Sie am meisten überrascht?

Die Höhlenflüsse im Gunung Mulu-Nationalpark auf Borneo. Der Regenwald dort ist der artenreichste der Welt, auf einem Quadratmeter finden sich über 500 verschiedene Baumarten. Ich erwartete also eine Explosion an Leben unter Wasser. Aber ich fand in keinem der Gewässer auch nur eine einzige Pflanze. Nur einige tote Blätter von den Bäumen darüber. Weshalb das so ist, konnte mir bisher noch niemand erklären. 

Waren Sie enttäuscht?

Nein. Ich arbeite mit dem, was ich vorfinde. Früher zeichnete ich Skizzen von den Bildern, die ich aufnehmen wollte. Heute fühle ich mich wie ein Musiker, der auf die Bühne geht und improvisiert. Ich habe ein breites Spektrum an technischen Mitteln und über drei Jahrzehnte Erfahrung. Das gibt mir die Sicherheit, auch in den ungewöhnlichsten Situationen gelassen zu bleiben.

Für Ihr Projekt haben Sie auch vier Schweizer Gewässer fotografiert. Ein Beweis für die Schönheit der hiesigen Natur?

Naja, mir ist zwischendurch einfach das Geld ausgegangen, darum musste ich in der Nähe bleiben (lacht). Aber natürlich bin ich etwas sentimental, wenn es um die Schweiz geht. Ich arbeite sehr gerne hier. Die Verzasca im Tessin hat sich für das Projekt regelrecht aufgedrängt, das ist ein Weltklassefluss. Auch der Gorner Gletscher ist aussergewöhnlich: Er zählt zu den seltenen Gletschern, bei denen das Schmelzwasser an der Oberfläche abläuft. Dort entstanden unglaubliche Bilder, die man so zuvor noch nie gesehen hat.

Sie erwähnten das Geld. Ihre Arbeiten sind preisgekrönt und werden international veröffentlicht: BBC, National Geographic, GEO und andere. Wird man damit reich?

Ach, ich bin kein grosser Fisch, das darf man alles nicht überbewerten.

Sie untertreiben.

Nein, ich vergleiche mich nicht mit Topfotografen. Die Publikationen und Preise habe ich nie gesucht. Ich will einfach meine Arbeit machen, so kompromisslos wie möglich, und am Ende des Monats meine Rechnungen bezahlen. Für das Freshwater-Project habe ich sicher 300‘000 Franken aus dem eigenen Sack bezahlt, weil ich niemanden fand, der mich finanziell unterstützen wollte.

Sie haben nicht nur Fische fotografiert, sondern auch Bären und Krokodile. An welche Begegnung mit einem Wildtier erinnern Sie sich besonders?

Gut, sprechen Sie von Wildtieren. Die schlimmste Begegnung mit einem Tier hatte ich nämlich nicht in der Wildnis, sondern vor meinem Haus in der Stadt Fribourg. Ein Bullterrier attackierte eine Freundin von mir und ihren kleinen Hund. Ich musste mit meinem Stativ dazwischen gehen und habe den Hund dabei fast zu Tode geprügelt, weil er einfach nicht ablassen wollte. 

«Die Schweiz ist kein gutes Land für Wildtiere»

Michel Roggo

Mit den Bären wurde es also nie brenzlig?

Nein. Am eindrücklichsten waren die Begegnungen mit ihnen am Fluss Ozernaya in Kamtschatka, Russland. Die Bären näherten sich mir zwar bis auf wenige Meter. Aber sie waren nicht an mir interessiert. Diesen eindrücklichen Tieren in einer solchen Urlandschaft so nahe zu kommen, das war schon ein starkes Gefühl. Wenn ich dann höre, dass wieder ein Bär im Bündnerland auftaucht, habe ich Mitleid mit ihm.

Warum?

Zwischen Autobahn und Kehrrichtsäcken, das ist doch kein Leben für einen Bären. Ich sage nicht, man soll sie abschiessen. Aber die Schweiz ist kein gutes Land für Wildtiere. Die einen wollen sie schützen, die andere töten.

Bleiben wir in der Schweiz: Wie haben sich die Gewässer hier in den letzten 30 Jahren verändert?

Heute geht es vielen dank Kläranlagen besser. Gleichzeitig gibt es ausser der Sense in Fribourg kein grösseres Gewässer mehr, das nicht durch Wasserkraftwerke enorm unter Druck steht. Ausserdem sind viele Fischarten verschwunden. Nur realisiert das kaum jemand, weil man das nicht sieht.

Zum Abschluss: Welches Gewässer steht noch auf Ihrer Foto-Wunschliste?

Ich habe kürzlich bei der neuseeländischen Behörde ein Gesuch für eine Reise zu deren Forschungsstation in der Antarktis eingereicht. Rund 100 Kilometer davon entfernt liegt ein schwer zu erreichendes Trockental mit einem Fluss, der in einen See mündet. Doch Wasser fliesst dort keines mehr ab, weil so starke Winde über den See donnern, dass die Flüssigkeit verdunstet. Vermutlich hat es dort seit 10‘000 Jahren nicht mehr geregnet, es herrschen Zustände wie auf dem Mars. Ob es klappt, weiss ich nicht, aber ich habe Zeit. Die Reise zum Mars jedoch muss ein anderer machen (lacht).

Im Naturmuseum Thurgau in Frauenfeld findet vom 26. Februar bis 22. Mai 2016 die Sonderausstellung «Süsswasser: Quelle des Lebens» mit den Fotografien von Michel Roggo statt. Mehr zum Freshwater Project finden Sie hier.

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