Code entschlüsseltKI knackt 400 Jahre altes Vatikan-Rätsel – und findet kuriose Rezepte
Martin Abgottspon
4.6.2026
Dank KI können 400 Jahre alte Bücher nun entschlüsselt werden.
Gemini @blueNews
Im Vatikan lagert seit hunderten von Jahren ein rätselhaftes Buch, vollgeschrieben mit kryptischen Symbolen. Jetzt hat künstliche Intelligenz das Geheimnis gelüftet.
Irgendwo in den Tiefen der Vatikanischen Bibliothek schlummert seit über 400 Jahren ein handgeschriebenes Buch mit 408 Seiten, bedeckt mit 34 seltsamen Zeichen, arabischer Schrift auf dem Deckblatt und ein paar verstreuten lateinischen Buchstaben. Auf der Innenseite ist zu lesen, dass das Werk geheime Heilmittel «für Leiden des menschlichen Körpers» enthalte. Wer damals mit solchem Wissen in Verbindung gebracht wurde, riskierte den Vorwurf der Hexerei.
Mithilfe von maschinellem Lernen gelang es Forschenden um Beáta Megyesi, Professorin für Computerlinguistik an der Universität Stockholm, den Code zu entschlüsseln. Was sie dabei zutage förderten, klingt wie ein Kräuterkundebuch aus einer anderen Welt. Mehrere Gläser hochwertiger Rotwein gegen Durchfall, Muskatnuss in Brotteig fermentiert als Mittel gegen Ruhr. Kurios, aber historisch wertvoll.
«Es ist wie Detektivarbeit», sagt Megyesi. «Jedes Symbol, jedes Muster und jede Teillösung kann uns den Geheimnissen einer vergessenen historischen Welt näherbringen.»
So sahen die bis heute uninterpretierbaren Zeichen aus.
Biblioteca Apostolica Vaticana
Ein Prozent des Weltarchivs ist verschlüsselt
Das Buch klingt nach einem Einzelfall, ist es aber nicht. Schätzungen zufolge sind rund ein Prozent der Dokumente in Archiven und Bibliotheken weltweit ganz oder teilweise verschlüsselt. Hinter diesen Codes verbergen sich diplomatische Geheimdienstinformationen, Liebesbriefe, die Rituale geheimer Gesellschaften oder medizinisches Wissen, das die Schreibenden aus Angst vor Verfolgung nicht offen preisgeben wollten. Was darin steht, fehlt bis heute in den Geschichtsbüchern.
Bis KI ins Spiel kam, war das Entziffern historischer Geheimschriften eine mühsame Handarbeit. Die Kryptologin Cécile Pierrot vom französischen Informatikforschungsinstitut INRIA benötigte mit ihrem Team sechs Monate, um einen einzigen dreiseitigen Brief von Kaiser Karl V. zu knacken – geschützt durch 120 verschiedene Chiffresymbole.
Allein die digitale Transkription eines zweiseitigen Briefes mit unbekannten Symbolen dauere einen vollen Arbeitstag, berichtet Pierrot. Denn bevor Software einen Code knacken kann, muss der handgeschriebene Text erst Zeichen für Zeichen in maschinenlesbare Form gebracht werden – bei verblasster Tinte und schlechter Handschrift eine echte Tortur.
Weltweit gibt es noch tausende von Texten, die bis heute nicht entschlüsselt wurden.
Getty Images
KI überspringt den mühsamsten Schritt
Genau hier setzt die neue Generation von KI-Werkzeugen an. Die Plattform «Transkribus» etwa wurde auf verschiedenen Sprachen, Schriften und Handschriften aus mehreren Jahrhunderten trainiert und kann historische Dokumente automatisch in digitalen Text umwandeln. Für einfachere Chiffren funktioniert das bereits gut. Für die verschlungeneren Codes mit erfundenen Zeichen, astrologischen Symbolen oder ungewöhnlich geschriebenen Ziffern reicht das noch nicht.
Deshalb entwickeln Megyesi und ihre Kolleginnen im multinationalen Projekt «Descrypt» ein eigenes KI-Werkzeug, das speziell auf obskure Schriften und Symbolsysteme ausgelegt ist. Das eigentliche Ziel ist noch ambitionierter: ein System, das die Transkription und die Entschlüsselung in einem einzigen Schritt erledigt. Also direkt aus einem Foto des Originaldokuments den lesbaren Text erzeugt, ohne den mühseligen Zwischenschritt.
400 Liebesbriefe warten noch
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Erste Tests stimmen zuversichtlich. Als die Forschenden ihren KI-Chatbot mit dem Borg-Cipher konfrontierten – eben jenem rätselhaften Vatikanbuch – übersetzte und entschlüsselte er einen 500 Zeichen langen Ausschnitt in knapp 29 Minuten. Inklusive englischer Übersetzung. Das System dokumentierte dabei auch seinen eigenen Lösungsweg und erklärte, warum die gefundene Lösung plausibel ist. Ein wichtiger Sicherheitsmechanismus gegen das gefürchtete «Halluzinieren» von KI-Modellen, also das Erfinden von Informationen.
Getestet wurde das System anschliessend auch am «Copiale-Cipher», einem 105-seitigen Manuskript, das die Rituale und Ideale einer deutschen Geheimgesellschaft des 18. Jahrhunderts dokumentiert. Der Code fiel ebenso schnell.
Parallel dazu durchforsten Waldispühl und ihre Kollegen systematisch Archive nach verschlüsselten Dokumenten und bauen eine Datenbank auf. Unter dem bereits gesammelten Material befinden sich rund 400 rätselhafte Postkarten in Geheimschrift aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die wenigen bereits entzifferten Fragmente deuten darauf hin, dass es sich um Liebesbriefe auf Deutsch handelt.
Ob KI auch den 4'000 Jahre alten «Phaistos-Diskus» von Kreta eines Tages lesen kann – ein keramisches Objekt mit bis heute unentzifferten Symbolen – bleibt offen. Aber die Frage stellt sich inzwischen ernsthaft.
Es sind bei weitem nicht nur Bücher, welche geheime Zeichen enthalten.