Phantom-VerbrechenGrosi sitzt wegen KI ein halbes Jahr unschuldig im Gefängnis
Martin Abgottspon
19.3.2026
In den USA soll eine vierfache Grossmutter bei einem Bankraub beteiligt gewesen sein.
ChatGPT @blueNews
Eine fehlerhafte Gesichtserkennung und massive Behördenversäumnisse führten in den USA dazu, dass eine unschuldige Grossmutter fast ein halbes Jahr in Haft sass. Der Fall offenbart die gefährliche Übervertrauen in KI-gestützte Ermittlungen.
Eine fehlerhafte KI-Gesichtserkennung brachte die unschuldige Angela Lipps in den USA unter Verdacht. Daraufhin wurde sie festgenommen und 163 Tage in Untersuchungshaft gehalten.
Nicht nur die Technik versagte, sondern vor allem die Behörden, weil sie offensichtliche Widersprüche und leicht überprüfbare Alibi-Beweise monatelang ignorierten.
Der Fall zeigt, wie gefährlich blindes Vertrauen in KI bei Ermittlungen ist, wenn dadurch die Unschuldsvermutung untergraben und Existenzen zerstört werden.
Der Fall der 50-jährigen Angela Lipps aus Tennessee ist sinnbildlich für das Vertrauen, das Menschen inzwischen in Künstliche Intelligenz haben. Am 14. Juli 2025 wurde die vierfache Grossmutter unter vorgehaltener Waffe festgenommen. Sie wurde eines schweren Bankbetrugs unter Verwendung falscher Identitäten in vier Fällen in North Dakota bezichtigt, einem Bundesstaat, den sie nach eigenen Angaben nie zuvor betreten hatte. Erst nach 163 Tagen in Untersuchungshaft wurde das Verfahren eingestellt.
Das digitale Trugbild
Die Ermittlungen des Fargo Police Department im Frühjahr 2025 stützten sich auf Überwachungsaufnahmen einer Unbekannten, die mit gefälschten Militärausweisen zehntausende Dollar erbeutet hatte. Anstatt klassische Ermittlungsarbeit zu leisten, speisten die Beamten das Bildmaterial in die KI-gestützte Gesichtserkennungssoftware ein.
Das System identifizierte Angela Lipps als potenzielle Verdächtige. Ein Abgleich mit Führerscheinfotos und Social-Media-Profilen durch die Ermittler reichte aus, um einen Haftbefehl zu erwirken. Dabei wurden grundlegende Diskrepanzen ignoriert. Die Software lieferte lediglich eine statistische Wahrscheinlichkeit, keinen Identitätsbeweis. Dennoch wurde Lipps als «flüchtige Kriminelle» eingestuft, was eine Entlassung auf Kaution verhinderte.
In diesem Gefängnis wurde Angela Lipps festgehalten.
Cass County Jail
Systemversagen durch Unterlassung
Die Dauer der Inhaftierung resultierte weniger aus der technologischen Fehlleistung als vielmehr aus einem eklatanten Mangel an Sorgfalt im ganzen Prozess. Über fünf Monate hinweg unterblieb eine Befragung der Verdächtigen. Erst als ihr Strafverteidiger Jay Greenwood einfache Entlastungsbeweise vorlegte, kollabierte das Kartenhaus der Anklage.
Kontoauszüge belegten lückenlos, dass Lipps zum Zeitpunkt der Taten in Tennessee Einkäufe tätigte und Sozialleistungen entgegennahm. Diese Alibi-Daten wären für die Polizei von Fargo mit minimalem Aufwand bereits vor der Festnahme abrufbar gewesen.
Die Frau verliert sogar ihren Hund
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Für die Betroffene hat das Behördenversagen existenzvernichtende Ausmasse. Während der Haft verlor Lipps ihre Wohnung und ihr Fahrzeug; sogar ihr Hund wurde anderweitig vermittelt. Eine offizielle Entschuldigung der Polizei von Fargo steht bis heute aus. Der ehemalige Polizeichef David Zibolski lehnte Stellungnahmen zu den Versäumnissen ab.
Experten warnen seit Langem vor dem «Automation Bias» – der Neigung von Menschen, automatisierten Systemen mehr Vertrauen zu schenken als der eigenen Urteilskraft oder widersprüchlichen Informationen. Im Kontext der Strafverfolgung wird diese psychologische Falle zum rechtsstaatlichen Risiko. Wenn Algorithmen die Vorauswahl der Verdächtigen treffen und Ermittler diese Auswahl nur noch bestätigen, wird die Unschuldsvermutung faktisch ausgehebelt.
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