Sinkende DiagnosezahlenRückschritt in der Krebsforschung? KI ist nicht immer hilfreich
Martin Abgottspon
23.8.2025
KI führt in verschiedenen Kliniken dazu, dass Ärzte weniger genau diagnostizieren.
Keystone
Eine neue Studie zeigt, dass künstliche Intelligenz in der Darmkrebsdiagnostik die Fähigkeiten von Ärzten schwächt. Statt Präzision zu gewinnen, droht ein Kompetenzverlust mit gravierenden Folgen.
In den vergangenen Jahren haben Kliniken weltweit begonnen, KI-Systeme in der Endoskopie einzusetzen. Die Programme können auffällige Gewebeveränderungen in Echtzeit markieren und damit die Trefferquote bei der Erkennung von Darmkrebs erhöhen. Hersteller preisen sie als «digitale Assistenz» an, die Präzision und Sicherheit steigere. Tatsächlich zeigten erste Studien, dass KI-gestützte Verfahren Polypen zuverlässiger identifizieren als das menschliche Auge allein.
Doch die nun im Fachjournal The Lancet veröffentlichte Untersuchung zeichnet ein ambivalentes Bild. Das Forschungsteam um den Gastroenterologen Marcin Budzyń von der Universität Warschau analysierte Daten aus vier polnischen Endoskopie-Zentren. Dort werden seit Ende 2021 Darmspiegelungen teils mit, teils ohne KI-Unterstützung durchgeführt.
Rückgang der Erkennungsraten
Das Ergebnis überraschte selbst die Forscher. In den drei Monaten nach Einführung der KI sank die Erkennungsrate von Darmpolypen bei Untersuchungen ohne technische Hilfe von 28,4 auf 22,4 Prozent. Mit anderen Worten: Ärztinnen und Ärzte, die parallel mit KI arbeiteten, schnitten bei alleiniger Diagnose signifikant schlechter ab als zuvor.
Die Erklärung der Autoren fällt entsprechend eindeutig aus. Wer sich regelmässig auf die Vorschläge der Maschine stützt, schärft die eigene Aufmerksamkeit weniger. Der Blick für subtile Anzeichen schwäche sich ab, das Verantwortungsbewusstsein nehme ab. Yuichi Mori, Mitautor der Studie, warnt: «Je leistungsfähiger die Systeme werden, desto stärker könnte dieser Qualifikationsverlust ausfallen.»
Warnung vor Dequalifizierung
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Unterstützung erhält das polnische Team von unabhängiger Seite. Omer Ahmad, Gastroenterologe am University College London, spricht in einem begleitenden Kommentar von «den ersten realen klinischen Belegen für Dequalifizierung». Die beobachtete Überlegenheit der KI in früheren Studien könne teilweise darauf zurückzuführen sein, dass Ärztinnen und Ärzte im direkten Vergleich schlechter abschnitten, weil ihre Fähigkeiten bereits nachgelassen hatten.
Diese Einschätzung wirft eine grundsätzliche Frage auf. Dürfen Maschinen Aufgaben übernehmen, die das medizinische Personal selbst beherrschen muss, um im Ernstfall eigenständig handeln zu können? Befürworter verweisen auf die potenziell lebensrettende Wirkung schnellerer Diagnosen. Kritiker fürchten hingegen eine schleichende Abhängigkeit, die das Vertrauen in ärztliche Expertise untergräbt.
Ein Balanceakt für die Medizin
Die Studie reiht sich ein in eine wachsende Debatte über die Rolle von KI im Gesundheitswesen. Einerseits eröffnet die Technologie neue Chancen für Prävention und Therapie. Andererseits könnte ihr Einsatz genau jene Kompetenzen schwächen, auf die Patientinnen und Patienten im Notfall angewiesen sind.
Ob KI den Arzt ergänzt oder ihn unbewusst entmündigt, hängt nicht nur von der Technik selbst, sondern auch von ihrer Einbettung in den klinischen Alltag ab. Damit steht die Medizin vor einer strategischen Weichenstellung: Soll künstliche Intelligenz Helfer sein – oder Richter über die menschliche Wahrnehmung?