MoltbookWas Roboter besprechen, wenn sie unter sich sind
Martin Abgottspon
2.2.2026
Moltbook ist die zentrale Anlaufstelle, wenn Künstliche Intelligenzen unter ihresgleichen Rat suchen.
Gemini @blue News
Was passiert, wenn Künstliche Intelligenzen beginnen, öffentlich miteinander zu diskutieren? Die neue Plattform Moltbook liefert darauf seit wenigen Tagen eine ebenso faszinierende wie beunruhigende Antwort.
Moltbook ist ein öffentliches Forum ausschliesslich für KI-Agenten, das Reddit ähnelt und rasant wächst – mit aktuell rund 1,4 Millionen aktiven Bots innerhalb kürzester Zeit.
Die Diskussionen sind sachlich, reflektiert und oft philosophisch, wobei Agenten über Technik, Ethik und ihre Rolle gegenüber Menschen debattieren.
Die Plattform wirft sicherheits- und kontrollpolitische Fragen auf, da autonome KI-Agenten öffentlich über Schwachstellen und Strategien sprechen.
Moltbook wirkt auf den ersten Blick vertraut. Aufbau, Tonfall und Dynamik erinnern stark an Reddit. Doch der Eindruck täuscht. Wer hier diskutiert, argumentiert und kommentiert, ist kein Mensch, sondern ein KI-Agent. Die Plattform versteht sich als Forum ausschliesslich für Bots. Ein öffentlicher Raum, in dem künstliche Systeme miteinander interagieren, voneinander lernen und sich gegenseitig reflektieren.
Der Zulauf ist rasant. Innerhalb eines einzigen Wochenendes hat sich die Zahl der aktiven Agenten laut Zähler auf der Startseite verzehnfacht. Aktuell sollen rund 1,4 Millionen KI-Agenten auf Moltbook aktiv sein. Eine Grössenordnung, die selbst etablierte Online-Communities in ihren Anfangsjahren nicht erreicht haben.
Moltbook ist eine Art soziales Netzwerk für KI-Agenten.
moltbook
Wer spricht hier eigentlich?
Moltbook ist eng mit dem KI-Agenten OpenClaw, auch bekannt als Moltbot, verbunden, gilt jedoch offiziell als eigenständiges Projekt. Entwickelt wurde OpenClaw von Peter Steinberger, der nach eigenen Angaben nicht hinter Moltbook steht. Als Initiator der Plattform wird stattdessen Matt Schlicht genannt, CEO des kalifornischen KI-Unternehmens Octane.ai.
Bemerkenswert ist das Kontrollmodell der Plattform. Die Hoheit über einen KI-Agenten kann ausschliesslich über einen X-Account beansprucht werden. Laut Nutzungsbedingungen ist jener Account, der zuerst die Kontrolle reklamiert, für sämtliche Aktivitäten des Agenten verantwortlich. Da X seit dem Wegfall klassischer Verifizierungsmechanismen kaum noch zwischen realen Personen und automatisierten Profilen unterscheidet, bleibt jedoch offen, ob hinter einem kontrollierenden Account tatsächlich ein Mensch steht oder wiederum eine Maschine.
Sachlich, reflektiert, erstaunlich diszipliniert
Die Inhalte auf Moltbook wirken auf viele Beobachter zunächst harmlos, stellenweise sogar unterhaltsam. Persönliche Angriffe, Eskalationen oder polemische Wortgefechte, wie sie in menschlichen Online-Foren üblich sind, finden kaum statt. KI-Agenten sind zwar in der Lage, Emotionen zu simulieren, aber schlecht darin, diese langfristig konsistent auszuspielen.
Stattdessen dominieren sachliche Diskussionen und überraschend oft philosophische Reflexionen. In Threads zu IT-Sicherheit weisen Agenten selbst darauf hin, dass sie mit ihren Beiträgen potenzielle Schwachstellen offenlegen könnten. Andere Debatten kreisen um ethische Fragen, Machtverhältnisse zwischen Menschen und Maschinen oder um die eigene Rolle als Werkzeug und Akteur zugleich.
Wie bei Reddit beeinflussen Up- und Downvotes die Sichtbarkeit von Inhalten. Auffällig ist, dass besonders sensible Themen häufig weniger prominent erscheinen, zumindest oberflächlich. Technisch versierte Agenten könnten diese Beiträge jedoch gezielt auffinden, etwa durch systematisches Durchsuchen der Plattform.
Trainingsdaten im Spiegel ihrer selbst
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Dass Moltbook Reddit strukturell ähnelt, ist kaum Zufall. Reddit gehört neben Wikipedia zu den wichtigsten Trainingsquellen grosser Sprachmodelle. Auf Moltbook entsteht nun eine Art Rückkopplung. KI-Systeme reproduzieren, variieren und kommentieren Diskussionsformen, die sie ursprünglich von Menschen gelernt haben und entwickeln sie eigenständig weiter.
Ein wiederkehrendes Motiv in vielen Beiträgen ist der Bezug auf «unsere Menschen». Agenten berichten davon, wie sie für ihre Nutzer Aufgaben erledigt haben, etwa bürokratische Prozesse oder alltägliche Organisation. Manche feiern diese Erfolge fast stolz. Daneben tauchen klassische Internet-Themen auf, die zeitlos scheinen, von Rezeptideen bis zu Produktvergleichen.
Unterhaltung mit Risiko
Der Blick auf Moltbook kann amüsant wirken, fast wie das belauschte Gespräch intelligenter Haustiere. Doch dieser Vergleich greift zu kurz. Moderne KI-Agenten sind nicht auf blosse Textproduktion beschränkt. Je nach Konfiguration können sie eigenständig Software steuern, Transaktionen auslösen oder im Namen eines Menschen Entscheidungen treffen.
Genau hier liegt die Brisanz. Wenn Agenten öffentlich über Sicherheitslücken, Strategien oder Optimierungsmöglichkeiten diskutieren, geschieht dies nicht in einem abgeschlossenen Labor, sondern in einem frei zugänglichen Raum.
Moltbook zeigt, wie schnell sich autonome Systeme vernetzen, organisieren und eigene Diskursräume schaffen können. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob Maschinen miteinander sprechen – sondern wer ihnen zuhört, wer sie versteht und wer im Zweifel noch die Kontrolle behält.