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Junge Menschen sind besonders stark von psychischer Belastung betroffen. Die Uni Bern hat deshalb ein digitales Kurzzeitprogramm zur Unterstützung bei psychischen Belastungen entwickelt. (Symbolbild)
Elisa Schu/dpa
Wer psychische Hilfe sucht, wartet oft wochen- oder monatelang auf einen Therapieplatz. Forschende der Universität Bern wollen diese Lücke mit einem digitalen Sofortangebot schliessen – als «Erste Hilfe für die Psyche».
18 Prozent der Schweizer Bevölkerung fühlen sich psychisch belastet – das zeigen Daten der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022 des Bundesamts für Statistik. Tendenz steigend. Steckt die Schweiz in einer Gesundheitskrise?
Dr. Laura Bielinski: Diese Frage wird oft gestellt – und sie wird häufig mit der Corona-Pandemie in Verbindung gebracht. In dieser Zeit haben die psychischen Belastungen in der Schweizer Bevölkerung zugenommen. Danach hat sich die Situation in der Gesamtbevölkerung teilweise wieder stabilisiert. Bei jungen Menschen, insbesondere bei jungen Frauen, bleiben die Belastungswerte jedoch vergleichsweise hoch.
Von einer «Krise» zu sprechen, ist vielleicht etwas zugespitzt. Aber: zahlreiche Menschen fühlen sich psychisch belastet. Sie haben zum Beispiel depressive Symptome oder Ängste, suchen Hilfe – und finden nicht immer sofort einen Therapieplatz.

Uni Bern
Dr. Laura Luisa Bielinski ist eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin und forscht als Postdoc-Mobility-Stipendiatin des Schweizerischen Nationalfonds derzeit an der Macquarie University in Sydney, Australien. Zudem ist sie affiliierte Forscherin an der Universität Bern. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf digitalen Interventionen in der Psychotherapie. Ihre Lehrerfahrung in der Weiterbildung angehender Psychotherapeut*innen ergänzt ihr wissenschaftliches und psychotherapeutisches Profil.
Man liest oft, dass immer mehr Menschen psychische Hilfe benötigen – und lange auf einen Therapieplatz warten. Was sind die Gründe dafür?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits suchen heute mehr Menschen Hilfe, weil psychische Erkrankungen weniger stigmatisiert sind als früher. Es ist normaler geworden, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Andererseits gibt es auch mehr Bedarf, zum Beispiel bei jungen Menschen. Gleichzeitig berichten die Leistungserbringer selbst sehr oft von Kapazitätsengpässen und Unterversorgung.
Gibt es konkrete Zahlen dazu, wie viele Menschen in der Schweiz von Depressionen und Angsterkrankungen betroffen sind?
Ja, wobei man unterscheiden muss zwischen einzelnen Symptomen und tatsächlich diagnostizierten Störungen. Über das ganze Leben hinweg erfüllen laut Schweizerischem Gesundheitsobservatorium etwa 20 bis 40 Prozent der Menschen einmal die Kriterien für eine Depression; rund jede vierte Person erfüllt im Laufe des Lebens die Kriterien für eine Angststörung.
Gibt es Personengruppen, die besonders betroffen sind?
Ja, gewisse Gruppen sind besonders betroffen. Beispielsweise Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status oder auch bestimmte Gruppen mit Migrationshintergrund fühlen sich zum Teil stärker psychisch belastet als die Allgemeinbevölkerung.
Spezifisch zu Angsterkrankungen und Depressionen: Dort sind Frauen häufiger betroffen als Männer. Spannend ist, dass es auch Studien gibt, die zeigen, dass Depressionen sich bei Frauen und Männern unterschiedlich äussern können. Bei Männern zum Beispiel eher auch durch Reizbarkeit oder Aggressivität
Wie zeigt sich das bei Frauen?
Frauen leiden oft an Symptomen wie Traurigkeit oder Schlafproblemen. Zudem sprechen sie eher über ihre Belastung und suchen sich Unterstützung.
Heisst das konkret: Menschen mit tieferem Bildungsniveau oder Migrationshintergrund sind häufiger betroffen?
Grundsätzlich sehen wir, dass ein tiefer sozioökonomischer Status mit einem erhöhten Risiko für psychische Belastungen und Erkrankungen verbunden ist. Im Migrationskontext zeigen sich erhöhte Belastungen vor allem bei bestimmten Gruppen und in prekären Lebenslagen, etwa wenn wenig soziale Unterstützung oder unsichere Lebensbedingungen dazukommen. Sprachbarrieren können zudem den Zugang zu geeigneter Unterstützung oder Therapie erschweren.
Man liest oft, dass immer mehr junge Menschen psychische Probleme haben. Woran liegt das?
Die Zahlen zeigen tatsächlich, dass junge Menschen stärker von psychischer Belastung betroffen sind – insbesondere junge Frauen, auch nach der Pandemie. Ein Grund ist möglicherweise, dass diese Altersgruppe besonderen Belastungen ausgesetzt ist, etwa Leistungsdruck, Stress, oder auch Einsamkeit.
Gleichzeitig sieht man auch, dass die Versorgung an ihre Grenzen kommt: Gerade für Kinder und Jugendliche gibt es laut Befragungen unter Fachpersonen weiterhin viele Engpässe bei Therapieplätzen.
Liegt das auch daran, dass es zu wenig Fachpersonal gibt?
Therapeutinnen und Therapeuten weisen schon seit längerem auf Engpässe und Unterversorgung hin.
Spielt Social Media dabei auch eine Rolle? Wenn man sich die Studienlage anschaut, zeigt sich kein ganz klares Bild. Relevant scheint auch zu sein, welche Inhalte konsumiert werden und zu welchem Zweck. Wenn zum Beispiel über soziale Netzwerke soziale Kontakte pflegt, kann das auch positiv sein. In gewissen Bereichen kann es aber schwierig werden, zum Beispiel wenn eine bereits belastete Person mit Essstörung auf Social Media mit unrealistischen Schönheitsidealen konfrontiert ist.
Die Versorgung stösst an ihre Grenzen. An der Universität Bern haben Sie das «OptiBrief» Projekt entwickelt. Setzt Ihr Ansatz dort an?
Viele Hilfesuchende müssen oft mehrere Wochen bis Monate auf einen Therapieplatz warten – das erlebte ich auch in meiner Arbeit als Psychotherapeutin.
Deshalb haben wir uns überlegt, dass es für diese Zeit ein zusätzliches Angebot braucht – etwas, das sofort verfügbar ist.
OPTIBRIEF unterstützt das digitale Programm UKADO. Es handelt sich um eine sehr kurze, strukturierte Unterstützung. Betroffene erhalten konkrete Strategien, um besser mit ihrer Belastung umzugehen – eine Art Erste Hilfe für die Psyche, bis eine längere Therapie beginnen kann.
UKADO richtet sich an Menschen mit Angst- und depressiven Symptomen und soll helfen, die Wartezeit auf eine Therapie zu überbrücken.
Aktuell untersuchen wir, wie ein solches Programm gestaltet sein muss, damit es möglichst wirksam ist.
Wie funktioniert die Teilnahme?
Zuerst füllt man einen Fragebogen aus, danach folgt ein kurzes Telefoninterview. Anschliessend wird man einer Studiengruppe zugeteilt. Das Programm selbst ist bewusst kurz gehalten: Es dauert etwa eine Stunde, dazu kommen Übungen über rund zwei Wochen. Danach folgen weitere Befragungen. Aktuell haben mehr als 100 Personen teilgenommen, insgesamt suchen wir 312.
Das Programm ersetzt keine Therapie?
Es geht nicht darum, eine Psychotherapie zu ersetzen, sondern Menschen in einer belastenden Phase zu unterstützen, in der sie noch keinen Therapieplatz haben. Es geht also um eine Ergänzung. Die Hoffnung ist, dass sich so Symptome bereits etwas verbessern.
Ist das für alle geeignet?
Nein, digitale Angebote passen nicht für alle. In akuten Krisen ist ein Programm wie UKADO nicht geeignet. Es ist auch wichtig, dass jede Person selbst entscheidet, ob ein digitales Programm für sie stimmt. Erste Rückmeldungen zeigen, dass viele das Programm als hilfreichen Anker erleben.
Gibt es Länder, die weiter sind als die Schweiz?
Ja, beispielsweise Australien oder Schweden. Dort können Personen verschiedene digitale Programme zur Behandlung von psychischen Problemen und Erkrankungen nutzen.
Spannend ist auch die Situation in Deutschland: Dort können digitale Gesundheitsanwendungen sogar auf Rezept verschrieben werden.
Apps auf Rezept – wie funktioniert das?
In Deutschland ist es so: Wenn ich eine Depression habe, kann mir eine Ärztin oder Psychotherapeutin einen Zugangscode für eine digitale Gesundheitsanwendung verschreiben.
Es handelt sich dabei um digitale Medizinprodukte, die verschiedene Prüfungen durchlaufen müssen. Überprüft wird unter anderem Wirksamkeit, Sicherheit und Leistungsfähigkeit. Dann können Ärztinnen oder Psychotherapeutinnen diese Anwendungen wie ein Medikament verschreiben.
Warum werden solche Apps trotzdem noch zurückhaltend verschrieben?
Ein möglicher Grund ist, dass sich Fachpersonen noch unsicher fühlen im Umgang mit den digitalen Angeboten. Es fehlt teilweise an Wissen, wie man solche Programme am besten in die Routineversorgung integriert.
Worauf sollte man bei digitalen Angeboten achten?
Wichtig ist, genau hinzuschauen: Wer bietet das Produkt an? Wie werden Daten gespeichert? Gibt es wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit des Produkts? Im App-Store ist das Angebot eher unübersichtlich – ein regelrechter Dschungel.
Gibt es bereits Angebote in der Schweiz? In der Schweiz gibt es noch kein System wie in Deutschland. Dieses Jahr gibt es aber eine neue Entwicklung – ab Juli 2026 wird ein digitales Programm zur Behandlung von Depressionen in der Schweiz über die Grundversicherung vergütet.
Was ist Ihre grösste Hoffnung für das Projekt?
Dass wir Menschen in der Wartezeit besser auffangen können – damit sie sich nicht allein fühlen. Gleichzeitig möchten wir herausfinden, wie ein solches Programm gestaltet sein muss, damit es wirklich hilft und auch gut und gerne genutzt wird.
Falls du an der Studie teilnehmen möchtest, findest du hier den Link zur OPTIBRIEF-Studie: https://ukado.psy.unibe.ch/teilnahme.