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Der Bitcoin hat seit seinem Rekordhoch im Herbst 2025 knapp die Hälfte seines Werts eingebüsst.
Hannes P Albert/dpa/dpa-tmn
Der Absturz des Bitcoin-Kurses verunsichert viele Anleger. Doch Fachleute sehen hinter dem Rückgang keine grundlegende Krise. Die grössere Gefahr für die Kryptowährung könnten dereinst Quantencomputer darstellen.
Der Bitcoin hat in den vergangenen Wochen deutlich an Wert verloren. Aktuell notiert die Kryptowährung bei rund 63'000 Dollar – mehr als 50 Prozent unter dem Höchststand von gut 126'000 Dollar im Oktober 2025.
Parallel dazu nehmen Diskussionen über mögliche technologische Risiken zu, insbesondere im Zusammenhang mit Fortschritten bei Quantencomputern und Künstlicher Intelligenz. Während der Kursverlauf kurzfristig stark von Marktmechanismen geprägt ist, rücken damit auch langfristige Sicherheitsfragen in den Fokus.
Für Rino Borini, Leiter des Bitcoin-Economy-Lehrgangs an der Hochschule für Wirtschaft Zürich und Gründer des Zürcher Krypto-Unternehmens House of Satoshi, ist der aktuelle Rückgang kein einzelnes Ereignis. «Es gibt nicht einen Grund, sondern mehrere, die gleichzeitig zusammenkamen», sagt der Krypto-Experte zu blue News.
Ein zentraler Auslöser sei der starke Kapitalabfluss aus Bitcoin-ETFs gewesen. EFTs haben es insbesondere institutionellen Anlegern erleichtert, in Bitcoin zu investieren – zuletzt jedoch auch wieder Abflüsse in Milliardenhöhe gesehen. Borini erklärt: «Aus diesen ETFs wurde zuletzt massiv Geld abgezogen: an 13 Handelstagen in Folge, von Mitte Mai bis Anfang Juni, rund 4,4 Milliarden Dollar – die längste solche Phase, seit es diese Bitcoin-ETFs überhaupt gibt.»
Hinzu kamen laut ihm psychologische Faktoren. So habe der teilweise Verkauf von Bitcoin durch die Firma Strategy – die US-Firma von Michael Saylor, dem bekanntesten Bitcoin-Anleger – zwar wirtschaftlich kaum Gewicht gehabt, aber dennoch Wirkung entfaltet. «Wirtschaftlich bedeutungslos, aber psychologisch ein Schock, nach dem Motto: ‹Wenn sogar der verkauft …›», so Borini. Verstärkt wurde die Unsicherheit durch Zwangsliquidationen im Derivatemarkt sowie makroökonomische Faktoren wie Inflationssorgen und Unsicherheit über die US-Zinsen.

Michael Saylor ist ein US-amerikanischer Unternehmer und eine führende Figur der weltweiten Bitcoin-Community.
Imago
Gleichzeitig betont Borini, dass sich das Fundament von Bitcoin weiter verbessert habe. «Im Hintergrund passiert gerade viel Positives», sagt er und verweist unter anderem auf die politische Entwicklung in den USA: «In den USA steht mit dem sogenannten Clarity-Act erstmals eine klare Krypto-Regulierung kurz vor dem Senat.» Zudem wachse die institutionelle Akzeptanz weiter. «Rund 60 Prozent der 25 grössten US-Banken bieten inzwischen Bitcoin-Dienste an oder bauen sie auf.»
Auch historisch ordnet Borini die aktuelle Phase ein. Heftige Rückgänge seien im Bitcoin-Markt nichts Aussergewöhnliches. «Wir stecken gerade im sechsten Bärenmarkt, und die fünf davor waren alle deutlich brutaler», sagt er. Damals habe es Einbrüche von über 80 Prozent gegeben, heute liege der Rückgang bei rund 50 Prozent.
Ein Bärenmarkt ist eine längere Börsenphase, in der die Kurse um 20 Prozent oder mehr von ihrem vorherigen Höchststand fallen.
Borini widerspricht zudem der These, Bitcoin verhalte sich einfach wie eine Technologieaktie. «Im Moment stimmt das Gegenteil: Die Aktienmärkte stehen auf Rekordhochs, während Bitcoin fällt.» Vielmehr sei Bitcoin aktuell eine Liquiditätsquelle in einem Markt, in dem Kapital umgeschichtet werde.
«Ich mache mir vielmehr Sorgen um unser Finanzsystem»

Rino Borini
Krypto-Experte
Die eigentliche Stärke des Systems zeige sich jedoch über längere Zeiträume. «Das ist kein Defekt am Bitcoin selbst, sondern ein ganz normaler Verteilkampf um knappes Kapital», so Borini. Und weiter: «Seine eigentliche Stärke als knappes, wertbeständiges Geld zeigt sich ohnehin nicht über Wochen, sondern über viele Jahre.»
Trotz der Unsicherheit sieht er keinen strukturellen Bruch. Vielmehr warnt er vor anderen Risiken im globalen Finanzsystem: «Ich mache mir vielmehr Sorgen um unser Finanzsystem: Turmhohe Schulden, Staaten wie Deutschland, Frankreich oder die USA zahlen rekordhohe Zinsen auf ihre Schulden.»
Auch kurzfristig hält Borini weitere Kursrückgänge für denkbar. Auf die Frage nach einer nächsten Verkaufswelle sagt er: «Ehrlich gesagt: möglich, ja.» Gleichzeitig betont er die Unsicherheit der aktuellen Lage: «Eine Glaskugel habe ich so wenig wie alle anderen, und die Welt liefert derzeit ungewöhnlich viele Unsicherheiten gleichzeitig.»
Saisonal betrachtet seien die Sommermonate oft schwächer. Zudem belasteten weiterhin Abflüsse aus Bitcoin-ETFs den Markt. «Dass wir die Marke von 60'000 Dollar noch einmal unterschreiten, kann ich mir gut vorstellen», sagt Borini.

Zuletzt kannte der Bitcoin-Kurs nur eine Richtung: nach unten.
Imago
Gleichzeitig relativiert er die Nervosität. Solche Bewegungen träfen vor allem kurzfristige Spekulanten: «Solche Abwärtsbewegungen sind oft heftig, aber kurz. Sie erwischen vor allem die nervösen Spekulanten – nicht die Substanz, also die Longterm-Hodler.»
Langfristig bleibt er optimistisch: «Ich bin zuversichtlich, dass das ‹Schlimmste› durch ist und Bitcoin mittelfristig wieder auf neue Höchststände klettern wird.»
Neben dem Kursrückgang erregt aktuell vor allem die Diskussion um Quantencomputer Aufmerksamkeit. Hintergrund ist die theoretische Möglichkeit, dass solche Systeme eines Tages die kryptografischen Grundlagen von Bitcoin angreifen könnten.
Anders als herkömmliche Computer arbeitet ein Quantencomputer nicht nur mit 0 und 1. Er hat auch alles dazwischen zur Verfügung. Damit ist er deutlich schneller als andere Rechner.

Quantencomputer bedrohen die Sicherheit von bisherigen Verschlüsselungsalgorithmen.
Keystone
Der Bitcoin-Experte Fabian Schär, Professor für Distributed Ledger Technology (Blockchain) und Fintech an der Universität Basel, stellt auf Anfrage von blue News klar, dass der Begriff «Verschlüsselung» im Zusammenhang mit Bitcoin oft missverstanden wird. Er erklärt: «Genau genommen verschlüsselt Bitcoin nichts. Das System beruht auf kryptografischen Signaturen, einer Art elektronischem Echtheitsnachweis der Zahlungsinstruktionen.»
Jeder Nutzer verfüge über ein Schlüsselpaar: einen öffentlichen und einen privaten Schlüssel. Problematisch würde es erst, wenn ein genügend leistungsfähiger Quantencomputer aus dem öffentlichen den privaten Schlüssel berechnen könnte. «Dies ist mit normalen Computern nicht praktikabel. Wer das schafft, könnte die Kontrolle über fremde Bitcoin-Guthaben übernehmen», so Schär.
Theoretisch sei dies zwar möglich, praktisch aber noch nicht umsetzbar. «Heute noch nicht. Es existiert aber bereits ein Algorithmus (der sogenannte Shor's-Algorithmus), mit dem dies – einen ausreichend leistungsfähigen Quantencomputer vorausgesetzt – theoretisch möglich wäre», so Schär. Er betont zudem, dass dies nicht nur Bitcoin betreffe, sondern viele heutige Verschlüsselungs- und Signatursysteme.
Auch die häufige Verschmelzung von Künstlicher Intelligenz und Quantencomputern ordnet Schär ein. «Hier werden verschiedene Dinge miteinander vermischt», sagt er. Zwar könne KI theoretisch helfen, Schwachstellen in Implementierungen zu finden, doch das sei kein spezifisches Bitcoin-Risiko.
«Alle Systeme, die auf die betroffenen Verschlüsselungs-Verfahren setzen, werden vor erheblichen Herausforderungen stehen»

Fabian Schär
Krypto-Experte
«Bitcoin ist vergleichsweise einfach gehalten», erklärt Schär. Wahrscheinlicher seien Risiken eher im Bereich komplexerer Anwendungen wie dezentraler Finanzsysteme (DeFi), etwa Kreditplattformen oder Krypto-Tauschbörsen. Unter Letzteren sind meist dezentrale Handelsplattformen (DEXs) gemeint, auf denen Nutzer Kryptowährungen direkt miteinander tauschen können – ohne Bank oder zentralen Betreiber.
Grundsätzlich könne Bitcoin auf neue technologische Entwicklungen reagieren. Schär sagt: «Alle Systeme, die auf die betroffenen Verschlüsselungsverfahren setzen, werden in den nächsten Jahren vor erheblichen Herausforderungen stehen. Technisch sind diese lösbar. So existieren beispielsweise alternative Verfahren, die nicht betroffen sind.»
Die eigentliche Herausforderung liege jedoch nicht in der Technik, sondern in der Organisation des Netzwerks. Änderungen seien in einem dezentralen System schwierig umzusetzen, da unterschiedliche Interessen innerhalb der Community zu Konflikten führen könnten.
Bei Bitcoin stelle sich zudem die brisante Frage, wie mit Vermögenswerten umgegangen werden soll, die lange nicht bewegt und deren kryptografische Signaturverfahren nicht umgestellt werden. «Tut man nichts, werden diese irgendwann angreifbar. Schreitet man ein, wäre das ein erheblicher Bruch mit der Idee hinter Bitcoin», so Schär.