Kassenlose Läden – gut für die Kunden, schlecht fürs Personal 

Henning Steier

6.11.2018

Tablets begrüssen Besucher des kassenlosen Lenovo Lecoo Store auf dem Firmengelände in Peking.
Bild: PD

Nun testet auch der grösste PC-Hersteller Lenovo einen kassenlosen Laden – vorerst nur zur Verbesserung der Gesichtserkennung mobiler Geräte. Unternehmen wie JD, Alibaba und Amazon sind schon weiter, im Gegensatz zum Schweizer Detailhandel.

Lenovo hat in seiner Zentrale in Peking den kassenlosen Lecoo Store eröffnet.  «Man geht hinein, Kameras erkennen das Gesicht, man nimmt Waren aus den Regalen und verlässt den Shop. Der Betrag wird vom auf dem Smartphone hinterlegten Konto abgebucht», erklärt Daryl Cromer, Vice President of Research and Technology beim grössten PC-Hersteller. 

Lenovo möchte mit den Tests einerseits die selbstentwickelten Gesichtserkennungstechnologien verbessern. Andererseits setzen die Chinesen auf künstliche Intelligenz. Sie werden beispielsweise eine Kaffeemaschine installieren, die den Geschmack des Nutzers erkennt.

Vorreiter China

Im Reich der Mitte, dessen Bürger wie in keinem anderen Land auf mobiles Bezahlen mittels Apps wie WeChat und AliPay setzen, gibt es andere Unternehmen, die solche Hightech-Läden nicht nur zu Testzwecken betreiben und Kunden mit fehlenden Wartezeiten ködern. So hat etwa Alibaba 2015 in seinen Hema-Xiansheng-Läden die Bezahlung per Gesichtserkennung eingeführt. Mittlerweile gibt es rund 40 dieser Shops. Alibaba betreibt in seiner Unternehmenszentrale den kassenlosen Futuremart für Mitarbeiter. Konkurrent JD hat bereits 20 und will in den nächsten Jahren hunderte kassenlose Läden eröffnen. Mit dem JD.ID X-Mart ist das Unternehmen seit kurzem auch ausserhalb Chinas präsent – in der indonesischen Hauptstadt Jakarta. 

In der Schweiz sind bisher keine entsprechenden Pläne durchgesickert. Doch auch hier dürfte ein grossangelegter Stellenabbau beim Kassenpersonal nur noch eine Frage der Zeit sein. Denn die Grossverteiler Migros und Coop setzen verstärkt auf Self-Scanning-Kassen oder auf Kunden, welche die Preise mittels tragbarer Scanner bereits beim In-den-Wagen-Legen einlesen – beide Unternehmen verzichten somit noch nicht komplett auf Kassenpersonal. Die wiederholten Aussagen der Unternehmen, wonach selbstscannende Kunden nicht zu einem Stellenabbau führen würden, bezweifelt unter anderem Thomas Helbling, Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz: «Der Trend wird mittelfristig zu einem Stellenabbau führen.» Bei der Gewerkschaft Unia befürchtet man das auch.

Amazons ehrgeizige Pläne

Im Januar eröffnete Amazon in Seattle seinen ersten kassenlosen Supermarkt namens Go für die Öffentlichkeit. Tests mit Mitarbeitern waren 2016 angelaufen. Die Bezahlung wird über das Smartphone und eine entsprechende App abgewickelt. Mit dieser checkt der Kunde am Eingang ein. Hat er einen Einkauf erledigt, kann er einfach das Geschäft verlassen.

Kunden in einer Amazon-Go-Filiale in Seattle.
Bild: Getty Images

Hat man mit der App ausgecheckt, erhält man eine Rechnung. Der Betrag wird vom Amazon-Konto abgebucht. In Amazon Go können nur registrierte Kunden des Online-Versandhändlers einkaufen. Mittlerweile gibt es einen weiteren Go-Store in Seattle und einen in Chicago. Bis 2021 will Amazon laut Branchengerüchten allein in den USA 3'000 kassenlose Läden eröffnen.

Zu teure Etiketten

Das Ziel, Kassenbereiche abzuschaffen, ist keine neue Idee: Beispielsweise testete IBM 2006 entsprechende Funketiketten, diese erwiesen sich aber als zu teuer fürs Massengeschäft. 

Pionier ist übrigens nicht Amazon, sondern der schwedische IT-Experte Robert Ilijason. Er eröffnete Anfang 2016 im südschwedischen Viken den Convenience-Store Näraffär. Das Sortiment des 45 Quadratmeter kleinen Ladens umfasst rund 450 Produkte des täglichen Bedarfs, allerdings keine Zigaretten, alkoholischen Getränke und Medikamente. Laut Ilijason wäre erst bei jenen Produkten in einem kassenlosen Geschäft der Anreiz für Diebe zu gross. Mittlerweile ist Näraffär übrigens im schwedischen Start-up MobyMart aufgegangen. Dieses setzt auf autonom fahrende Supermarkt-LKW, die zu den Kunden nach Hause rollen.

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