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Sind KI-Kameras mit solchen Outfits überfordert?
Psychedelische Strickpullover, Mäntel mit Infrarot-Lampen in der Kapuze und T-Shirts voller falscher Gesichter sind der neuste Modeschrei. Die neue Welle will KI-Überwachung austricksen. Doch wie soll das funktionieren?
Wer dieser Tage in London oder Berlin einem Menschen in einem wild gemusterten Strickpullover begegnet, sieht vielleicht kein modisches Statement, sondern eine Tarnkappe. Denn was für das menschliche Auge wie ein Rausch aus Farben, Formen und verzerrten Gesichtern wirkt, soll für die Kamera etwas ganz anderes sein: eine Giraffe, ein Hund, ein Haufen visueller Datenmüll. Hauptsache, kein Mensch.
«Adversarial Clothing» nennt sich der Trend, der aktuell schon einige Labels inspiriert hat. Dabei nutzen Kleider mit sogenannten konfliktären Mustern gezielt Schwachstellen von Bilderkennungs-Algorithmen aus, damit Überwachungssysteme ihre Träger nicht mehr als Person erkennen oder identifizieren können. Und die Entwürfe sind so extravagant, dass sie längst auch ohne Tech-Hintergrund für Aufsehen sorgen.
Die Tricks der Designer sind so kreativ wie unterschiedlich. Die Leipziger Marke «Urban Privacy» etwa druckt Dutzende falscher Gesichter grossflächig auf ihre Shirts und Hoodies. Manche Erkennungssysteme geraten ins Straucheln, wenn sie plötzlich zehn Gesichter auf einem Oberkörper sehen – welches davon soll das echte sein? Mitgründer Daniel Preuss spricht von einem gezielten Spiel mit diesem Chaos.
Noch einen Schritt weiter geht das italienische Label «Cap_able» von Designerin Rachele Didero. Ihre Strickmuster wurden mit KI entwickelt und so lange optimiert, bis gängige Objekterkennungssysteme darin keine Menschen mehr sahen, sondern Tiere oder kleine Figuren. Und wem Muster nicht reichen, der greift zu noch härteren Mitteln. Der Mantel «Urban Ghost» trägt Infrarot-LEDs in der Kapuze, die Nachtsichtkameras schlicht blenden. Für das blosse Auge unsichtbar, für die Kamera ein gleissender Lichtfleck statt eines Gesichts.
Bemerkenswert ist, wie schnell die Nische erschwinglich wird. T-Shirts von Urban Privacy gibt es ab 35 Euro, Hoodies ab 65 Euro. Cap_able bleibt mit gestrickten Teilen ab 560 Euro dagegen eher tragbare Kunst. Die Botschaft ist trotzdem dieselbe – digitaler Selbstschutz soll kein Luxus für Datenschutz-Nerds mehr sein.
Didero erzählt, wie sich die Wahrnehmung gedreht hat. Als sie 2018 mit ihren Entwürfen begann, hielt man sie noch für eine Designerin von Bankräuber-Masken. Heute stapeln sich die Anfragen, gerade von Jüngeren, die sich vor KI und dem Verlust ihrer Privatsphäre fürchten. Viele Mode-Experten glauben gar, es brauche nur einen einzigen Prominenten, der so ein Stück auf dem roten Teppich trägt und der Trend explodiert.
Ob es denn auch wirklich funktioniert? Hier ist Skepsis angebracht. Modeforscherin Jennifer Bell von der Nottingham School of Art & Design gibt zu bedenken, dass kaum eines der Produkte unter realen Bedingungen getestet wurde und moderne Überwachungssysteme mit etwas Störung durchaus zurechtkommen.
Dazu kommt ein grundsätzliches Problem. Die Muster sind auf die Schwächen heutiger Algorithmen zugeschnitten. Wird die Software aktualisiert, ist die teure Tarnung womöglich nur noch ein bunter Pullover. Der Berliner Technologe Adam Harvey, ein Pionier der Anti-Überwachungs-Ästhetik, nennt solche technische Tarnung deshalb grundsätzlich ein Provisorium. Die Designer selbst sehen den Wert ihrer Kleider darum auch weniger im Schutz, sondern im sichtbaren Widerstand, der die Debatte über Überwachung auf die Strasse trägt.
Der Anlass für den Hype ist real. Deutschland hat am 10. Juli mit der Revision des Bundespolizeigesetzes Echtzeit-Gesichtserkennung an Bahnhöfen in besonderen Gefahrenlagen erlaubt, Grossbritannien baut seine Programme ebenfalls aus. In der Schweiz ist Echtzeit-Gesichtserkennung im öffentlichen Raum dagegen weiterhin tabu. Es fehlt schlicht die gesetzliche Grundlage, und die Städte Zürich, St. Gallen und Lausanne haben sich politisch bereits für ein Verbot ausgesprochen.
Ganz überwachungsfrei ist die Schweiz deswegen nicht. Mehrere Kantonspolizeien nutzen Software, um Fahndungsbilder nachträglich mit Datenbanken abzugleichen. Und ausgerechnet dieses Jahr rüstet der Bund auf. Das Fedpol ergänzt sein Identifikationssystem AFIS um einen automatisierten Gesichtsbildabgleich – Kostenpunkt 24,61 Millionen Franken. Echtzeit-Überwachung sei das nicht, betont die Behörde. Kritiker wie die Rechtsprofessorin Monika Simmler halten die Unterscheidung für semantische Kosmetik.
Der Zürcher Kantonsrat wiederum hat der Polizei diesen Frühling erlaubt, Personendaten künftig mit künstlicher Intelligenz auszuwerten. Die Echtzeit-Gesichtserkennung blieb dabei explizit verboten. Noch?