Im Dienst der DiktaturAus Nordkorea geschmuggeltes Handy zeigt Ausmass der Überwachung
Martin Abgottspon
4.6.2025
Die Zensur in Nordkorea ist auch tief in der Technologie verankert.
Gemini @blue News
Ein nordkoreanisches Smartphone gibt tiefe Einblicke in die digitale Indoktrination des Regimes. Von der Autokorrektur bis zu heimlichen Screenshots. So kontrolliert Pjöngjang die Gedanken seiner Bürger.
In einer Welt, in der Smartphones als Fenster zur Freiheit und Information gelten, offenbart ein ungewöhnlicher Fund aus Nordkorea die erschreckende Realität digitaler Unterdrückung. Ein aus dem hermetisch abgeriegelten Land geschmuggeltes Handy, das der in Seoul ansässigen Nachrichtenorganisation «Daily NK» in die Hände kam, entpuppt sich als Hightech-Werkzeug der Zensur und Dauerpropaganda. Es zeigt, wie akribisch das Regime von Kim Jong-un selbst die intimsten Kommunikationsräume seiner Bürger überwacht und manipuliert.
Wenn «Südkorea» zum «Marionettenstaat» wird
Das perfide System beginnt bereits bei der Autokorrektur. Tippt ein nordkoreanischer Nutzer beispielsweise das Wort «Südkorea» auf Koreanisch ein, so die erschütternde Erkenntnis eines Tests der BBC, ersetzt die Software das Wort automatisch durch «Marionettenstaat». Ein simpler Tippfehler wird zur politischen Falschaussage. Es ist davon auszugehen, dass das Abschalten oder Umgehen dieser Autokorrektur unmöglich ist.
Doch die digitale Gängelung geht noch weiter. Das Wort «Oppa», im südkoreanischen Slang ein Ausdruck für «Freund» oder «Geliebter», löst auf den nordkoreanischen Geräten eine sofortige Warnung aus. Es darf nur verwendet werden, wenn damit ein älterer Bruder gemeint ist. Andernfalls wird es kurzerhand durch «Genosse» ersetzt. Hier wird deutlich, wie das Regime nicht nur politische Begriffe, sondern auch subtile kulturelle Nuancen kontrolliert, um jegliche emotionale Verbindung zum verfeindeten Süden zu kappen.
Das Smartphone als Spion in der Hosentasche
Neben der Wortzensur agiert das Smartphone auch als heimlicher Spion. Alle fünf Minuten fertigt die Gerätesoftware einen Screenshot des aktuellen Bildschirms an. Diese Bilder werden in einem für den Nutzer unzugänglichen Ordner gespeichert, jedoch nicht für den nordkoreanischen Geheimdienst.
Die in Nordkorea genutzten Smartphones tragen den Namen Samthaesong und basieren auf einem anpassbaren Android-Betriebssystem. «Diese Software hat das Regime offenbar geändert, um die Bürger auch auf diesem Kanal zu indoktrinieren», erklärt Ostasien-Korrespondent Martin Fritz gegenüber SRF. Zwar können Nordkoreaner mit ihren Smartphones surfen, doch ihr Zugang beschränkt sich auf eine Art «nationales Intranet». Hier finden sich ausschliesslich Inhalte, die der offiziellen Propaganda entsprechen.
«Mit dem Smartphone, das sich in einem eigenen isolierten Internet bewege, sei Dauerindoktrination von nordkoreanischer Propaganda im 21. Jahrhundert angekommen», so Fritz. Eine erschreckende Entwicklung, die zeigt, wie moderne Technologie im Dienste eines totalitären Regimes pervertiert wird.
Unter der Führung von Diktator Kim Jong Un werden Nordkoreaner bis ins kleinste Detail überwacht.
Keystone
Warum die Angst vor Südkorea alles diktiert
Die Fähigkeit des Regimes, solch komplexe Zensur-Software zu entwickeln und zu implementieren, überrascht auf den ersten Blick. Doch Nordkorea verfügt über eine beachtliche Anzahl hochbegabter Softwareexperten. Diese sind oft im Einsatz, um Kryptobörsen zu hacken oder Firmen mit Datenblockaden zu erpressen, um Devisen für das Regime zu beschaffen. «Bei so viel Wissen ist es eine Kleinigkeit, zum Beispiel die Autokorrektur anders zu programmieren», resümiert Martin Fritz.
Der Hauptgrund für diese rigide Kontrolle ist die Angst des nordkoreanischen Regimes vor Südkorea. Trotz gemeinsamer Sprache und kultureller Wurzeln propagiert Diktator Kim Jong-un einen Krieg gegen das Nachbarland und lehnt eine Wiedervereinigung kategorisch ab. «Daher muss er unbedingt verhindern, dass sich die Nordkoreaner mit den Südkoreanern emotional verbunden fühlen», betont Martin Fritz.
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Dies erklärt auch das rigorose Vorgehen gegen alles, was aus dem Süden kommt: Das Schauen südkoreanischer TV-Shows, die auf USB-Sticks ins Land geschmuggelt werden, ist verboten. Gleiches gilt für die Verwendung typisch südkoreanischer Ausdrücke, das Nachahmen des südkoreanischen Akzents oder gar Frisuren im südkoreanischen Stil. Patrouillen auf öffentlichen Strassen setzen diese Verbote mit eiserner Hand durch.