Neue Ausrichtung Ende der Self-Scanning-Kassen? Warum das System in der Krise steckt

Martin Abgottspon

28.5.2026

Self-Scanning-Kassen sind heute fast in allen Filialen Standart.
Self-Scanning-Kassen sind heute fast in allen Filialen Standart.
Keystone

Walmart baut sie ab, Coop filmt mit KI-Kameras und die Migros testet Schranken. Die Self-Scanning-Kasse, einst als Revolution im Detailhandel gefeiert, steckt in der Krise. Die Zukunft sieht dennoch positiv aus.

Martin Abgottspon

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Walmart baut Self-Checkout in Problemfilialen ab. Global wächst der Markt trotzdem weiter.
  • Coop Schweiz schränkt Grosseinkäufe an Selbstbedienungskassen ein und testet KI-Kameras – mit gemischten Erfahrungen.
  • Experten rechnen damit, dass KI-Überwachung langfristig Standard wird.

Seit Mitte 2025 gilt bei Coop schweizweit ein Verbot von vollen Einkaufswagen an der Selbstbedienung. Nur noch Warenkörbe sind erlaubt. Wer mehr kauft, soll entweder zu einer bedienten Kasse wechseln oder das Self-Scanning-System «Passabene» nutzen. Die Begründung klingt harmlos. Effizienz, Komfort, kürzere Wartezeiten. Doch dahinter steckt auch ein Problem, über das der Detailhandel weltweit lieber schweigt: Diebstahl.

Walmart wählt den drastischen Weg

Den Anstoss zur globalen Diskussion gab ausgerechnet der grösste Detailhändler der Welt. Walmart hat begonnen, Self-Checkout-Kassen in einzelnen Filialen stillzulegen. So etwa auch in South Philadelphia, wo die Automaten im März 2026 komplett durch bediente Kassen ersetzt wurden. Ein Firmensprecher erklärte die Entscheidung mit lokalen Einkaufsgewohnheiten und dem Wunsch nach «persönlicherem Kundenservice». Was er nicht explizit sagte, ist im Fachjargon des Handels als «Shrink» bekannt. Übersetzt meint er Inventurverluste durch Diebstahl.

Studien zufolge verursachen Self-Checkout-Bereiche bis zu viermal mehr Warenschwund als herkömmliche Kassenzonen. Walmart ist dabei kein Einzelfall. Auch andere amerikanische Ketten haben in den letzten Jahren ihre Selbstbedienungsangebote massiv eingeschränkt. Oft dürfen nur noch maximal fünf Artikel pro Einkauf gescannt werden.

Der Schweizer Sonderweg

In der Schweiz verlief die Entwicklung etwas anders, aber die Probleme sind dieselben. Coop feierte vor zwölf Jahren seine Self-Checkout-Premiere. Heute sind praktisch alle Coop-Supermärkte damit ausgestattet, genauso wie die Migros und selbst die einst zögernden Discounter Aldi und Lidl. Die Schweizer Grossverteiler haben sich also auf die Technologie eingelassen und suchen nun nach Wegen, die Schattenseiten zu managen, ohne den Rückwärtsgang einzulegen.

Laut dem deutschen Handelsforschungsinstitut EHI sind die Verluste an Self-Checkout-Kassen im Schnitt 20 bis 30 Prozent höher als an bedienten Kassen. Wie hoch die konkreten Verluste bei Migros und Coop sind, kommunizieren beide Unternehmen nicht öffentlich. Dass das Thema brennt, zeigen aber die Massnahmen, die sie ergreifen.

Coop setzt auf KI – und löst damit neuen Ärger aus

Seit Anfang 2026 setzt Coop in mehreren Filialen KI-gestützte Kameras an Self-Checkout-Kassen ein, die auffälliges Verhalten erkennen und das Personal alarmieren sollen. Der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte (EDÖB) sieht den Einsatz als gesetzeskonform, fordert aber mehr Transparenz gegenüber den Kunden. Was die KI-Lösung allerdings in der Praxis ausgelöst hat, ist ein neues Ärgernis: Fehlalarme. Immer mehr Kunden beschweren sich über ständige Stichprobenkontrollen, die das KI-System auslöst. Wer ehrlich einkauft und trotzdem regelmässig kontrolliert wird, entwickelt so schnell einmal das unangenehme Gefühl, unter Generalverdacht zu stehen.

Migros geht derweil einen etwas anderen Weg. In einigen Filialen wird ein Schrankensystem getestet, das sich erst öffnet, wenn nach dem Bezahlen der Kassenzettel eingescannt wird. Bei Lidl ist dieses System schon länger etabliert. Daneben prangt seit Frühjahr 2025 in Filialen der Migros Aare ein wenig subtiles Schild unterhalb der Kassenbildschirme: «Diebstahl lohnt sich nicht!» Eine Massnahme, die mehr über das Ausmass des Problems sagt als jede offizielle Stellungnahme.

Wer mehr einkauft, dem wird zu den Systemen «Subito» oder «Passabene» geraten.
Wer mehr einkauft, dem wird zu den Systemen «Subito» oder «Passabene» geraten.
Coop

Die eigentliche Frage: Komfort oder Kontrolle?

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Das Kernversprechen der Self-Checkout-Kasse war stets dasselbe: keine Warteschlangen, mehr Autonomie, schnellerer Einkauf. An der Supermarktkasse entfiel 2022 schon mehr als die Hälfte aller Transaktionen auf Self-Checkout. Doch Forschende der Wharton School warnen, dass das Modell kippen kann, sobald Händler Kunden zur Nutzung zwingen, ohne dafür Preisvorteile zu bieten. «Wenn Sie unterbesetzte Läden betreiben und Kunden zur Selbstbedienung zwingen, werden Sie diese Kunden verärgern und sie werden wegbleiben», fasste Handelsexperte Santiago Gallino die Lage zusammen.

Dabei ist der globale Self-Checkout-Markt keineswegs am Schrumpfen. Der weltweite Markt für Self-Checkout-Systeme wird 2025 auf rund 6,9 Milliarden Dollar geschätzt und soll bis 2030 auf über 13 Milliarden Dollar anwachsen.  Handelsexperten gehen davon aus, dass KI-gestützte Systeme in vier bis fünf Jahren standardmässig Self-Checkout-Bereiche überwachen werden – mit deutlich zuverlässigeren Erkennungsraten als heute. Und vielleicht ermöglicht die Technik bis dahin auch noch komfortablere Möglichkeiten und alle Artikel werden quasi automatisch gescannt.

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