Keine Schlüssel, neue BedrohungenMit diesen Gadgets werden moderne Autos im grossen Stil geklaut
Martin Abgottspon
24.11.2025
Moderne Autodiebe setzen auf komplett neue Tools, um Fahrzeuge zu entwenden.
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Spezialgeräte zum Diebstahl schlüsselloser Autos werden im Darknet für über 25'000 Franken gehandelt. Schärfere Gesetze stehen bevor, doch diese werde Kriminelle nur bedingt aufhalten.
Kriminelle nutzen zunehmend im Darknet erhältliche Signalverlängerer, um schlüssellose Fahrzeuge in wenigen Minuten zu stehlen.
In Grossbritannien wurden innerhalb eines Jahres über 100'000 Autos gestohlen, wobei bis zu 70 Prozent der Fälle schlüssellose Systeme betrafen.
Trotz verfügbarer Sicherheitstechnologien bleibt der Schutz lückenhaft, während der Handel mit den Diebstahlsgeräten in vielen Ländern legal ist und kaum reguliert wird.
Der Einsatz von Brechstangen und das gezielte Verkabeln der richtigen Drähte waren früher einmal das Kern-Handwerk geübter Autodiebe. Heute gehen solche Diebstähle aufgrund schlüsselloser Sicherheitssysteme sehr viel weniger filmreif über die Bühne. Wie eine aktuelle Recherche der BBC enthüllt, zirkulieren zu diesem Zweck verschiedene Gadgets im Darknet, mit welchen Kriminelle in Minuten moderne Autotüren öffnen.
Die Preise für diese sogenannten Signalverlängerer reichen von wenigen hundert bis zu über 30'000 Euro. Online-Shops, oftmals im ehemaligen Ostblock angesiedelt, vertreiben die Tools. Diese tarnen sich oft als einfache Lautsprecher, verfügen aber zunehmend über alle möglichen Funktionen, die gängigen Militärstandarts entsprechen.
Und das Geschäft boomt. In Grossbritannien wurden laut Daten des Office for National Statistics in den letzten zwölf Monaten über 100'000 Fahrzeuge polizeilich erfasst gestohlen. Der Versicherer Admiral geht davon aus, dass in 60 bis 70 Prozent dieser Fälle schlüssellose Modelle betroffen waren.
Luxusautos besonders beliebt
Vor allem hochpreisige Marken wie Lamborghini und Maserati, für deren Fahrzeuge spezialisierte Werkzeuge angeboten werden, sind das Ziel der Diebesbanden. Ein Beispiel zeigt die Geschwindigkeit der Methode. Die Diebe brauchten hier nur zwei Minuten, um das Signal abzufangen und ein Auto zu stehlen, während die Besitzer schliefen.
Die Funktionsweise ist erschreckend simpel und effektiv. Kriminelle fangen das schwache Funksignal des im Haus aufbewahrten Originalschlüssels ab, verlängern es künstlich und leiten es an das Fahrzeug weiter. Das Auto identifiziert das verstärkte Signal als Originalschlüssel in unmittelbarer Nähe, entriegelt die Türen und gibt die Zündung frei.
Dieses Vorgehen verdeutlicht die Raffinesse der Täter. Richard Billyeald von Thatcham Research, einem Institut, das mit der Automobilindustrie an Sicherheitslösungen arbeitet, betont, dass diese Geräte keinerlei legitimen Verwendungszweck besitzen. Der Trend gehe klar vom opportunistischen Diebstahl hin zu organisierten Banden, die gezielt Fahrzeuge auf Bestellung entwenden und bereit sind, erhebliche Summen in diese Technologie zu investieren.
Alle grossen Hersteller hinken hinterher
Die Anfälligkeit moderner Keyless-Systemen ist dabei schon länger bekannt. Eine Untersuchung des ADAC aus dem Jahr 2022 testete 500 Keyless-Schliesssysteme und kam zu einem alarmierenden Ergebnis. Lediglich fünf Prozent der Fahrzeuge boten einen ausreichenden Diebstahlschutz. Nahezu alle grossen Hersteller, darunter Audi, Renault und Volkswagen, waren betroffen.
Ein paradoxer Aspekt verschärft die Problematik. Der Handel mit diesen «Diebstahlswerkzeugen» ist in vielen Ländern, anders als deren Einsatz, rein rechtlich legal. Eine Gesetzesänderung ist aktuell lediglich in Grossbritannien in Aussicht gestellt. Dies ermöglicht einen nahezu ungehinderten Vertrieb der Technologie, die primär zur Begehung von Straftaten dient.
Im Darknet gibt es eine ganze Palette moderner «Werkzeuge», um ein Auto zu knacken.
Nur herkömmliche Sicherheitsvorkehrungen wirken
Die notwendige Sicherheitstechnologie existiert bereits. Die Ultra-Wideband-Technik (UWB) im Schlüssel kann durch präzise Distanzmessung erkennen, ob das Signal lediglich verlängert wurde. Das Fahrzeug entriegelt oder startet in diesem Fall nicht. Obwohl diese Technik einen Diebstahl dieser Art massiv erschwert, bietet sie keine absolute Sicherheit, wie Sicherheitsforscher 2024 anhand eines Tesla Model 3 demonstrierten.
Für Fahrzeughalter bleiben deshalb nur präventive Massnahmen. Zum Beispiel die Aufbewahrung des Schlüssels in einer speziellen Hülle, die das Funksignal blockiert, oder die Deaktivierung der Keyless-Funktion über Fahrzeugeinstellungen.
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Die Industrie steht demnach weiterhin vor der Herausforderung, eine seit Jahren bekannte Sicherheitslücke flächendeckend zu schliessen. Solange jedoch der Komfort des schlüssellosen Zugangs über die elementare Diebstahlsicherheit priorisiert wird, finanzieren die Verbraucher mit ihrem Wunsch nach Bequemlichkeit unwissentlich die nächste Generation hochprofessioneller Kriminalität.