Neues Depot in Tolochenaz Tesla löst in der Westschweiz brennende Sorgen aus

Martin Abgottspon

22.11.2025

In Tolochenaz sollen dutzende neuer Tesla-Ladestationen gebaut werden.
In Tolochenaz sollen dutzende neuer Tesla-Ladestationen gebaut werden.
Keystone

Während Elon Musk mit SpaceX den Mars ins Visier nimmt, stösst seine irdische Expansion im waadtländischen Tolochenaz auf profanen Widerstand. Es ist die Angst vor unlöschbaren Feuern, die die Gemeinde derzeit umtreibt.

Martin Abgottspon

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Tesla plant, ein ehemaliges Busdepot in Tolochenaz in ein Auslieferungszentrum für bis zu 150 Elektrofahrzeuge umzuwandeln, was lokale Sicherheitspläne durchkreuzt.
  • Die Gemeinde sieht kaum wirtschaftlichen Nutzen, da nur wenige Arbeitsplätze entstehen und keine nennenswerten Steuereinnahmen erwartet werden.
  • Anwohner befürchten Sicherheitsrisiken durch mögliche Batteriebrände, während Tesla öffentlich schweigt und erste Einsprachen bereits eingereicht wurden.

In der Industriezone von Tolochenaz, unweit von Morges, bahnt sich ein Konflikt an, der exemplarisch für die Wachstumsschmerzen der Elektromobilität steht. Die Halle der Verkehrsbetriebe Morges-Bière-Cossonay (MBC) steht kurz vor der Leerung. Die Busse ziehen im Dezember nach Denges um. Doch statt der ursprünglich angedachten regionalen Feuerwehr zieht nun Tesla ein.

Was auf dem Papier wie ein wirtschaftlicher Coup wirkt, löst vor Ort statt Euphorie brennende Sorge aus. Die Transformation eines Busdepots in ein Auslieferungszentrum für bis zu 150 Elektrofahrzeuge wird zum Stresstest für die Akzeptanz neuer Technologien in der Nachbarschaft.

Strategische Rochade statt Blaulicht-Zentrale

Die Faktenlage ist so klar wie brisant: Die MBC vermieten ihr altes Depot an Tesla. Für die Verkehrsbetriebe ist dies ein lukrativer Deal. Pierre-André Perren, Direktor der MBC, bestätigt die Einigung und verweist auf die ideale Lage. Nur wenige Hundert Meter von der Autobahn entfernt, bietet der Standort optimale Bedingungen für die Auslieferung von Neuwagen an die Kundschaft in der Genferseeregion.

Geplant sind Umbauten für rund 60 Innenparkplätze und 20 Ladestationen. Der Mietvertrag ist langfristig angelegt, blockiert das Areal jedoch nicht für die Ewigkeit. In zehn bis fünfzehn Jahren, so das Kalkül der MBC, könnte das Gelände immer noch strategisch anders genutzt werden. Doch die unmittelbare Folge ist das vorläufige Aus für die Pläne des Sicherheitsverbundes SIS Morget, der hier seine neue Kaserne einrichten wollte.

Keine Steuergeschenke erwartet

Normalerweise rollen Gemeinden den roten Teppich aus, wenn sich ein Tech-Gigant wie Tesla ankündigt. In Tolochenaz bleiben die Sektkorken jedoch fest auf den Flaschen. Andreas Sutter, der Gemeindepräsident, dämpft jegliche wirtschaftliche Erwartungshaltung.

Die Ansiedlung wird als reine Logistik- und Auslieferungsstelle fungieren, nicht als Hauptquartier oder Forschungszentrum. «Es wird hier nur sehr wenige Arbeitsplätze geben», analysiert Sutter gegenüber «24heures» nüchtern. Auch steuerlich sei von einer blossen Zweigstelle kaum eine nennenswerte Summe zu erwarten, die mit den Erträgen des benachbarten Medizintechnik-Riesen Medtronic konkurrieren könnte. Der ökonomische Nutzen für die 1.900-Seelen-Gemeinde tendiert gegen Null, während die wahrgenommenen Risiken in der Bevölkerung steigen.

Die Physik der Angst: «Thermal Runaway»

Der Kern des Widerstands ist technischer Natur. Sutter, der paradoxerweise selbst privat einen Tesla fährt, betont, dass es sich keineswegs um eine politische Kampagne gegen die Person Elon Musk oder dessen Nähe zu Donald Trump handele. «Die Marke ist nicht das Problem», so der Gemeindepräsident.

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Das Problem ist die Masse. Die Anwohner eines angrenzenden Quartiers mit rund 700 Einwohnern fürchten die Konzentration von 150 Hochenergie-Akkus auf engstem Raum. Die zentrale Frage, die im Dorf und auf den Fluren der Verwaltung kursiert: Was passiert, wenn in diesem Pulk aus Lithium-Ionen-Batterien eine Kettenreaktion ausgelöst wird?

Die kantonale Gebäudeversicherung (ECA) liefert hierzu eine differenzierte Einschätzung, die kaum zur Beruhigung beitragen dürfte. Zwar brennen Elektroautos statistisch gesehen nicht häufiger – teils sogar seltener – als Verbrenner. Doch das Szenario eines «Thermal Runaway», eines thermischen Durchgehens der Batterie, birgt spezifische Gefahren. Eine extrem beschleunigte Brandkinetik und die Freisetzung hochtoxischer Gase. Es ist diese Unberechenbarkeit im Ernstfall, die den Widerstand nährt.

Tesla will Absatz mit abgespeckten Modellen ankurbeln

Tesla will Absatz mit abgespeckten Modellen ankurbeln

STORY: Der unter schwachen Verkaufszahlen leidende Elektroauto-Hersteller Tesla bietet künftig abgespeckte Modelle zu günstigeren Preisen an. So solle das Model 3 in den USA ab sofort nur noch 36.690 Dollar kosten, teilte der Konzern am Dienstag mit. Das meistverkaufte Fahrzeug, das Model Y, sei ab 39.990 Dollar zu haben. Analysten zeigten sich allerdings skeptisch, dass dies eine neue Nachfrage in grossem Umfang auslösen könnte.  Welche neuen Preise Tesla in Deutschland aufrufen könnte, war zunächst unklar. Der US-Konzern mit seinem Chef Elon Musk versucht, seine rückläufigen Verkaufszahlen und seinen schwindenden Marktanteil angesichts der zunehmenden globalen Konkurrenz zu verbessern. Musk verspricht seit Jahren günstigere Teslas für den Massenmarkt. 2024 hatte er allerdings Pläne für den Bau eines völlig neuen Elektrofahrzeugs für 25.000 Dollar aufgegeben. Tesla hat auch mit seiner alternden Produktpalette zu kämpfen. Zudem ist die Konkurrenz stark gewachsen, auch in Europa, wo Musks weit rechts stehende politische Ansichten auch die Markentreue untergraben haben.

08.10.2025

Schweigen als Strategie

Tesla selbst übt sich in der für das Unternehmen typischen Verschwiegenheit. Anfragen der Presse bleiben unbeantwortet. Diese Kommunikationsstrategie dürfte auch dem Schutz vor Vandalismus geschuldet sein, dem der Autobauer weltweit und auch in der Schweiz immer wieder ausgesetzt ist.

Aktuell liegt das Dossier bei der Gemeinde zur öffentlichen Auflage. Die Prüfung ist komplex. Verkehrsgutachten, Abfallentsorgung und vor allem das Brandschutzkonzept werden von kantonalen Stellen und Experten minuziös durchleuchtet. Eine erste formelle Einsprache liegt bereits vor.

Bis Anfang Dezember läuft die Frist für weitere Einsprachen. Dann wird sich zeigen, ob die rationale Risikoanalyse der Behörden die emotionalen Bedenken der Anwohner entkräften kann. Sollte sich der Widerstand formieren, könnte der Einzug des kalifornischen Pioniers im Waadtland nicht an technologischen Hürden, sondern an der urdemokratischen Prozedur einer Schweizer Gemeinde verzögert werden – oder gar scheitern.