Zurück in die Antike «Anno 117: Pax Romana» – der beste Teil der Serie?

Martin Abgottspon

12.11.2025

Ubisoft übertrifft sich mit dem neusten Ableger der «Anno»-Serie selbst.
Ubisoft übertrifft sich mit dem neusten Ableger der «Anno»-Serie selbst.
Ubisoft

Ubisoft wagt mit dem neuesten Teil seiner Kultreihe einen Spagat zwischen Tradition und Innovation – und trifft damit einen Nerv der Strategie-Fans.

Martin Abgottspon

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • «Anno 117: Pax Romana» kombiniert klassische Aufbaustrategie mit innovativen Mechaniken wie Landkämpfen, Umweltlogik und dynamischen Stadtentscheidungen.
  • Die neuen Systeme erhöhen die Komplexität und verlangen von Spielerinnen und Spielern strategische Tiefe und Lernbereitschaft.
  • Ubisoft gelingt mit dem Spiel ein Balanceakt zwischen Tradition und Neuerfindung und ein Spiegelbild politischer wie wirtschaftlicher Machtstrukturen.

«Frieden ist nicht das Gegenteil von Krieg, sondern das Ergebnis von Kontrolle.» Dieser Satz, der den Geist des Römischen Reichs ebenso einfängt wie den von «Anno 117: Pax Romana», könnte als Motto über Ubisofts neuestem Aufbauspiel stehen. Ab dem 13. November dürfen Spielerinnen und Spieler erneut Inseln besiedeln, Produktionsketten optimieren und Imperien errichten. Diesmal als Statthalter in der Antike.

Doch was bleibt von einer Serie, deren letztes Spiel mit «Anno 1800» schon ein Grosserfolg war? Der Druck auf die Entwickler von Ubisoft Mainz war enorm. Ein zu grosser Bruch hätte Fans verprellt, zu wenig Neues die Reihe stagnieren lassen. «Anno 117: Pax Romana» wählt den Mittelweg und erschafft damit ein Spiel, das seine eigenen Regeln neu schreibt.

Der Funke sprang sofort

Auf der Gamescom im August durfte ich bereits eine frühe Version von «Annop 117: Pax Romana» anspielen und war schon da begeistert. Beim ausführlicheren Test hat sich daran nichts geändert.

Auf den ersten Blick wirkt vieles vertraut. Ressourcen sammeln, Gebäude errichten, Bedürfnisse erfüllen. Doch hinter der scheinbaren Routine verbirgt sich ein tiefgreifender Umbau des Systems. «Anno 117» führt diagonale Bauweisen, flexible Strassennetze und erstmals auch Landkämpfe ein – allesamt Mechaniken, die dem Spiel mehr Dynamik verleihen.

Gleichzeitig gewinnen strategische Entscheidungen an Gewicht. Die Spielerinnen und Spieler bestimmen, welche Götter ihre Stadt verehren, welche Spezialisten in der «Villa des Praetors» wirken und welche Technologien erforscht werden. Diese Variablen greifen ineinander wie Zahnräder eines antiken Uhrwerks. Jede Entscheidung verändert die Spielbalance, jedes Risiko kann Wohlstand oder Untergang bedeuten.

Gute Planung ist die Grundvoraussetzung, dass solche Städte entstehen.
Gute Planung ist die Grundvoraussetzung, dass solche Städte entstehen.
Ubisoft

Wenn Fortschritt nach Leder riecht

Neu ist auch die Umweltlogik: Gerbereien, Bergwerke oder Kalköfen beeinflussen ihre Umgebung sichtbar. Die einst makellose Stadtplanung weicht Zonenmanagement, bei dem Gestank, Brandgefahr und soziale Distanz eine Rolle spielen. So entsteht ein römischer Realismus, der jenseits von Marmor und Prunk ansetzt. Ein Imperium, das auch von Dreck, Schweiss und Kompromissen lebt.

Diese Mechanik zwingt zur Weitsicht. Wo Wohlstand wächst, entstehen auch Spannungen. Spielerinnen und Spieler müssen abwägen, ob sie in Bildung investieren, um Forschung zu fördern, oder lieber in Tempel, um die Gunst der Götter zu sichern. «Anno 117» wird so zu einem Spiel über Prioritäten und über das fragile Gleichgewicht zwischen Expansion und Stabilität.

Freiheit hat ihren Preis

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Mit der wachsenden Komplexität kommt auch ein höherer Anspruch. Die Vielzahl neuer Systeme überfordert zu Beginn, das Tutorial bleibt oberflächlich. Wer Erfolg haben will, muss scheitern dürfen und zwar mehrmals. Doch genau hier liegt der Reiz. «Anno 117» belohnt geduldiges Experimentieren und strategisches Denken.

Diese Freiheit hat jedoch eine Kehrseite. Während «Anno 1800» mit klaren Zielen und stetigem Fortschritt glänzte, lässt «Anno 117» den Spieler häufiger im Unklaren. Das neue System erlaubt zwar Individualität, verlangt aber Disziplin. Es ist weniger ein gemütlicher Städtebau-Simulator als vielmehr ein politisches Planspiel mit Wirtschaftstiefe.

Auch diplomatisches und militärisches Geschick ist gefragt.
Auch diplomatisches und militärisches Geschick ist gefragt.
Ubisoft

Wenn nach Stunden des Planens aus einfachen Hütten dann eine römische Metropole wächst, wenn die Tempel erstrahlen und Legionen marschieren, entfaltet «Anno 117» seine ganze Faszination. Der Wechsel zwischen mikroskopischer Detailverliebtheit und makroökonomischer Weitsicht erzeugt jenes fast meditative Spielgefühl, das die Serie seit Jahrzehnten auszeichnet.

Und doch bleibt eine Frage: Wie lange trägt das Konzept der Balance aus Freiheit und Kontrolle? Anno 117: Pax Romana ist kein Umsturz, aber ein Statement – eines über die Macht, Ordnung zu schaffen, und über den Preis, sie zu erhalten. Vielleicht zeigt das Spiel damit mehr über unsere Gegenwart, als es selbst beabsichtigt.