Das Angelcamp: Sieht so modernes Fernsehen aus?

Martin Abgottspon

21.7.2020 - 11:43

Das Angelcamp wurde letztes Wochenende während 72 Stunden auf Twitch übertragen.
Bild: Twitch

Entertainer Knossi und Rapper Sido waren am Wochenende angeln und haben dabei Zuschauer-Rekorde gebrochen. Bloss eine Anregung oder schon ein Warnschuss an das traditionelle Fernsehen?

Dass man 2020 keine aufwendigen Hochglanz-Produktionen mehr braucht, um ein Millionen-Publikum zu erreichen, ist nicht neu. Video- und Streaming-Plattformen wie Youtube oder Twitch haben das längst unter Beweis gestellt. Trotzdem müssen sich diese dem Vorwurf stellen, nur eine ganz bestimmte Zielgruppe anzusprechen, welche primär aus Jugendlichen und Gamern besteht.



Tatsächlich findet man auf Twitch praktisch nur Gaming-Inhalte und auch Youtube generiert mehr als 60 Prozent seines gesamten Traffics mit gamingrelevanten Themen. Mit dem von Knossi und Sido organisierten Angelcamp haben die Organisatoren des 72-stündigen Events nun aber bewiesen, dass man durchaus auch mit anderen Ideen auf den Plattformen Erfolg haben kann.

Big Brother Version 2.0

Das Konzept ihrer Unterhaltungsshow war nicht bahnbrechend neu. Es trafen sich lediglich einige Streamer und Promis aus der Unterhaltungsindustrie am See zum Wettangeln. Nebst den Organisatoren selbst waren so zum Beispiel auch Klaas Heufer-Umlauf oder der Streamer MontanaBlack zu Gast in der Sendung.

Dabei kam natürlich auch etwas Big-Brother-Feeling auf, als man den Herren und Jungs am Abend am Lagerfeuer über die Schultern schauen konnte. Nichts wirkte aufgesetzt. Fernsehen so authentisch, wie man es sich kaum vorstellen kann. Und plötzlich bekam auch der mittlerweile ausgeleierte Slogan «Mittendrin, statt nur dabei» eine völlig neue Bedeutung.

Interaktivität ist Trumpf

Denn im Gegensatz zum traditionellen Fernsehen bietet Twitch eine Chat-Funktion, mit welcher sich Zuschauer laufend selber einbringen können und die Akteure darauf reagieren. Jeder wird so zum eigenen Regisseur und bekommt ein Gefühl der Anwesenheit vermittelt, wie es herkömmliche Unterhaltungsshows kaum schaffen.

So bringt es Knossi am Ende der 72-Stunden-Livestrecke dann auch passend auf den Punkt: «Ihr seid das, was diese Show zu dem gemacht hat, was sie ist.» Und Sido betont noch einmal, warum Twitch eben nicht ausschliesslich für Gamer gemacht ist: «Man kann die Plattform auch anders nutzen, als mit Kopfhörern da zu sitzen.»

Deutsche Rekorde pulverisiert

Der Erfolg gibt ihnen recht. Sie haben in den drei Tagen ein Millionenpublikum erreicht. Zu Spitzenzeiten waren mehr als 300'000 User gleichzeitig online. Nie hat ein deutscher Stream bessere Zahlen erreicht.

Damit bewegt man sich vielleicht noch nicht auf Augenhöhe mit einem Dschungelcamp, das durchschnittlich rund fünf Millionen Zuschauer verfolgen, hat aber auch bei Weitem nicht diese Produktionskosten.

Auf jeden Fall sind Knossi und Sido am Montag nach dem Event das Gesprächsthema auf den Pausenhöfen, aber auch den Büros. Und womöglich auch bald in den Chefetagen etablierter TV-Sender.

Zurück zur Startseite