Ist «Nioh 2» noch härter als «Dark Souls» und «Sekiro»?

Pascal Wengi

12.3.2020 - 09:52

«Nioh 2» fordert stellenweise viel Frustresistenz.
Bild: Sony Interactive Entertainment

Als eines der ersten AAA-Highlights dieses Jahres bringt uns Team Ninja mit «Nioh 2» zurück ins altertümliche Japan. Dieses Mal mit mehr Dämonen und noch mehr Waffen. Die wichtigsten Neuerungen und unsere Eindrücke zum bockschweren Samurai-Abenteuer.

«Du bist tot», mockiert mein Bildschirm mich zum gefühlt tausendsten Mal in Folge. «Wiederholen», entgegne ich und stürze mich erneut, bewaffnet mit einem Katana, in den Boss-Raum. Der Gegner, ein glühender Schmiede-Dämon, erwartet mich bereits und deckt den Boden zur Begrüssung mit Explosionen ein. Meine Taktik: Seinen Attacken ausweichen, auf die Gelegenheit warten und für ein paar Schläge kurz ran an den Hünen. Jeder Schlag des Gegners, dem ich nicht ausweiche, zieht mir gefühlt den halben Lebensbalken ab. Ich verfalle in einen tranceartigen Zustand und bin in der «Zone».

Mit den Reflexen einer Raubkatze hüpfe ich im letzten Moment wuchtigen Schlägen aus dem Weg und kontere mit dem scharfen Ende meines Katanas. Der Schmiede-Dämon verfügt noch etwa über ein Viertel seines Lebensbalkens, bei mir sieht es schlechter aus. Doch dann die Wende. Meine Dämonen-Anzeige ist voll und der Zeitpunkt günstig: Ich verwandle mich in einen wilden, wütenden Dämon mit gelb leuchtenden Hörnern. Meine flammende Keule donnere ich dem Schmiede-Dämon um die Ohren, bis er in der Ecke taumelt. Dann der finale Hieb. Geschafft! Der Boss ist besiegt und mich durchströmt so viel Adrenalin und Endorphin, dass ich meinen eigenen Herzschlag spüre. Ich will aufstehen, doch da wird mir bewusst, dass ich in der Hitze des Gefechts längst aufgestanden bin.

Gut gekontert, ist halb gewonnen

Wie schon im ersten Teil von 2017, schafft es auch «Nioh 2» den Schwierigkeitsgrad gerade noch so fair zu halten, dass man trotz zahlreicher Rückschläge immer weiter macht und belohnt einen dann mit diesem triumphalen Glücksgefühl. Gefühlt hat sich der Schwierigkeitsgrad im zweiten Teil aber nochmal erhöht und das doch eher komplizierte Kampfsystem wurde zusätzlich erweitert.

Die wichtigste neue Fähigkeit, welche es schnell zu meistern gilt, ist der Wucht-Konter. Damit reagiert man auf wilde Attacken von Gegnern, welche mit einem kurz rot aufleuchtenden Schimmern angekündigt werden. Wer diese nicht abwehrt, wird in der Regel schnell ins digitale Jenseits befördert. Einmal verinnerlicht, kann man mit dem Wucht-Konter aber nicht nur die Angriffe parieren, sondern die Gegner auch noch in einen kurzen Erschöpfungszustand versetzen.

Keine Macht den Dämonen

Im Gegensatz zum ersten Teil, trifft man in der Fortsetzung  öfter auf Gegner aus dem Dämonenreich, vor allem in Bosskämpfen. Damit entfernt sich «Nioh 2» etwas vom Spielprinzip des Mann-gegen-Mann-Schwertkampfes hin zu mehr Fantasy-Action und Dämonenjagd. Dies passt aber auch zur Story, denn als Kind einer Dämonin und eines Menschen haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, die Dämonen, welche das altertümliche Japan heimsuchen, zu jagen und zu töten. Durch unsere Herkunft ist es uns auch möglich, die Seelenkerne von besiegten Dämonen aufzunehmen und deren Attacken für uns zu nutzen oder uns in eine von drei Dämonenformen zu verwandeln und ungeahnte Kräfte zu entfesseln. Diese Änderungen bringen noch mehr Abwechslung in die schon sehr actiongeladenen Kämpfe und heben «Nioh 2» vom Rest der «Souls-like» Titel ab.

Knallharte Action, bei der man sich keinen Fehler erlauben darf.
Bild: Sony Interactive Entertainment

Weibliche Samurai? Aber klar!

Mit insgesamt elf Waffenklassen steht ein ordentliches Arsenal zur Verfügung, um den Widersachern richtig einzuheizen. Dabei orientiert sich «Nioh 2» eher an einem «Diablo», was das Lootsystem angeht. Neue Waffen in verschiedenen Seltenheitsfarben findet man in Hülle und Fülle. Mit dem Einsatz dieser Waffen steigert man nicht nur die Vertrautheit im Umgang, sondern schaltet Fertigkeitspunkte frei, um neue Manöver oder passive Buffs zu aktivieren. Wie auch schon im ersten Teil verfügt jede Waffe über drei Haltungen. Die tiefe Haltung ermöglicht schnelle und flinke Bewegungen, hohe Blockwerte, aber wenig Schaden. Die hohe Haltung spielt sich träge aber teilt dafür ordentlich aus. Die mittlere Haltung ist eine ausgeglichene Mischung. 



In bester Rollenspiel-Tradition bietet «Nioh 2» neben der Möglichkeit des individuellen Verteilens der Fähigkeitspunkte auch einen Charakter-Editor. Damit lässt sich der Protagonist oder die Protagonistin nach den eigenen Vorstellungen gestalten. Ein Merkmal, das nicht bei allen Fans gut ankommt, denn viele argumentieren, dass mit dem vorgegebenen Charakter aus Teil 1 die Geschichte besser erzählt werden konnte als der Eigenkreation. Und dann gibt es wieder die Ewiggestrigen, die sich daran stören, dass es auch weibliche Samurais in Videospielen gibt. Beim Durchspielen der Story kam aber nie das Gefühl auf, dass meine erfundene Schwertkämpferin nicht in die Story passen würde oder dass mich die Geschehnisse weniger mitreissen. Wer William aus «Nioh 1» dann aber doch zu stark vermisst, hat die Möglichkeit, diesen als Kostüm im Hauptmenü zu aktivieren und das komplette Spiel wieder mit dem blonden Samurai zu erleben.

War ich hier nicht schon?

Die Story rund um die eigene Abstammung von Dämonen und der Wiedervereinigung Japans wirkt stellenweise etwas aufgesetzt. Die Zwischensequenzen sind zwar allesamt interessant, aber die Geschichte findet nur immer vor und nach einer Mission statt. Dazwischen kämpft man sich durch die Level und besiegt am Ende einen Boss. Dadurch wirkt das eigentliche Gameplay etwas abgekapselt von der Geschichte und das grössere Ziel weicht dem Bekämpfen der Gegnerhorden. Das ist etwas schade, denn eigentlich wäre die Geschichte um die Wiedervereinigung Japans und deren Umsetzung von Team Ninja sehr spannend, wird aber selten bis nie ins eigentliche Spiel und die Kämpfe übertragen. 



Grafisch setzt «Nioh 2» keine neuen Massstäbe, schafft es aber trotzdem, Japan zur Sengoku-Zeit sehr hübsch darzustellen. Besitzer einer Playstation 4 Pro haben die Wahl, ob sie lieber mit konstanten 60 Bildern pro Sekunde oder hübscherer Optik spielen möchte. Bei den schnellen Kämpfen ist es sehr ratsam Ersteres zu wählen.

Fans des ersten Teils werden sich sofort heimisch fühlen und benötigen keine grosse Eingewöhnungszeit, denn an vielen Stellen ist «Nioh 2» eher ein «Nioh 1.5». Es erwarten einen zwar neue Gegnertypen, doch wurden sehr viele bekannte Gegner aus dem ersten Teil übernommen. Auch wirken die Level an vielen Stellen unbequem vertraut, so als ob man sich schlecht an ein Level aus Teil 1 erinnern würde. Damit bleibt Team Ninja der Serie sehr treu, was man durchaus positiv auffassen kann. Doch ich hätte mir gerade bei den Gegnern doch etwas frischen Wind gewünscht.

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