Wie «The Last of Us Part 2» die Gaming-Welt spaltet

Pascal Wengi

30.6.2020 - 13:47

«The Last of Us Part 2» löst mit seiner Story und politischen Debatten eine grosse Diskussion aus.
Bild: Sony / Naughty Dog

«The Last of Us Part 2» entzweit gerade die Gamer. Mit seiner etwas anderen Story und seinen diversifizierten Charakteren polarisiert das Spiel wie kaum ein anderes. Doch was missfällt den Kritikern genau? Ein Kommentar.

!Spoiler-Warnung!

Eins vorneweg: Dieser Kommentar enthält Story-Spoiler. Man kann nicht über die aktuelle Debatte diskutieren ohne gewisse Punkte der Story genauer zu beschreiben. Dieser Kommentar richtet sich daher an Personen, welche das Spiel bereits durch gespielt haben oder gar nicht vorhaben die Story Momente selber zu erleben. 

So etwas gab es noch selten bis nie: «The Last of Us Part 2» spaltet gerade die Gamebranche in schier unvereinbare Lager. Auf der einen Seite die Liebhaber, welche dem Spiel eine Wertung nahe der Hunderter-Marke geben würden. Auf der anderen Seite eine Masse, welche das Spiel hasst und am liebsten von dieser Erde radiert sehen würde. Interessant sind dabei die Gründe, warum dieser Hass ein solch radikales Ausmass angenommen hat und auf die ich im Folgenden gerne genauer eingehen möchte.

Storybruch auf brutalste Weise

Die erste Kategorie der Kritiker kann ich zu einem gewissen Teil verstehen. Es sind die Leute, welche finden, Naughty Dog habe die Story etwas vergeigt und gewisse Handlungen seien nicht charaktertypisch. Diese Kritik kommt wenig überraschend, denn «The Last of Us Part 2» traut sich, neue Wege zu gehen. Man hätte den zweiten Teil so aufbauen können, dass er im Grunde als Zusatzinhalt zum ersten Teil fungiert – so wie es die Film- und Gameindustrie fast immer tut.

Ein Konzept geht auf, also werden für dieses neue Geschichten geschrieben, statt das Konzept weiterzuentwickeln. «The Last of Us Part 2» holt den Spieler aber sehr früh, sehr jäh aus dieser Komfortzone. Schon in den ersten Momenten wird Joel, der Hauptcharakter aus dem ersten Teil, vor den Augen des Spielers auf brutalste Art und Weise getötet. Wer sich darauf freute in der Fortsetzung mehr vom etablierten und geliebten Duo Ellie und Joel zu sehen, findet seine Hoffnung in einer Blutlache auf dem Boden wieder.



Alles eine Frage der Perspektive

Damit aber nicht genug. Nach etwa der Hälfte des Spiels, wechselt die Erzählperspektive und als Spieler steuert man Abby, Joels Mörderin. Und dies nicht als kurze Sequenz, sondern über fast zehn bis zwölf Stunden. Man ist als Spieler gezwungen eine Figur zu steuern, welche der Grund für den Rachefeldzug der geliebten Hauptfigur ist. Ganz so, als ob man ab der Hälfte von «Die zwei Türme» fortan «Der Herr der Ringe» aus der Sicht von Sauron erzählt erhalten würde. Oder aus der Sicht vom Typen, der John Wicks Hund ermordet hat.

Dieser Twist ist in meinen Augen ein Geniestreich. Denn «The Last of Us Part 2» funktioniert anders als «John Wick» oder «Herr der Ringe». Die postapokalyptische Welt von Ellie kennt kein Gut und Böse, dass durch eine klare weisse Linie getrennt ist. Es ist immer eine Frage der Perspektive: Ellie will Abby töten, weil diese Joel vor ihren Augen ermordet hat. Abby hat Joel getötet, weil dieser ihren Vater am Ende vom ersten Teil kaltblütig erschossen hat. Und Abbys Vater wollte Ellie töten, um ein Heilmittel für die Menschheit zu schaffen.

Geht man einen Schritt zurück und betrachtet die Story mit Abstand, dann erkennt man, dass es hier keinen Helden mit edler Motivation gibt. Die Beweggründe verleihen «dem Bösen» eine Tiefe, wie wir sie selten in fiktiven Werken zu sehen bekommen. Ob wir sie nun mögen oder nicht. Durch den Perspektivenwechsel entwickeln wir aber ansatzweise ein Verständnis für Abbys Mord an Joel. Sie tat dies nicht, um der Bösewicht zu sein. Sie wollte ihren Vater rächen, genau wie Ellie es auch will.

Viele Spieler kommen nicht über den virtuellen Tod von Joel hinweg.
Bild: Sony / Naughty Dog

Was ist Gut und Böse?

Es gibt in dieser Geschichte nicht das klar identifizierbare Böse und im Grunde genommen ist auch keiner der Hauptcharaktere «gut». Nehmen wir Joel. Seine Vergangenheit wird nur ansatzweise angesprochen, aber er sagt selbst über sich, dass er Dinge tat, die nicht gut waren. Er wird zwar ein liebender und sich sorgender Ziehvater für Ellie und als Spieler fällt es leicht, mit ihm mitzufühlen. Aber am Ende vom ersten Teil handelt er selbstsüchtig, kaltblütig und ist sogar mitverantwortlich, dass die Menschheit keine Heilung erhalten wird.

Nur damit er seine Ellie retten kann, setzt er die Zukunft der gesamten Menschheit aufs Spiel. Aus dieser Perspektive betrachtet, bröckelt die Fassade des guten Helden und ich kann verstehen, dass dies für einige Spieler schwierig zu differenzieren ist. Vor allem muss es enttäuschend sein, wenn man einfach ein neues Abenteuer mit den beiden Helden Joel und Ellie erleben möchte und dann zwölf Stunden mit Abby verbringt.

Es soll keinesfalls eine Beleidigung an die Kritiker sein, aber das Spiel erfordert eine gewisse Reife und Offenheit, um diesen Rollentausch emotional einordnen zu können. Wer sich das Spiel mit klaren Vorstellungen und Erwartungen holt, tut sich unter Umständen schwer, diese Reife und Offenheit auf Knopfdruck zu aktivieren und wird stattdessen für vieles, was das Spiel mitteilen möchte, unempfänglich.

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Diskriminierung ist keine Meinung

Es gibt dann noch eine andere Kategorie von Kritikern. Es ist die Sparte «Ich find das Game scheisse, weil es mir Diversitäts-Politik aufzwingen will». Individuen also, die sich im Jahr 2020 daran stören, dass die Hauptfigur weiblich und homosexuell ist und darin das Werk böser Mächte im Hintergrund erkennen. Diese Ewiggestrigen stören sich derart daran, dass sie das Spiel mit Negativwertungen zubomben, um ihr eigenes Weltbild irgendwie rechtfertigen zu können. Dem Spiel wird vorgeworfen es sei männerfeindlich, würde LGBTQ+-Propaganda betreiben und jede gute Wertung zum Spiel sei gekauft und verfolge einzig das Ziel dem weissen, heterosexuellen Mann zu schaden. Nicht wenige haben Naughty Dog sogar vorgeworfen, das Spiel absichtlich am Vatertag veröffentlicht zu haben, um ein klares Statement gegen die traditionelle Vaterrolle zu setzen.

Leider auch 2020 immer noch Stoff für Kontroversen: Liebe zwischen Menschen des gleichen Geschlechts. 
Bild: Sony / Naughty Dog

Hasst also im Umkehrschluss jeder, der den ersten Teil von «The Last of Us» mochte, kleine Mädchen, da darin Joels Tochter ermordet wird? Ist «Bambi» ein Statement gegen das Konzept der Mutterrolle, weil Bambis Mami direkt zu Beginn des Films stirbt? Ist jedes Game, in welchem wir einen Mann steuern automatisch eine Kriegserklärung an alle Frauen? Ist jede heterosexuelle Spielfigur automatisch Anti-LGBTQ+-Propaganda? Man darf seine persönliche Meinung zu Kunst haben. Kunst lebt davon, interpretiert zu werden und etwas im Betrachter auszulösen. Doch es ist schade, dass im Jahr 2020, Menschen noch immer das Gefühl haben, sie hätten ein Anrecht darauf, dass Kunstfiguren nach ihren persönlichen Weltanschauungen geformt werden. Ich dachte, wir seien weiter als das. Offenbar nicht.

Angriff gegen jede und jeden

Andere wiederum sehen im Spiel genau das Gegenteil und bezeichnen es sogar als homo- und transphob, da homosexuelle und transsexuelle Menschen verletzt oder getötet werden. Das Spiel oder wofür es steht, verschwindet in einem Meer aus Anschuldigung und Anfeindungen und alles wird gelabelt und politisch verpackt. Dabei wäre es relativ einfach: Leute sollten nicht über ein Spiel urteilen, das sie keine Minute gespielt haben und deren Meinung dazu nur aus Motzereien auf Twitter und Youtube-Kommentaren gebildet wurde, nur um ein politisches Statement zu setzen.

Wer das Spiel hingegen tatsächlich gespielt hat, wird zustimmen, dass es keine einzige Szene gibt, welche künstlich versucht, politische Ideologien zu vermitteln. Mehr noch, Naughty Dog nutzt die Diversität der Charaktere gewinnbringend für die Storyentwicklung. Als bestes Beispiel dient hier Lev, ein Transgender-Junge, der uns im späteren Verlauf des Spiels begleitet. Es wäre einfach gewesen zu sagen «Schaut her, wir haben eine Transgender-Person im Spiel, wir sind cool», aber «The Last of Us Part 2» erzählt damit die Geschichte weiter. So ist Lev auf der Flucht vor streng religiösen Fanatikern, welche ihn töten möchten, weil er Transgender ist. Das gibt dem Charakter und seinen Beweggründen noch mehr Glaubwürdigkeit und bindet das Thema fliessend in die Story ein.

Was ist Ihre Meinung?

Leider sorgt das raue Klima des Internets dafür, dass eine Diskussion über das Spiel erschwert wird. Doch das Spiel schreit förmlich nach diesem Austausch, denn darum geht es doch im Grunde: Etwas aus der Perspektive der Gegenseite zu sehen. Und das ist eine Botschaft, welche in der aktuellen Zeit wichtiger denn je wäre. Wir können nicht alles in Gut und Böse einteilen und hoffen, dass unsere Seite gewinnt. Wir müssen versuchen, die Gegenseite zu kennen und zu verstehen. Ob gewollt oder nicht aber die Diskussion rund um das Spiel könnte keine bessere Werbung dafür sein, worum es im Spiel selber geht. Good Job, Naughty Dog!

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