Spielekritik «Pokémon Schwert & Schild»: Und es macht immer noch süchtig 

Von Domagoj Belancic

27.11.2019

Pflanze, Feuer oder Wasser. Welches Starter-Pokémon darf es sein?
Pflanze, Feuer oder Wasser. Welches Starter-Pokémon darf es sein?
Bild: Nintendo

Das neuste Pokémon-Abenteuer ist leider nicht der erhoffte Sprung vorwärts, den sich Fans der Serie gewünscht haben. Trotzdem vermag das Spiel zu überzeugen. Nicht zuletzt, weil das Spielprinzip auch 2019 noch immer hervorragend funktioniert.

Die Prämisse von «Pokémon Schwert & Schild» ist simpel: Man will Pokémon-Champion werden und muss auf seinem Weg zu Ruhm und Ehre zahlreiche andere Pokémon-Trainer und acht Arenaleiter besiegen.

Zu Beginn des Abenteuers hat man wie gewohnt die Qual der Wahl. Mit welchem Starter-Pokémon will man seine grosse Reise antreten? Für mich ist die Wahl klar: Memmeon, das leicht depressive und ängstliche Wasser-Pokémon. Wer eher in Partystimmung ist, entscheidet sich für den Stimmungsmacher und Pflanzen-Typ Chimpep, und wer auf kleine Energiebündel steht, wählt das hyperaktive Feuer-Pokémon Hopplo.



Der Weg zum Pokémon-Champion wird in der von Grossbritannien inspirierten Region Galar als mediales Grossereignis inszeniert. Die antretenden «Challenger» werden von den Bewohnern Galars wie Halbgötter verehrt – rappelvolle Pokémon-Stadien, enthusiastische Fans und Fernsehinterviews gehören für angehende Champions zum Alltag.

Leider bietet die Story abseits der Motivation «der Beste zu sein» aber keine interessanten Aspekte, die den Spieler antreiben. Keine richtigen Antagonisten, keine überraschenden Wendungen, keine tiefgründigen Charaktere und teilweise extrem redundante und uninspirierte Dialoge. Auch die Side-Story rund um die legendären Pokémon der Region entpuppt sich als mässig spektakulär und plätschert nebenbei so vor sich hin.

Den einzigen Lichtpunkt am Story-Himmel bildet das Team Yell, eine Gruppe von besessenen und toxischen Fans, die ihre Lieblingstrainerin Mary anfeuern und mit unlauteren Mitteln versuchen, ihren Liebling zum Champion-Titel zu verhelfen.

Gleiches Prinzip, alte Grafik

Erstmals in einem Pokémon-Spiel sind nicht alle bisher erschienenen Taschenmonster enthalten. Der Katalog wurde um rund die Hälfte auf exakt 400 Pokémon gekürzt. Der Entwickler GameFreak setzt laut eigenen Aussagen dieses Mal lieber auf Qualität statt auf Quantität.

Diese Tatsache hat vor der Veröffentlichung des Spiels viele Poké-Fans erzürnt. Es hagelte Boykott-Aufrufe und wütende Twitter-Hashtags. Für die Mehrheit der Fans sollte diese Neuerung in der Praxis aber zu verkraften sein. Vor allem auch aufgrund der Tatsache, dass die 81 neuen Pokémon in Galar sehr einfallsreich designt sind.



Die grafische Umsetzung hingegen lässt immer mal wieder zu wünschen übrig. Die Texturen wirken extrem verwaschen und die teils eckigen Objekte sind schlicht nicht mehr zeitgemäss. Vor allem nicht, wenn man die Nintendo Switch an seinem TV-Bildschirm anschliesst.

Auch die Animationen sehen veraltet und lieblos aus. Die hakeligen und abrupten Bewegungen wirken wie ein Relikt aus der Gamecube-Ära anno 2002. Zwar ist die Nintendo Switch bei weitem kein Hardware-Monster, aber andere Spiele mit weitläufigen Arealen und komplexeren Spielmechaniken wie «Xenoblade Chronicles» haben bereits bewiesen, dass der Handheld-Hybrid weitaus mehr auf dem Kasten hat, als GameFreak hier demonstriert hat. Schade.

Die Grafik lässt für ein Spiel aus dem Jahr 2019 teilweise zu wünschen übrig.
Die Grafik lässt für ein Spiel aus dem Jahr 2019 teilweise zu wünschen übrig.
Bild: Nintendo

Gigadynamaximierung: Bitte, was?

Immerhin vermag das Gameplay grösstenteils zu überzeugen, auch wenn sich die einzelnen Sequenzen stetig wiederholen: neue Stadt erkunden, Arenaleiter herausfordern, in die nächste Stadt reisen und auf dem Weg neue Pokémon fangen. Diese erprobte Formel funktioniert auch heute noch extrem gut und macht richtig süchtig.

Schade nur, dass der Spieler nicht frei wählen kann, in welcher Reihenfolge die Arenaleiter herausgefordert werden sollen. Das Spiel gibt einen klaren, extrem linearen Weg vor, der um jeden Preis eingehalten werden muss. 

Die insgesamt acht Arenen in Galar waren mein persönliches Highlight. Jede Arena ist thematisch einem Pokémon-Typ gewidmet und bietet teilweise absurde Minispiele. Auch die Arenakämpfe an sich sind liebevoll inszeniert. Das Live-TV-Feeling im ausverkauften Stadion wird mit einem aufregenden Soundtrack begleitet, der in den entscheidenden Momenten des Duells seinen Höhepunkt findet.



Die grosse Neuerung im erprobten Kampfsystem stellt die sogenannte Dynamaximierung dar. An bestimmten Orten im Spiel lassen sich Pokémon während des Kampfs für drei Runden auf absurde Dimensionen vergrössern. Die Riesenviecher haben mehr Lebenspunkte, einen unglaublich starken Angriff und können matchentscheidende Umgebungseffekte auslösen.

Zu erwähnen ist an dieser Stelle, dass «Pokémon Schwert & Schild» trotz dieser zusätzlichen strategischer Option viel zu einfach ist. Das Spiel vergibt bei Kämpfen und anderen Aktionen schlicht und einfach zu viele Erfahrungspunkte, sodass man relativ schnell masslos überqualifiziert ist. Wer sich nicht allzu dumm anstellt, wird durch die Story fliegen und jeden Gegner in Grund und Boden stampfen.

Klein gegen Gross: Gegen dynamaximierte Gegner haben normale Pokémon keine Chance.
Klein gegen Gross: Gegen dynamaximierte Gegner haben normale Pokémon keine Chance.
Bild: Nintendo

Die echten Herausforderungen warten online

Wer weniger an Kämpfen interessiert ist und lieber Pokémon fängt und sammelt, kommt mit dem Spiel voll auf seine Kosten. Denn: Pokémon müssen neu nicht durch mühsame Zufallskämpfe im hohen Gras gefangen werden, sondern laufen, fliegen und schwimmen in der Welt umher und können so gezielt gejagt werden.

Ebenfalls neu ist die sogenannte Naturzone – ein riesiges Gebiet in der Mitte der Galar-Region, in welcher sich der Spieler zur Abwechslung komplett frei bewegen kann. In diesen Momenten völliger Freiheit fühlt sich «Pokémon Schwert & Schild» am ehesten wie das erhoffte «richtige» Pokémon-Konsolenspiel an.

In der Naturzone tummeln sich haufenweise extrem starke und seltene Pokémon. Die mit Abstand stärksten Monster lauern in grell leuchtenden Nestern. Diese Pokémon können nur zusammen mit anderen Trainern gebändigt werden – vorzugsweise online mit echten Mitstreitern. Diese Online-Raids sind eine gelungene Abwechslung vom Trainer-Alltag und bieten aufgrund der extrem starken Pokémon auch für geübte Jäger eine echte Herausforderung.

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