Spieletest «Pragmata» galt als Geheimtipp – für mich ist es das bisher beste Game 2026

Martin Abgottspon

15.4.2026

«Pragmata» ist die grosse Spiele-Überraschung in diesem Jahr.
«Pragmata» ist die grosse Spiele-Überraschung in diesem Jahr.
Capcom

Es gibt Videospiele, die man spielt. Und dann gibt es Spiele, die einen spielen, die einen packen, nicht mehr loslassen und noch Tage danach im Kopf bleiben. «Pragmata» gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.

Martin Abgottspon

Kaum jemand hätte noch darauf gewettet, dass «Pragmata» einschlägt wie eine Bombe. Sechs Jahre Entwicklung, mehrere Verschiebungen, langes Schweigen des Studios. Viele hatten das Spiel längst abgeschrieben. Aber das Warten hat sich mehr als gelohnt. Doch alles der Reihe nach.

Die Geschichte beginnt auf dem Mond. Hugh Williams, Systemingenieur bei einem Konzern namens Delphi Corporation, wird zu einer Mondforschungsstation geschickt, die plötzlich verstummt ist. Menschen findet er dort keine mehr, dafür ein kleines Mädchen namens Diana, das sich als Android entpuppt.Die beiden sind aufeinander angewiesen und müssen gemeinsam einen Weg zurück zur Erde finden, während die Station um sie herum immer weiter durchdreht.

Das klingt nach vertrautem Sci-Fi-Stoff, und anfangs ist es das auch. Doch «Pragmata» nimmt sich die Zeit, unter dieser Oberfläche etwas Unerwartetes aufzubauen: eine echte emotionale Bindung zwischen zwei grundverschiedenen Wesen. Hugh ist keine makellose Heldengestalt, sondern ein verblüffend normaler Typ. Der Mann, den man an der Bar trifft und der zwischen zwei Witzen plötzlich etwas sagt, das einen tagelang beschäftigt. Diana hingegen strahlt eine so ansteckende Energie aus, dass man nach wenigen Stunden vergisst, dass man es mit einem Computerprogramm zu tun hat. Die beiden lernen voneinander, wachsen aneinander – und wer am Ende des Spiels keine Gefühle für dieses ungleiche Duo entwickelt hat, dem ist schlicht nicht zu helfen.

Eine Mondstation wie man sie noch nie gesehen hat

Auch visuell betritt «Pragmata» völliges Neuland. Aus dem Mondgestein der Station wird ein Material namens Lunafilament gewonnen, das sich in gigantischen 3D-Druckern zu fast allem verarbeiten lässt – Gebäuden, Fahrzeugen, selbst Lebensmitteln. Als die KI die Kontrolle übernimmt und anfängt, unkontrolliert zu produzieren, entstehen surreale Kulissen, die so in keinem anderen Spiel zu sehen sind: ein halb fertiger Times Square auf Mondstaub, ein holografisches Meeresufer mitten in einem Stahltunnel, ein 3D-gedruckter Wald, der täuschend echt wirkt. Das visuelle Grundgefühl ist schwer zu beschreiben. Irgendwo zwischen NASA-Ästhetik der 1960er-Jahre und einem dystopischen IKEA-Katalog aus der Zukunft. Sperrig und faszinierend zugleich.

Zwei Gehirnhälften, ein Controller

Was «Pragmata» spielerisch von allem anderen abhebt, ist sein Kampfsystem und das ist keine leere Formel. Es ist tatsächlich so originell, dass es ein paar Stunden braucht, um es wirklich zu begreifen. Das Grundprinzip: Hugh kämpft, rennt, weicht aus. Diana hackt über ein gitterförmiges Minigame, mit dem feindliche Roboter in Echtzeit geöffnet und verwundbar gemacht werden müssen, bevor Hughs Waffen überhaupt Schaden anrichten. Beide Mechaniken laufen parallel, simultan, mitten im Feuergefecht. Linke Hand steuert Hugh durch die Arena, rechte Hand navigiert Dianas Hackgitter. Und wer einmal drin ist, erlebt einen Spielrhythmus, der süchtig macht wie wenig anderes.

Das bleibt auch deshalb frisch, weil «Pragmata» dieses System über das gesamte Spiel hinweg konsequent erweitert. Hackknoten mit Spezialeffekten, die man strategisch einsetzen kann. Waffen, die direkt ins Hackgitter eingreifen und Felder eliminieren. Gegner, die das System aktiv stören. Was wie ein cleverer Einfall klingt, entpuppt sich als durchdacht ausgearbeitetes Spieldesign, das bis zur letzten Stunde neue Ideen liefert.

Die Waffenarsenale sind dabei erfreulich vielseitig. Ein Energienetz, das Gegner kurz einfriert. Ein Drohnenaufsatz, der ein Dutzend kleine Roboter auf Feinde losschickt. Eine Haftbombe, die Hackgitterzeilen eliminiert und so Dianas Arbeit erleichtert. Jede Waffe fühlt sich sinnvoll an, keine ist überflüssig, und das Zusammenspiel mit Dianas Fähigkeiten sorgt dafür, dass man immer wieder neue Kombinationen ausprobiert.

Das Hacking-System bringt eine völlig neue Spielmechanik mit sich, die sich extrem belohnend anfühlt.
Das Hacking-System bringt eine völlig neue Spielmechanik mit sich, die sich extrem belohnend anfühlt.
Capcom

Kurz, aber kein bisschen zu kurz

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«Pragmata» ist ein lineares Spiel von rund 12 bis 15 Stunden Länge – und das ist eine seiner grössten Stärken. Es gibt keine künstlich aufgeblähten Open-World-Füller. Stattdessen ein Hub, in dem man Ausrüstung upgraded, Waffen kauft, und ja – Diana Geschenke mitbringt. Ein Progressionssystem, das sich stetig und befriedigend anfühlt. Eine Geschichte, die keine Minute verschwendet. Und wer nach dem Abspann noch nicht genug hat, bekommt einen herausfordernden New-Game-Plus-Modus, der alle gelernten Fähigkeiten wirklich auf die Probe stellt.

Das Game ist kein sicheres, kalkuliertes Produkt. Es ist ein echtes Risiko in Form einer neuen IP. Eine fremde Welt, ein ungewöhnliches Kampfsystem, eine emotionale Geschichte, der man von Anfang an hätte misstrauen können. Capcom hat trotzdem alles darauf gesetzt, und es hat sich ausgezahlt. «Pragmata» ist frisch, originell, warmherzig und spielerisch brillant. Wer auch nur ein bisschen Interesse an Action-Spielen hat, sollte es sich nicht entgehen lassen. Wer Kinder hat, wird beim Abspann weinen. Wer keine hat wahrscheinlich auch.