«Google-Bewerber dürfen absolut keine Moral haben»

Henning Steier

28.11.2018

Google-Boss Sundar Pichai steht unter Druck.
Archivbild: Keystone

Amnesty International attackiert Google erneut wegen der geplanten Suchmaschine Dragonfly für China. Selbst Google-Mitarbeiter protestieren nun öffentlich. 

Unterstützer und Mitglieder von Amnesty International haben am Dienstag in mehreren Ländern gegen Google demonstriert. Grund für die Proteste der Menschenrechtler ist das Projekt Dragonfly (Libelle). Die zensurierte Suchmaschine mit dem Namen würde in China gesperrte Webseiten und Suchanfragen etwa nach Menschenrechten, Demokratie, Religion oder friedlichen Protesten aussortieren, wie im Sommer durchsickerte. Damit entspräche sie den strikten Zensurvorschriften der kommunistischen Führung in Peking.

Bereits im Sommer hatte Amnesty International von einem schweren Angriff auf die Informationsfreiheit gesprochen. Die Menschenrechtsorganisation argumentiert: Wenn Google in China die Suchmaschine für Profit zensiert, würde das Unternehmen dies wohl früher oder später auch in anderen Ländern tun. Google-Chef Sundar Pichai sagte damals, man stehe nicht kurz davor, eine Suchmaschine in China zu lancieren. Weitere Angaben machte er nicht. 

Video veräppelt Google

Amnesty International hat parallel zu den Protesten ein satirisches Google-Rekrutierungsvideo online gestellt. In diesem sagt ein Schauspieler unter anderem: «Um euch zu bewerben, benötigt ihr hervorragende Programmierkenntnisse, fünf Jahre Erfahrung, dürft absolut keine Moral haben und müsst gern bereit sein, die persönlichen Daten von Nutzern weiterzugeben.»

Google ist in China gesperrt, weil es sich der Zensur zumindest bisher nicht beugen wollte. Der Konzern sucht aber nach einem Zugang zu dem weltgrössten Internetmarkt mit 730 Millionen Internetnutzern. Google ist jedoch im Reich der Mitte durchaus präsent, etwa mit einem Forschungszentrum, das Ende 2017 in Peking eröffnet wurde.

Dessen ungeachtet hatten im August über 1400 Mitarbeiter einen internen Brief unterschrieben, mit dem gegen Dragonfly protestiert wurde. Am Dienstag haben Google-Angestellte einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie das Projekt Dragonfly kritisieren.

Profite vor Überzeugungen

Zur Stunde zählt der Brief bereits knapp 400 namentlich genannte Unterzeichner. Viele hätten bei Google angefangen im festen Glauben, das Unternehmen stelle seine Überzeugung vor Profite. Man wolle nicht an Technolgien arbeiten, die Starken helfen, Schwache zu unterdrücken. «Google ist zu mächtig, um sich aus der Verantwortung stehlen zu können.» Der Suchmaschinist äusserte sich weder zu dem Brief noch zu der aktuellen Kampagne von Amnesty International.

Google gibt sich in Sachen Firmenkultur gern fortschrittlich und vorbildlich. Doch unlängst haben nicht nur Gerüchte über Zensur den Konzern erschüttert: Tausende Google-Mitarbeiter haben Anfang November aus Protest gegen Missstände wie Sexismus, Rassismus und Machtmissbrauch durch Führungskräfte zeitweise die Arbeit niedergelegt.

Anlass waren Berichte, der Konzern habe Andy Rubin – den Kopf hinter dem Android-Betriebssystem – bei seinem Abgang 2014 trotz des schwerwiegenden Vorwurfs der sexuellen Nötigung mit lobenden Worten und einer rund 90 Millionen Dollar schweren Abfindung verabschiedet.

Kampagne der Ex-Frau

Rubin bestritt die Vorwürfe und führte ihr Auftauchen auf eine angebliche Hetzkampagne seiner Ex-Frau zurück. Zudem soll noch über zwei weitere Führungskräfte schützend die Hand gehalten worden sein, schrieb die Zeitung.

Google-CEO Pichai bezog rasch Stellung und versicherte, das Unternehmen fahre einen harten Kurs bei Fehlverhalten und habe allein in den vergangenen zwei Jahren 48 Mitarbeiter wegen Anschuldigungen betreffend sexueller Belästigung gefeuert.

So buhlt Google beispielsweise auf Twitter um die besten Mitarbeiter.
Screenshot: Bluewin

Für Google haben solche Proteste nicht nur aus Imagegründen Sprengkraft. Das Unternehmen hat den Anspruch, die besten Mitarbeiter zu rekrutieren. Wer dort anfängt, kann jedoch in der Regel fast überall in der IT-Branche einen Job finden – und sollte sich daher gut überlegen, ob er für einen Arbeitgeber tätig sein möchte, der solche Schlagzeilen produziert. 

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