Fehler gefunden?
Jetzt meldenFehler gefunden?
Jetzt melden
In der Schweiz brauchen Internet-Giganten keinen Grund ein Konto zu löschen.
Ein Berner Start-up-Gründer verliert über Nacht den Zugriff auf sein Meta-Werbekonto. Die Ausgaben laufen weiter und im Gegensatz zur EU ist das in der Schweiz vollkommen legal.
Lukas Beer aus Bern betreibt seit einigen Monaten das E-Commerce-Start-up Seekr. Das Konzept ist schlank. Smarte Lifestyleprodukte wie Powerbanks und Kartenetuis werden über einen Onlineshop beworben und verkauft. Beworben werden die Produkte fast ausschliesslich über Facebook und Instagram. «Rund 90 Prozent unseres Umsatzes kommen direkt über diese Kanäle», sagt Beer. Für ein junges Unternehmen ohne grosse Marketingbudgets ist das keine Nische, es ist praktisch der einzige Weg.
Ende Februar ändert sich dann alles. Beer erhält eine automatische E-Mail von Meta. Sein privates Facebook-Profil wurde gesperrt, wie «Blick» berichtet. Als Begründung wird ein Verstoss gegen Community-Standards genannt. Was genau, bleibt unbekannt. Beer hat seit über sechs Monaten nichts mehr auf Facebook gepostet.
Ohne privates Profil hat der Jungunternehmer seither aber kein Zugriff mehr auf das Geschäftskonto. Und auf dem diesem laufen täglich Werbekampagnen im Umfang von rund 700 Franken.
Beer legt Einsprache ein. Stunden später kommt die Antwort. Das Konto wurde vollständig deaktiviert. Er versucht, ein neues Profil anzulegen, das innerhalb weniger Minuten wieder gesperrt wird. Er versucht, den Support zu erreichen, aber niemand antwortet. Beer sucht den letzten Ausweg in einem kostenpflichtigen Premium-Support mit dem Namen «Meta Verified». Nach wochenlangem Warten folgt ein 40-minütiges Telefongespräch, das mit den Worten endet: «Der Entscheid ist endgültig.»
Was im Hintergrund geschieht, ist kein menschlicher Fehler. Es ist ein Algorithmus, der Muster erkennt und automatisch reagiert. Ohne Kontext, ohne Verhältnismässigkeit, ohne die Möglichkeit, einem echten Menschen seinen Fall zu erklären.
Während eines ganzen Monats investiert Beer über 40 Stunden in Supportanfragen. Die Werbekampagnen laufen unterdessen unkontrolliert weiter. Am Ende stehen Werbeausgaben von über 16'000 Franken und ein geschätzter Umsatzverlust von rund 10'000 Franken zu Buche.
Beers Geschichte ist kein Einzelfall. Sie ist ein Systemfehler. Und in der Schweiz gibt es schlicht keine Rechtsgrundlage, die Meta zu einer Erklärung zwingt. In der Europäischen Union hingegen schreibt der Digital Services Act (DSA) vor, dass grosse Plattformen bei Kontosperrungen den konkreten Grund nennen und eine echte Einsprachmöglichkeit bieten müssen.
Dass die Schweiz beim Schutz ihrer Nutzerinnen und Nutzer gegenüber grossen Plattformen hinterherhinkt, ist in Bern längst bekannt. Bereits im März 2023 reichten die Nationalräte Jon Pult und Min Li Marti (beide SP) zwei Motionen ein, die eine Umsetzung der Ziele des DSA und des Digital Markets Act in der Schweiz forderten. Der Bundesrat beauftragte daraufhin das Bakom mit einem Gesetzesentwurf. Dieser lag jedoch nicht wie angekündigt im März 2024 vor, sondern ging erst im Oktober 2025 in die Vernehmlassung.
Das Resultat enttäuschte viele. Der Entwurf für ein «Bundesgesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen» fiel im Vergleich zum DSA deutlich milder aus. Kritiker sprachen von einem «DSA light». In der Vernehmlassung regte sich breiter Widerstand. Die SVP bezeichnete den Entwurf als «Paradebeispiel für den autonomen Nachvollzug von EU-Recht», die FDP warnte vor einem «Swiss Finish», und die SP kritisierte, die Vorlage bleibe hinter dem EU-Recht zurück. Wann und in welcher Form ein Gesetz tatsächlich in Kraft tritt, ist offen.
Was Beers Geschichte ausserdem sichtbar macht: Tausende von Schweizer KMU und Start-ups haben ihr gesamtes digitales Marketing auf einer einzigen Plattform aufgebaut und damit faktisch die Kontrolle über ihr Unternehmen abgegeben. Wenn Meta entscheidet, dass jemand nicht mehr existiert, existiert er nicht mehr.
Bis die Politik reagiert, bleibt Unternehmern wie Beer nur ein Rat: Nie alles auf eine Karte setzen. Wer heute 90 Prozent seines Umsatzes über eine einzige Plattform generiert, lebt gefährlich. Egal wie gut die Kampagnen laufen.