«Sollte eine einzige Firma entscheiden, welche Werbung im Netz okay ist?»

Henning Steier

7.11.2018

Solche Werbung sieht Chrome 71 als missbräuchlich an.
Symbolbild: PD

Google nimmt mit Chrome 71 missbräuchliche Onlinewerbung noch schärfer ins Visier. Das weckt angesichts der Marktmacht des Browsers Bedenken.

Google Chrome soll Nutzer ab Version 71 besser bei irreführender oder aufdringlicher Werbung schützen. Wie Produktmanager Vivek Sekhar im Unternehmensblog schreibt, soll der Browser auf Websites, die gemäss Google missbräuchliche Werbung einblenden, alle Anzeigen ausblenden. Chrome 71 soll im Dezember zum Download bereitstehen. Googles Surfprogramm ist mit Abstand Marktführer, es kommt beispielsweise auf dem Desktop auf einen Marktanteil von rund 70 Prozent. 

Was aber ist für Google missbräuchliche Werbung? Darunter fallen Anzeigen, die unsichtbare Hintergründe oder sonstige schwer wahrzunehmende Elemente nutzen, um Klicks zu generieren, die Nutzer eigentlich nicht machen wollten. Ebenso am Pranger steht Reklame, die sich als Warnung, Systemdialog oder Chat-App tarnt. 

Cursor imitiert

Überdies wird Chrome 71 Anzeigen ausblenden, die weitere Werbung nachladen, wenn man etwa Wiedergabeknöpfe oder Bildlaufleisten betätigt. Reklame, die wandernde Mauszeiger imitiert oder Nutzer ohne deren Zutun auf andere Websites umleitet, wird ebenfalls blockiert. Zudem soll stets klar sein, für welches Produkt beziehungsweise Unternehmen geworben wird. 

Nicht zuletzt hat Google es auf Anzeigen abgesehen, die Phishing betreiben oder mit anderen Tricks Nutzer dazu bringen sollen, mehr Daten als nötig preiszugeben. Auch nimmt Chrome 71 Reklame ins Visier, die Schadsoftware verbreitet oder Links zum Download derselben enthält.  

Google hatte Vergleichbares im Januar mit Chrome 64 eingeführt. Laut Produktmanager Vivek Sekhar ist dieser Ansatz damals nicht weit genug gegangen. Denn die derzeit eingebauten Schutzmechanismen blenden nicht einmal die Hälfte der kritisierten Werbung aus. Wie viel Prozent es mit Chrome 71 sein sollen, lässt Sekhar in seinem Blogeintrag offen. Er wies noch darauf hin, dass nur ein Bruchteil der Websites dauerhaft problematische Werbung anzeige. Allerdings verliessen sich nur sehr wenige Websites dauerhaft auf diese Art der Online-Werbung. Google verschärft den Kampf gegen solche Werbung aber trotzdem, da oftmals Nutzerdaten entwendet würden.

Zu beachten ist auch, dass Werbeblocker wie Adblock Plus auf dem Vormarsch sind. In der Schweiz nutzen etwa 20 Prozent der Surfer einen solchen auf dem Desktop-PC. Anzeigen stören Nutzer, sie installieren Werbeblocker. Andere User nehmen kaum noch Werbung wahr, sie muss also auffälliger und damit störender werden. Das wiederum treibt noch mehr Anwender zur Installation von Werbeblockern. Darunter leiden viele Website-Betreiber noch stärker, da Werbung für sie oftmals die wichtigste Einnahmequelle ist.

Schwarze Liste

Zur neuen Gangart gehört, dass Websites auf einer schwarzen Liste landen, wenn sie Werbung zeigen, die gegen eine der oben erwähnten Regeln verstösst. Danach wird Chrome 71 jede Werbung auf der Website ausblenden – wenn die missbräuchliche Reklame nicht innert 30 Tagen entfernt wird.  Seitenbetreiber können in der Google Search Console nachschauen, ob gegen Googels Regeln verstossende Anzeigen auf ihren Seiten entdeckt wurden.

Google handelt natürlich nicht aus Altruismus: Der Werbeblocker nimmt keine Google-Anzeigen ins Visier – und mit diesen verdient der führende Onlinewerbeanbieter bekanntlich sein Geld. Dementsprechend sehen viele Branchenbeobachter zwar durchaus einen Nutzen für die Nutzer. Aber: «Sollte eine einzige Firma entscheiden, welche Werbung im Netz okay ist?», fragt sinngemäss beispielsweise Peter Bright vom Branchendienst «Ars Technica». 

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