«Tote» Gauner zocken dich abAchtung vor dieser pietätlosen Betrugsmasche im Internet
Martin Abgottspon
24.3.2025
Mit einer Kette von Tricks ziehen Verbrecher Leuten auf Tutti das Geld aus der Tasche.
Gemini @blue News
Sie geben sich als Verstorbene aus und missbrauchen Verkaufsplattformen. Dann räumen sie die Konten ihrer Opfer leer. Ein Fall auf Tutti zeigt, wie perfide Online-Betrüger mittlerweile vorgehen.
Ein Tortenbehälter für 60 Franken wird zur Eintrittskarte für einen fast 5000 Franken schweren Identitätsraub. Das berichtet der Beobachter letzte Woche. Das Opfer ist eine Frau, die sich entschied, das schlichte Haushaltsobjekt über die Kleinanzeigenplattform Tutti zu verkaufen. Die Täter: Kriminelle, die gezielt die Namen Verstorbener nutzen, um Vertrauen zu erschleichen und Geld zu stehlen.
«Hey, ich habe eure Anzeige gesehen und finde das Angebot echt ansprechend. Ich hätte ein paar Punkte zu klären und würde das gerne kaufen, falls alles in Ordnung ist», schreibt eine gewisse Fatima in einer Nachricht auf Tutti an Ursula Brecht, die in Wahrheit anders heisst. Es klingt wie eine harmlose Kaufanfrage. Doch was folgt, ist eine raffiniert orchestrierte Betrugsmasche in mehreren Akten.
Rechtschreibung als erster Warnhinweis
Als Erstes will Fatima den Kommunikationskanal wechseln und schlägt dafür «VVhatsz App» vor – bewusst falsch geschrieben. Solche Schreibfehler sind kein Zufall. Damit umgehen Betrüger automatische Betrugserkennungssysteme von Verkaufsplattformen.
Im Chat meldet sich dann nicht mehr Fatima, sondern ein Mann namens Franz. Er gibt eine Adresse in Gersau SZ an und kündigt an, er werde den Erhalt des Tortenbehälters bestätigen. Danach könne Brecht über einen Link «Geld erhalten». Eine solche Funktion gibt es allerdings weder bei Tutti noch bei Twint. Stattdessen führt der Link zu einer gefälschten Website von Postfinance, über die die Zugangsdaten zu Brechts Twint-Konto abgegriffen wurden. Innerhalb von 30 Minuten wird ihr Konto mit zehn Transaktionen geleert.
Alles geht ganz schnell
Die Täter transferieren das gestohlene Geld nicht direkt auf ein eigenes Konto. Das wäre zu auffällig. Stattdessen nutzen sie es, um bei K-Kiosk Guthabenkarten zu kaufen. Apple Pay, Paypal – digitale Währungen, die sich leicht anonymisieren lassen. Das Geld lässt sich so praktisch spurlos weiterleiten.
Doch damit nicht genug: Die Adresse in Gersau existierte – allerdings gehört sie einem kürzlich Verstorbenen. Unter dessen Namen, so bestätigt Tutti-Sprecherin Mojca Fuks, seien gleich mehrere betrügerische Benutzerkonten erstellt worden. «Wir konnten das Konto am Tag der Registrierung blockieren», sagt Fuks. Für Ursula Brecht war es da allerdings schon zu spät.
Für die hinterbliebene Witwe ist der Identitätsmissbrauch ebenfalls ein Schock: Mehr als 20 Pakete wurden nach dem Tod ihres Mannes an sie adressiert – darunter Plüschtiere, ein Bügelbrett und Kleidungsstücke. Die Polizei konnte wenig tun. Die Frau verweigerte irgendwann die Annahme.
Keine Links anklicken, keine QR-Codes scannen
Der Fall legt offen, wie weit Täter heute gehen. Sie durchforsten Todesanzeigen, missbrauchen die Identität Verstorbener und nutzen Verkaufsplattformen als Einfallstor. Dabei geht es nicht um die Waren, sondern um die Zahlungsdaten der Anbieter. Die Kriminellen nutzen das Vertrauen, das mit einem realen Namen und einer existierenden Adresse verbunden ist.
Tutti und Twint raten zu erhöhter Wachsamkeit. Niemals auf Links klicken oder QR-Codes scannen, die von Käufern gesendet werden. Und die Kommunikation möglichst über die Plattform selbst führen. Wer auf WhatsApp-Nachrichten mit merkwürdiger Rechtschreibung stösst, sollte skeptisch werden.