10 Jahre nach Fall RupperswilWarum man den Täter heute dank neuer Technik schneller schnappen würde
Petar Marjanović
21.12.2025
Der Mörder von Rupperswil wurde auch dank Handydaten gefunden.
Archiv/Gemini
Ein Handy im Flugmodus, zur falschen Zeit am falschen Ort – und ein Mörder fliegt auf. Heute würde die Polizei noch schneller zuschlagen als vor zehn Jahren, weil Technik und Ermittlungen deutlich präziser geworden sind.
Der Vierfachmord von Rupperswil konnte 2015 dank Antennensuchläufen aufgeklärt werden, die das auffällige Bewegungs- und Handyverhalten des Täters zeigten.
Heute arbeitet die Polizei mit deutlich kleineren Funkzellen, eingespielten Abläufen und besserer Zusammenarbeit mit Tech-Firmen, was Ermittlungen schneller und präziser macht.
Trotz weniger digitaler Spuren helfen neue KI-Tools dabei, Täter dennoch rasch einzugrenzen.
Am 21. Dezember 2015 tötete der damals 33-jährige Thomas N. in Rupperswil eine Frau, ihre beiden Söhne und die Freundin des älteren Sohnes. Lange war unklar, wer der Täter war, und die Polizei suchte mit Hochdruck nach ihm. Dann, fünf Monate später, klickten in einer Starbucks-Filiale die Handschellen. Aus Ermittlerkreisen hiess es damals, Thomas N. habe seine späteren Opfer vor der Tat mehrfach gegoogelt. Die Datenspur habe zu seiner IP-Adresse geführt.
Klar belegt ist vor allem eines: Einen entscheidenden Hinweis lieferte der sogenannte Antennensuchlauf. Gemeint ist damit die Abfrage, welche Handys mit einer bestimmten Mobilfunkantenne verbunden sind oder waren.
Zahlen aus der Überwachungsstatistik zeigen, dass der Kanton Aargau im Jahr der Tat drei solche Abfragen wegen Mordes anordnete. Sie zeigten, dass sich Thomas N. vor der Tat wiederholt in der Nähe des Hauses der Opfer aufhielt – und am Tattag sein Handy plötzlich in den Flugmodus stellte. Dieses auffällige Verhalten machte ihn verdächtig. Kurz darauf wurde er verhaftet.
Wie würde die Polizei heute vorgehen? Wäre sie schneller? blue News hat dazu mit mehreren Personen aus der Techszene gesprochen. Die Antwort ist klar: Ja. Nicht nur die Technik ist weiter, auch die Ermittlungsarbeit ist heute anders organisiert.
5G liefert weniger Unschuldige
Eine zentrale Rolle spielen weiterhin Antennensuchläufe. Dabei wird ermittelt, welche Mobiltelefone zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einer Funkzelle verbunden waren. Je nach Ort der Tat können so einige Dutzend oder mehrere Tausend Nummern erfasst werden.
«Der entscheidende Unterschied ist heute die Grösse dieser Funkzellen», sagt Marc Ruef, der seit Ende der 1990er-Jahre im Bereich Cybersecurity forscht. Mit dem 5G-Standard werden andere Frequenzen genutzt als früher bei 3G: Sie übertragen mehr Daten, werden aber schneller durch Wände, Gelände oder Vegetation abgeschwächt.
Das hat positive Folgen für die Ermittlungen: Die Funkzellen sind kleiner. «Befindet sich eine Antenne nahe beim Tatort, liefert ein Antennensuchlauf mit 5G deutlich weniger Treffer», erklärt Ruef. Für die Polizei bedeutet das weniger Personen, die überprüft werden müssen – und eine schnellere Eingrenzung. «5G ermöglicht eine präzisere Ortung.»
Der Fortschritt liegt jedoch nicht nur in der Infrastruktur, sondern auch in den Prozessen der Polizei. «Der Antennensuchlauf ist heute keine Spezialtaktik mehr, die jemand erst vorschlagen muss», sagt Ruef. «Er ist Standard.» Das belegen auch Zahlen aus der Überwachungspraxis: Die Instrumente werden häufiger und routinierter eingesetzt.
KI hilft Fotos zu lokalisieren
Ähnlich sieht es bei der Zusammenarbeit mit Tech-Firmen aus. Im Fall von Thomas N. sollen Google-Suchanfragen eine Rolle gespielt haben. Heute seien die Kontakte zwischen Strafverfolgungsbehörden und Plattformen deutlich besser eingespielt, bestätigen mehrere Quellen.
Ganz ohne Herausforderungen geht es jedoch nicht. «Viele Menschen gehen heute bewusster mit ihren digitalen Spuren um», sagt Ruef. Früher wurden Fotos oft samt Standort, Uhrzeit und weiteren Daten in sozialen Netzwerken geteilt. Dieser digitale «Standortmüll» ist deutlich kleiner geworden.
Verschwunden ist er aber nicht. Und hier kommen neue Hilfsmittel ins Spiel: Künstliche Intelligenz kann Ermittlern Hinweise liefern, etwa indem sie anhand von Landschaft, Pflanzen oder Gebäuden erkennt, wo ein Foto aufgenommen wurde. «Auch ohne Standortangabe lassen sich Bilder manchmal erstaunlich gut einordnen», sagt Ruef.
Zusammengefasst lässt sich sagen: Würde sich der Fall Rupperswil heute zutragen, würde die Polizei sofort einen Antennensuchlauf als Ermittlungstaktik einsetzen – und dank 5G noch genauere Daten erhalten. Auch mit Plattformen wie Google wäre die Kommunikation eingespielter, was wertvolle Zeit sparen würde.
Google Gemini erkannte den Standort des Fotos korrekt, obwohl das Bild nur in kleiner Auflösung und ohne weitere Informationen zur Verfügung gestellt wurde.