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Wie werden die drei Schwergewichte SpaceX, Anthropic und OpenAI die Börse beeinflussen?
Bild: ChatGPT @ blueNews
Innerhalb weniger Monate gehen drei der wertvollsten Privatfirmen der Welt an die Börse. Für Anleger ist das eine seltene Chance und ein gewaltiges Risiko zugleich.
Am heutigen Freitag läutet an der Nasdaq eine Glocke, die Börsengeschichte schreiben dürfte. Elon Musks Raumfahrt- und Satellitenkonzern SpaceX wagt den Schritt aufs Parkett. SpaceX verkauft beim grössten
Börsengang in der US-Geschichte seine Aktien zum Stückpreis von 135 Dollar. Dieser Preis wurde am Donnerstag festgelegt. Angeboten werden 555,6 Millionen Aktien. Damit nimmt der Konzern 75 Milliarden Dollar ein und kommt auf eine Gesamtbewertung von 1,77 Billionen Dollar – ein Rekord für eine Erstnotiz. Allein damit ist SpaceX an einem einzigen Tag mehr als das Fünffache von Nestlé wert. Und es ist erst der Anfang eines gewaltigen Börsenbebens.
Denn kurz dahinter stehen die beiden grossen KI-Labore in den Startlöchern. OpenAI, die Firma hinter ChatGPT, peilt einen Gang an die Börse im September an, bewertet mit 730 bis 850 Milliarden Dollar. Anthropic, Entwicklerin des Sprachmodells Claude, reichte am 1. Juni vertraulich ihre Börsenunterlagen ein und dürfte im Herbst folgen, ebenfalls nahe an der Billionengrenze. Drei Konzerne, deren Wert sich zusammen einer Grössenordnung von vier Billionen Dollar nähert, treten innerhalb eines halben Jahres vor das Publikum.
So ähnlich die Schlagzeilen klingen, so verschieden sind die Geschäfte dahinter. SpaceX verdient sein Geld längst nicht mehr bloss mit Raketen, sondern mit dem Satelliten-Internet Starlink. Der Dienst zählte Ende März rund 10,3 Millionen Abonnenten, doppelt so viele wie ein Jahr zuvor, und brachte im ersten Quartal 2026 fast 70 Prozent des Konzernumsatzes ein. Starlink ist der einzige profitable Teil des Unternehmens, Raketenstarts und KI-Aktivitäten schreiben rote Zahlen.
Bei OpenAI sieht die Lage anders aus. Die Firma setzt inzwischen rund zwei Milliarden Dollar pro Monat um, verbrennt aber weiterhin enorm viel Geld. Nach eigenen Projektionen verliert sie für jeden eingenommenen Dollar etwa 1.20 Dollar und rechnet erst um 2030 mit Gewinnen.
Anthropic wiederum, lange als Aussenseiterin gehandelt, hat den Spiess gerade umgedreht. Die Firma erreichte zuletzt einen auf das Jahr hochgerechneten Umsatz von rund 47 Milliarden Dollar und stellte für das laufende Quartal das erste profitable Ergebnis ihrer Geschichte in Aussicht.

Bei SpaceX geht es längst nicht mehr nur um Raumfahrt.
Bild: Keystone
Der Streitpunkt unter Finanzexperten ist nicht die Qualität dieser Firmen, sondern ihr Preis. Bei SpaceX zeigt sich die Kluft besonders deutlich. Die Ratingagentur Morningstar kommt in ihrer eigenen Rechnung auf einen fairen Wert von rund 780 Milliarden Dollar und nennt den Konzern beim angestrebten Preis «deutlich überbewertet». Der renommierte Bewertungsprofessor Aswath Damodaran von der New York University landet bei etwa 1,3 Billionen Dollar, ebenfalls klar unter dem Wunschpreis. Das Magazin «Fortune» rechnete vor, dass SpaceX über ein Jahrzehnt das Sechshundertfache wachsen müsste, um eine Bewertung von 1,75 Billionen zu rechtfertigen.
Bei den KI-Firmen geht es ums Grundsätzliche. «Wenn OpenAI und Anthropic kein Geld verdienen können, fällt das Ganze in sich zusammen», sagte William de Gale, Portfoliomanager bei BlueBox Asset Management, dem US-Sender CNBC. Der bekannte Marktbeobachter Scott Galloway warnt zudem, dass Privatanleger bei solchen Börsengängen am Ende der Nahrungskette stehen. Grossinvestoren und Insider kämen vergünstigt an die Aktien, während der breite Markt zu aufgeblähten Eröffnungskursen einsteige, die er als «völlig irrational» bezeichnet.
Über den einzelnen Firmen schwebt aber eine noch viel grössere Sorge. Michael Hartnett, Chefstratege der Bank of America, vergleicht die aktuelle Marktstimmung mit historischen Übertreibungen wie den Goldenen Zwanzigern oder der japanischen Aktienblase der 1980er-Jahre. Treten SpaceX, OpenAI und Anthropic gemeinsam an, könnte das Gewicht des Technologiesektors im US-Leitindex S&P 500 die Marke von 48 Prozent durchbrechen – ein Konzentrationsrekord. Die Bank of America beschreibt die gesamte Welle nüchtern als eine grossangelegte Verschiebung von Risiko: weg von frühen Investoren, hin zu Pensionskassen und Privatanlegern.
Es gibt aber auch die andere Seite. In den US-Geldmarktfonds liegen geschätzt acht Billionen Dollar weitgehend ungenutzt herum, SpaceX' geplante Kapitalaufnahme von bis zu 75 Milliarden entspricht davon gerade einmal einem Prozent. Institutionelle Anleger haben KI bisher nur über Umwege gespielt, etwa über Nvidia für die Chips oder über Microsoft, das rund einen Viertel an OpenAI hält. Sobald die reinen KI-Firmen direkt handelbar sind, entlädt sich diese aufgestaute Nachfrage. Genau das treibt die Kurse, unabhängig davon, ob die Bewertung mit dem Geschäft Schritt hält.

Auch der OpenAI-CEO Sam Altman hat einen Börsengang angekündigt. (Archivbild)
Bild: Keystone/AP Photo/Godofredo A. Vásquez
Schweizer können die Papiere vor dem Börsengang nicht kaufen, Anteile gibt es erst nach der Erstnotierung. Und auch danach ist Vorsicht angebracht. Grosse IPOs zeigen oft dasselbe Muster aus überhitztem Start und anschliessender Korrektur. Eine zweite Gelegenheit könnte sich erst ergeben, wenn zwischen September und Dezember die sogenannte Lock-up-Frist ausläuft, also die Sperre, die Altaktionären den sofortigen Verkauf verbietet.
Wer das Thema breiter abdecken will, greift zu Umwegen. Branchen-ETFs auf Raumfahrt und KI bilden den Sektor ab, ohne alles auf einen Titel zu setzen. Bestimmte geschlossene Fonds halten sogar schon vor dem Börsengang Anteile an SpaceX, OpenAI und Anthropic, allerdings oft zu intransparenten Werten. Und ein technisches Detail betrifft alle Indexanleger. Wird SpaceX nach kurzer Frist in den Nasdaq 100 aufgenommen, müssen passive Fonds die Aktie kaufen, egal zu welchem Preis. Indirekt landet das Papier so auch in vielen Vorsorgedepots, die nie aktiv darauf gewettet haben.
Am Ende läuft alles auf eine einzige Frage hinaus, die sich erst nach dem Handelsstart beantworten lässt. Zum ersten Mal müssen diese Firmen offenlegen, was sie wirklich umsetzen und verlieren, und der Markt entscheidet, ob er die Preise zahlt, die der private Kapitalmarkt längst festgesetzt hat. Bis dahin gilt der nüchterne Rat fast aller Beobachter: Wer zweifelt, wartet das öffentliche Zahlenwerk ab und steigt erst ein, wenn sich der erste Hype gelegt hat.