Die Kampagne «QuitGPT» ruft weltweit zum Ausstieg aus ChatGPT auf – und trifft einen Nerv. Der KI-Konzern gerät wegen politischen Verflechtungen zu Donald Trump unter Druck.
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Die Kampagne «QuitGPT» wächst seit Februar rasant und mobilisiert weltweit Millionen.
- Auslöser sind politische Verflechtungen von OpenAI und ein umstrittener Pentagon-Deal.
- Erste Zahlen zeigen steigende Deinstallationen und Nutzerabwanderung. Die Wirkung bleibt aber unsicher.
Die Bewegung «QuitGPT» beginnt Anfang Jahr relativ leise. Einzelne Beiträge auf Reddit erklären, wie man ChatGPT , den weltweit meistgenutzten KI-Chatbot, deinstalliert. Dazu kommen Aufrufe, Abonnemente zu kündigen und alternative Chatbots zu nutzen.
Anfang Februar 2026 geht die Website quitgpt.org online, getragen von einem Kollektiv, das sich als «Aktivistinnen und Aktivisten für die Demokratie» bezeichnet. Die Forderungen: Vollständiger Verzicht auf ChatGPT und damit verbunden Druck auf OpenAI, das US-Unternehmen hinter dem System, wegen seiner politischen Verflechtungen.
Die Kritik richtet sich gegen die enge Verflechtung von grossen Technologieunternehmen und Politik. Finanzberichte zeigen, dass OpenAI-Präsident Greg Brockman rund 25 Millionen Dollar an das Trump-nahe Super-PAC «MAGA Inc.» gespendet hat, eine politisch einflussreiche Organisation, die mit grossen Geldsummen Wahlkämpfe unterstützt und beeinflusst.
Politik, Lobbying und heikle Einsätze
Daneben steht der Vorwurf, dass OpenAI auch indirekt politische Einflussnahme unterstützt. In Berichten ist von einem über 100 Millionen Dollar schweren Lobbying-Topf die Rede, der sich gegen strengere Regeln für künstliche Intelligenz richtet. Solche politischen Komitees versuchen gezielt, Gesetze zu beeinflussen, etwa indem sie Kampagnen finanzieren oder politischen Druck aufbauen.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Einsatz von KI durch Behörden. Laut einem offiziellen Inventar des US-Heimatschutzministeriums nutzt die Einwanderungsbehörde ICE ein System auf Basis von GPT-4, um Bewerberinnen und Bewerber vorzusortieren.
Das Problem ist dabei nicht nur die KI selbst, sondern auch ihr Einsatzort. ICE organisiert Abschiebungen. Kritiker*innen warnen deshalb vor intransparenten oder verzerrten Auswahlverfahren in einem Bereich, in dem staatliche Macht besonders tief ins Leben von Menschen eingreift.
Pentagon-Deal wird zum Wendepunkt
Die Dynamik der Boykottbewegung bleibt zuerst allerdings überschaubar. Laut Angaben der Organisatoren registrieren sich in den ersten Wochen rund 17’000 Personen auf der Website, etwa 700’000 bekunden ihre Unterstützung in sozialen Netzwerken.
Dann schliesst am 28. Februar 2026 OpenAI eine Vereinbarung mit dem US-Verteidigungsministerium ab. Die eigenen KI-Modelle sollen auf einem klassifizierten Pentagon-Netzwerk eingesetzt werden.
Nur Stunden zuvor hatte der Konkurrent Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Chatbot Claude, ein vergleichbares Angebot abgelehnt. CEO Dario Amodei begründet dies damit, dass man keine Technologien bereitstellen wolle, die Massenüberwachung und autonome Waffensysteme ermöglichen. «Der Regierung zu widersprechen ist das Amerikanischste, was es gibt – und wir sind Patriot*innen in allem, was wir hier getan haben», sagte Amodei in einem Interview mit CBS News.
Boykott gewinnt an Dynamik
Die Konsequenzen sind unmittelbar. US-Behörden stellen die Zusammenarbeit mit Anthropic ein, das Unternehmen wird politisch unter Druck gesetzt.
Für den niederländischen Historiker Rutger Bregman markiert der Fall eine moralische Trennlinie – hier ein Unternehmen, das einen lukrativen Auftrag aus ethischen Gründen ablehnt, dort ein Konkurrent, der ihn übernimmt. Er ruft im Video dazu auf, ChatGPT zu «canceln»:
Innerhalb weniger Tage vervielfacht sich nach diesem Entschluss die Reichweite der QuitGPT-Kampagne. Laut Angaben der Betreiber steigt die Zahl der Unterstützenden bis Mitte März auf über vier Millionen, die Sichtbarkeit der Bewegung in sozialen Netzwerken steigt ebenfalls stark an.
Messbare Effekte nach Boykottaufruf
Tatsächlich zeigen sich Anfang März messbare Effekte. Laut Forbes verlassen rund 1,5 Millionen Nutzerinnen und Nutzer die Plattform kurz nach Bekanntwerden des Pentagon-Deals.
Die Analysefirma Sensor Tower registriert einen Anstieg der Deinstallationen um rund 295 Prozent über dem üblichen Niveau. Gleichzeitig gewinnt die App von Anthropic – «Claude» – deutlich an Dynamik und überholt ChatGPT zeitweise bei den Downloads in den USA.
Noch sind das allerdings nur Momentaufnahmen, keine stabilen Trends. Entscheidend ist, ob daraus ein dauerhaft verändertes Nutzungsverhalten entsteht. «Boykotte wirken nur, wenn sie eine kritische Masse erreichen und sich im Konsumverhalten niederschlagen», sagt die US-Soziologin Dana Fisher von der American University gegenüber dem MIT Technology Review.
Begrenzte Wirkung von Boykotten
Einzelne Spitzen bei Deinstallationen reichen dafür nicht aus. «Der eigentliche Druckpunkt liegt im Konsumverhalten – wenn genügend Menschen ihr Geld einsetzen, um ihre politischen Überzeugungen auszudrücken.»
Gleichzeitig sieht Fisher die Bewegung noch nicht an einem entscheidenden Punkt. «Aussagekräftig wird es erst, wenn sich auch Menschen beteiligen, die sonst nicht öffentlich Stellung beziehen», sagt sie. «Das haben wir bisher noch nicht gesehen.»
Ein Blick auf frühere Fälle zeigt, wie schwierig solche Boykotte sind. 2025 geriet Spotify unter Druck, unter anderem wegen umstrittener Rekrutierungsanzeigen im Umfeld von US-Behörden und Investitionen des Managements in militärnahe Technologieunternehmen. Die Kritik führte kurzfristig zu Kündigungen und grosser Aufmerksamkeit. In den Geschäftszahlen zeigte sich der Effekt jedoch kaum nachhaltig.
Wechsel zu Alternativen
Hinzu kommt ein strukturelles Problem. Selbst wer ChatGPT löscht, verlässt das System nicht zwingend. Viele Anwendungen greifen im Hintergrund auf Modelle von OpenAI zu, etwa über Programmierschnittstellen. Auch Tools für Texte, Programmierung oder Kundensupport nutzen häufig dieselbe Infrastruktur, ohne dass Nutzer*innen das direkt sehen.
Die «QuitGPT»-Kampagne verweist deshalb auf Alternativen. Dazu gehören etwa Claude oder Gemini von Google oder Le Chat des französischen Unternehmens Mistral AI. Verschiedene Open-Source-Modelle setzen unterdessen stärker auf Transparenz und Datenschutz. Dazu zählen kleinere Projekte wie Confer, Alpine oder Lumo, deren Leistungsfähigkeit und Verbreitung zur Zeit allerdings oft noch hinter den grossen Plattformen zurückliegen.
Für OpenAI kommt die Entwicklung dennoch zu einem sensiblen Zeitpunkt. Branchenanalysen gehen davon aus, dass das Unternehmen trotz hoher Einnahmen weiterhin Verluste schreibt und bis 2026 kumuliert zweistellige Milliardenbeträge erreichen könnte.
Druck auf OpenAI wächst
Gleichzeitig wird über neue Einnahmequellen wie Werbung diskutiert. Nach der Kritik am Pentagon-Deal kündigte CEO Sam Altman an, die Vereinbarung nachträglich um Einschränkungen zu ergänzen, etwa zur Nutzung für Überwachungszwecke.
Die Konkurrenz profitiert bereits. Anthropic gewinnt Marktanteile durch eine strategische Entscheidung. Ethik wird damit zunehmend zu einem Wettbewerbsfaktor.
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26.06.2025