Die grössten Eklats So politisch war der ESC in seiner Geschichte schon

Philipp Dahm

12.5.2026

Pro-Palästina-Demonstration während des 69. ESCs am 17. Mai 2025 in Basel: Der Wettbewerb hatte schon einige politische Momente.
Pro-Palästina-Demonstration während des 69. ESCs am 17. Mai 2025 in Basel: Der Wettbewerb hatte schon einige politische Momente.
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Israels Auftritt beim Eurovision Song Contest wird immer wieder kontrovers diskutiert, obwohl der Wettbewerb nicht politisch sein will. Dass das nicht der Realität entspricht, zeigt die Geschichte.

Philipp Dahm

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Spanien, Irland, die Niederlande, Slowenien und Island boykottieren wegen Israels Teilnahme den diesjährigen ESC.
  • Die ESC-Macher pochen darauf, dass der Wettbewerb neutral ist.
  • 7 Beispiele aus der Geschichte zeigen, dass es zwischen 1979 und 2022 sehr wohl politische Momente gab.

2024 holt sich Nemo für die Schweiz die Trophäe – und gibt sie im Februar 2026 wieder ab, weil Israel weiterhin an dem Wettbewerb teilnehmen darf. Weil das Land einen «Genozid» an den Palästinensern begehe, stehe es im Widerspruch zu Werten wie «Einheit, Inklusion und Würde für alle», für die der Wettbewerb eigentlich stehe, so die Begründung.

Es gehe nicht um Einzelne oder die Künstler, schreibt Nemo, sondern darum, dass der eigentlich «nicht-politische» Gesangswettstreit das Image eines Staates aufweiche, dem schweres Fehlverhalten vorgeworfen werde: «Wenn die Werte, die wir auf der Bühne feiern, hinter der Bühne nicht gelebt werden, verlieren auch die schönsten Songs ihre Bedeutung.»

Nemo fühlt sich dadurch bestätigt, dass andere Staaten wegen Israel den ESC boykottieren: Spanien, Irland, die Niederlande, Slowenien und Island nehmen dieses Jahr deswegen nicht teil. Auch in den Vorjahren gab es Proteste und Boykott, obwohl sich der Wettbewerb stets als neutral verkauft. 

Dass es in der Historie des ESC jedoch schon einige politische Momente gab, zeigen diese 7 Beispiele:

Proteste innerhalb Israels

Israel nimmt seit 1973 am ESC teil. Dass der Wettbewerb am heiligen Samstag stattfindet, ist für orthodoxe Juden ein Problem: Der Sabbat ist ein Ruhetag.

Während das kaum ins Gewicht fällt, wenn der Grand Prix im Ausland stattfindet, können Strenggläubige der Sache nicht aus dem Weg gehen, wenn der Wettbewerb im eigenen Land stattfindet – so wie 1979, 1999 und 2019. Eigentlich wäre das Land auch 1980 dran gewesen, verzichtet aber wegen der Finanzen auf die zweite Ausrichtung in Folge.

2019 haben sich hunderte Orthodoxe Rangeleien mit der Polizei geliefert, obwohl das Finale laut «Times of Israel» erst nach Sabbat-Ende begonnen hat: Sie protestierten gegen die Vorbereitungen und Proben, die tagsüber liefen.

1979: Die Türkei verzichtet wegen Jerusalem

Nachdem Izhar Cohen and the Alphabeta mit dem Lied «A-Ba-Ni-Bi» 1978 erstmals den ESC für Israel gewinnen, findet der Wettbewerb 1979 in Jerusalem statt. Die Schweiz wird – zum zweiten Mal seit 1976 – von der Berner Combo Peter, Sue & Marc vertreten.

Der schwedische Künstler Ted Gärdestad passiert 1979 in Jerusalem Sicherheitskräfte, als er zu den Proben geht. Sieben Jahren zuvor wurden beim Münchner Olympia-Attentat elf Israelis getötet.
Der schwedische Künstler Ted Gärdestad passiert 1979 in Jerusalem Sicherheitskräfte, als er zu den Proben geht. Sieben Jahren zuvor wurden beim Münchner Olympia-Attentat elf Israelis getötet.
IMAGO/TT

Das ist allerdings nicht der Grund, warum die Türkei den Wettstreit 1979 sausen lässt: Ankara «zog sich von dem Wettbewerb zurück, weil er in Israel stattfand und viele arabische Länder Druck auf die Türkei ausübten, nicht nach Jerusalem zu gehen», heisst es zur Begründung.

Der Song war schon ausgewählt, doch Maria Rita Epik durfte das Jazz-Stück «Seviyorum» («Ich liebe dich») in Israel nicht zum Besten geben.

2005: Libanon will Israel nicht zeigen

Der Libanon will 2004 erstmals beim ESC mitmachen. Der Sender Télé Liban entscheidet am 3. November intern, dass Aline Lahoud das Land mit «Quand tout s'enfuit» vertreten soll. 

Wieso der Libanon? Die Europäische Rundfunkunion (EBU) hat einige Vollmitglieder, die man mit dem Namen nicht unbedingt in Verbindung bringt: Auch Länder aus Nordafrika wie Algerien, Ägypten, Marokko und Tunesien sind dabei, aber auch Jordanien und eben der Libanon in Nahost.

Anfang März 2005 gibt es jedoch Ärger: Auf der libanesischen ESC-Website wird der israelische Beitrag nicht aufgeführt. Die EBU interveniert. Die Folge: Die Kandidatenliste wird ganz entfernt und mit einem Link auf eine entsprechende EBU-Website ergänzt.

Die Rundfunkunion mit Sitz in Genf wird misstrauisch: Sie fordert vom Libanon eine Garantie, dass der Wettbewerb komplett gezeigt wird – inklusive dem israelischen Beitrag. Beirut antwortet, der Sender dürfe keine israelischen Inhalte zeigen – und sagt seine Teilnahme am 18. März 2005 ab.

2009: Georgien sagt wegen Russland ab

Georgien nimmt ab 2007 am ESC teil. Ein Jahr später ist das Land in den Kaukasuskrieg verwickelt, nachdem georgische Truppen in die abtrünnige Region Südossetien einmarschieren. Fünf Tage dauern die Feindseligkeiten im August, bevor Tiflis die weisse Fahne schwenken muss.

Das Problem: Beim ESC 2008 in Belgrad setzt sich der Russe Dima Bilan mit dem Song «Believe» durch. Deshalb beschliesst Georgien bereits Ende August 2008, beim Wettbewerb 2009 in Moskau nicht mitzumachen.

Russische Soldaten am 14. August 2008 in Süossetien, das völkerrechtlich zu Georgien gehört. Heute erkennen nur Russland, Nicaragua, Venezuela, Nauru und Syrien die Region als eigenen Staat an.
Russische Soldaten am 14. August 2008 in Süossetien, das völkerrechtlich zu Georgien gehört. Heute erkennen nur Russland, Nicaragua, Venezuela, Nauru und Syrien die Region als eigenen Staat an.
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Doch drei Monate später folgt die Kehrtwende: Das georgische Trio Bzikebi gewinnt auf Zypern mit dem Lied «Bzz..» den Junior Eurovision Song Contest 2008, wobei Russland 12 Punkte gibt. Im Dezember teilt Tiflis mit, nun doch nach Moskau kommen zu wollen.

Beim nationalen Vorentscheid setzt sich Mitte Februar 2009 Stephane and 3G mit dem Funk-Song «We Don't Wanna Put In» durch, um den ein Streit entbrennt, weil er sich angeblich auf den russischen Präsidenten bezieht.

Da spielt die EBU nicht mit: Sie verlangt, den Text zu ändern oder ein neues Lied auszuwählen. Georgien sagt den ESC in Moskau daraufhin im März 2009 endgültig ab.

Armenien vs. Aserbaidschan

Als Armenien 2006 sein ESC-Debüt feiert, ist es das erste Land aus dem Kaukasus, das an dem Wettbewerb teilnimmt. 2008 steigt das Nachbarland Aserbaidschan mit ein. Nur drei Jahre später gewinnt das Land mit Ell und Nikki und ihrem Stück «Day After Day» die ESC-Trophäe.

2012 findet die Folgeveranstaltung deshalb in Baku statt: Eine Reise, die die armenische Delegation nicht antreten will. Seit 2008 kommt es immer wieder zu Grenzkonflikten wegen der Region Bergkarabach: Die Armenier fühlen sich in der aserbaidschanischen Hauptstadt nicht sicher.

«Es gibt keinen logischen Grund, einen Teilnehmer in ein Land zu schicken, in dem er als Feind angesehen wird», heisst es aus Eriwan. Armenien setzt ein Jahr aus, macht aber 2016 noch einmal Schlagzeilen: Sängerin Iveta Mukuchyan zeigt beim Halbfinale verbotenerweise die Fahne von Bergkarabach – und sorgt für einen kleinen Eklat.

Wie angespannt die Lage zwischen den beiden Ländern lange war, zeigt auch der ESC 2009, bei dem Inga & Anush mit «Jan Jan» Armenien vertreten. Weil in Aserbaidschan 43 Personen für dieses Lied stimmen, schaltet sich die Polizei ein und befragt sogar einige von ihnen, berichtet die BBC.

2021: Belarus fliegt raus

Nach einer manipulierten Präsidentschaftswahl im August 2020 kommt es in Belarus zu Massenprotesten, die bis 2021 andauern. Der vom Regime kontrollierte nationale Sender will die Band Galasy ZMesta zum ESC entsenden.

Doch ihr Lied «Ya nauchu tebya (I'll Teach You)» wird von der Opposition als Affront empfunden und im März 2021 vom ESC als offensichtlich politisch abgelehnt. Noch im selben Monat wird ein zweiter Song von Galasy ZMesta eingereicht: Auch «Pesnya pro zaytsev (Song About Hares)» wird wegen Politisierung und Homophobie abgelehnt.

Belarus darf somit 2021 nicht antreten – und wird kurz nach dem ESC-Finale für drei Jahre aus der EBU suspendiert. Kurz vor Ablauf der Frist stimmen die Mitglieder dafür, Belarus auf unbestimmte Zeit auszuschliessen. Eine Teilnahme beim ESC ist nicht mehr möglich.

So sieht politische Musik von Galasy ZMesta aus:

2022: Bruch mit Russland

Am 24. Februar 2022 überfällt Russland die Ukraine. Nur einen Tag später verkündet die EBU, dass Russland «angesichts der beispiellosen Krise» nicht am ESC teilnehmen wird. Der Wettbewerb könnte in «Misskredit» gebracht werden, teilt die Organisation mit.

Die russischen Sender treten unmittelbar darauf aus der EBU aus, die das Aus am 7. April 2022 bestätigt: Das Kapitel ESC ist für das grösste Land der Welt auf absehbare Zeit beendet.

Die Exoten

Der Vatikan ist Vollmitglied der EU. Könnte die katholische Kirche mit einem ESC-Beitrag nicht beste Werbung machen? Milk and Honey aus Israel haben es doch 1979 mit dem Gewinner-Song «Hallelujah» vorgemacht?

«Die Vatikanstadt ist zur Teilnahme berechtigt», schreibt «Eurovoix», weiss aber auch: «Es ist unwahrscheinlich, dass die Vatikanstadt jemals an Eurovisionsveranstaltungen teilnehmen wird.»

Und was wäre, wenn andere Länder mitmachen, die wie Australien mit der EBU assoziiert sind? Darunter sind Brasilien, Chile und Kanada, aber auch Malaysia, Japan und Südkorea.

Mitunter wird in diesen Ländern über eine Teilnahme diskutiert – zuletzt etwa in Kanada. Malaysia und Südkorea werden dagegen am Eurovision Song Contest Asia teilnehmen, einem ESC-Klon für Asien und die Pazifik-Region, der erstmals Mitte November abgehalten wird.

Und die USA, der Iran und China sind auch assoziierte Mitglieder. Wie politisch der ESC dann wohl wäre?


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