«Ein Hit ist ein Hit, wenn er ein Hit ist» KI-Song geht viral – deshalb darf Musik nicht perfekt sein

Samuel Walder

11.12.2025

Auch das Musikvideo ist mit KI erstellt worden.
Auch das Musikvideo ist mit KI erstellt worden.
Bild: Tiktok

Ein KI-generierter Gospel-Song geht viral. Musiker wie Charlie Puth und Produzent Pele Loriano reagieren gelassen – für sie bleibt die emotionale Tiefe von Musik weiterhin Sache des Menschen.

Samuel Walder

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Ein KI-generierter Remix des «Thong Song» geht auf TikTok viral, doch Musiker wie Charlie Puth und Produzent Pele Loriano betonen, dass echte Musik von menschlicher Unvollkommenheit und Emotion lebt.
  • Trotz wachsender KI-Präsenz in der Musikbranche sehen Experten sie eher als nützliches Werkzeug statt als Ersatz für Kreativität und Live-Erlebnisse.
  • Entscheidend für einen Hit bleiben Überraschung und Emotion – unabhängig davon, ob der Song von Menschen oder Maschinen stammt.

2023 standen die Guns'n'Roses in Bern auf der Bühne. Ganze zwei Stunden sang sich Axl Rose durch das Repertoire der Band. Slash mit seinem Zylinder zeigte seine besten Gitarrensolos. Die Fans waren begeistert. Damals wäre niemand auf die Idee gekommen, dass Künstliche Intelligenz jemals so eine Band in den Schatten stellen könnte. 

Jetzt ist das anders. Denn auf Tiktok geht ein Lied gerade durch die Decke –der sogenannte «Thong Song» vom amerikanischen Pop-Sänger Sisqo wurde mit KI neu in einer Gospel-Version interpretiert. Das Lied hat hunderte Millionen von Views. 

@iamalphasmith

Sisqo Thong Song 1950s Motown Choir cover version #sisqo

♬ original sound - Alpha Smith

Man hätte nie gedacht, dass ein KI-Song so ein Hit werden könnte. Kritiker sagen, dass KI die Musikerinnen und Musiker nie ganz ablösen wird. KI könne schliesslich nicht auf einer Bühne stehen und tausende von Fans begeistern. Auch die Redewendung «zum Anfassen nah» wird wohl nie bei einem KI-Song verwendet werden können. 

Musik lebt von Unvollkommenheiten

Einer, der ebenfalls keine Angst vor einer Ablösung durch KI hat, ist der Weltstar und Songwriter Charlie Puth. Seine Hits wie «See you again» sind weltberühmt. In einem kurzen Video auf Tiktok erklärt der Musiker schon im Oktober, wieso er nicht glaubt, dass KI jemals die Musikindustrie übernehmen würde.

Er sagt: «Die Musik, die von Menschen erschafft worden ist, lebt von Unvollkommenheiten und macht sie deshalb so speziell.» Die Musik hingegen, die von KI generiert ist, sei zu perfekt. Das Schlagzeug höre sich langweilig und flach an, sagt der Musiker. So zum Beispiel habe es bei den Beatles im Song «Hey Jude» einen Fehler. «Paul Mccartney sagt ‹oh F****** Hell› weil er bei 2 Minuten 58 Sekunden den falschen Akkord spielt», sagt Puth. 

Auch bei Sting gebe es Unvollkommenheiten. Beim Intro von «Roxanne» ist er auf das Piano gesessen. Das ist klar hörbar. 

«Ich habe keine Panik, dass KI uns ablösen wird»

Künstliche Intelligenz ist in der Musikbranche längst kein Zukunftsthema mehr – sie ist da. Das sagt auch der Zürcher Musikproduzent Pele Loriano, der «The Code» von Nemo mitproduziert hat, auf Anfrage von blue News. «Ich finde die Entwicklung sehr spannend. Ich setze mich jeden Tag damit auseinander.» Für ihn ist klar: «Genau wie alle anderen Branchen muss sich auch die Musikbranche mit KI auseinandersetzen.»

Loriano hat bereits einige KI-Songs gehört. Zum «The Song» sagt der Produzent: «Er ist unglaublich gut, weil er Emotionen weckt. Alles, was Emotionen bei den Menschen hervorbringt, wird meistens auch gehört und als gut empfunden.» Er bleibt gelassen: «Ich habe keine Panik, dass KI uns ablösen wird. Ich finde, im Alltag kann es als Werkzeug dienen.» Entscheidend sei, dass Menschen die Tools verstehen – gerade dort, wo schnell produziert werden muss in der Musikbranche: «Die, die schnell produzieren müssen, sollten die Programme kennenlernen und auch lernen, diese zu nutzen. Einige machen das schon.»

Wer Emotionen auslöst, hat Chancen auf einen Hit

Und was macht am Ende einen Hit aus – ob mit oder ohne KI? «Ein Hit ist ein Hit, wenn er ein Hit ist, sagen wir in der Musikbranche», sagt Loriano. Für ihn braucht es vor allem Überraschungsmomente und Emotionen: «Immer, wenn irgendetwas überraschend ist oder Leute dazu etwas fühlen, hat es Hitpotenzial. Dieser KI-Song hat das, wie ich finde.» Seine Quintessenz: «Schlussendlich sind es immer die Emotionen, die bei der Musik zählen. Und wenn man Emotionen in irgendeiner Form auslösen kann, hören es die Menschen.»

Auch live werde KI den Menschen nicht ersetzen, glaubt Loriano. Im Gegenteil: «Ich finde es spannend, dass Japan und Korea, die technologisch weit vorne liegen, dennoch auf CDs und Konzerte setzten. Dort ist Fanboom immer noch ein wichtiger Teil der Musikkultur.» Und weiter: «Ich glaube, ein Konzerterlebnis ist ein unersetzbares Ding», sagt Loriano. Er zieht den Vergleich zur Filmwelt: «Ich vergleiche es mit den Streamingdiensten, aber es gibt immer noch Leute, die ins Kino gehen.»