Der Graf zwischen Verlust und Comeback «Nach dem Tod meiner Eltern war ich ein anderer Mensch»

Bruno Bötschi

2.5.2026

«Ich bin nicht mehr als Mister Tausendprozent unterwegs, muss nicht mehr alles in der Hand haben, mich um alles kümmern»: Der Graf, Sänger von Unheilig, über sein Comeback.
«Ich bin nicht mehr als Mister Tausendprozent unterwegs, muss nicht mehr alles in der Hand haben, mich um alles kümmern»: Der Graf, Sänger von Unheilig, über sein Comeback.
Bild: Hendrik Schmidt/dpa

Nach dem geglückten Comeback seiner Band Unheilig nimmt der Graf nun in der TV-Show «Sing meinen Song» teil. Im Interview schwärmt der 56-Jährige von der Erfahrung, die für ihn therapeutischen Charakter hatte.

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  • «Mein Herz beginnt zu schlagen ...» – Es ist wohl kein Zufall, dass dies die ersten Worte sind, die Musiker Bernd Heinrich Graf, der sich «Der Graf» nennt, auf dem neuen Album «Liebe Glaube Monster» seiner Band Unheilig singt.
  • Sein Herz bereitete dem Mittfünfziger, der seine Karriere eigentlich bereits beendet hatte, Anfang 2025 grosse Sorgen.
  • «Wenn ich nicht diese schlimmen Momente in der Notaufnahme gehabt hätte, wo ich mit Verdacht auf einen stillen Herzinfarkt gelandet bin, hätte ich wohl nicht mehr den Mumm zu einem Neuanfang gehabt», blickt er der 56-Jährige im Interview auf diese Zeit zurück.
  • Aktuell singt der Graf in der neuen Staffel der VOX-Sendung «Sing meinen Song» (immer dienstags, 20.15 Uhr) mit.

Bernd Heinrich Graf, im vergangenen Jahr das grosse Comeback, jetzt nach zehn Jahren ein neues Album, unzählige TV-Auftritte, Konzerte ... Wie geht's im neuen Leben?

Gut – das neue Leben ist absolut geil (lacht). Als wir Anfang 2025 das Comeback angingen, wusste ja keiner, wie es laufen würde, ob die Leute meine Musik überhaupt noch hören wollen. Das Ganze war schon auch ein Risiko ...

Inwiefern?

Man kann mit so einem Neubeginn viel kaputtmachen. Die Hinterlassenschaft mit Unheilig hat ja einen gewissen Wert, den ich nicht mit einem glücklosen Comeback verzocken wollte. Ich war mir wirklich nicht ganz sicher, ob es klappt. Aber dann war es wie eigentlich immer in meinem Leben: Ich hatte das grosse Glück auf Leute zu treffen, die mir mehr zutrauten als ich mir selber. Und dann hat es funktioniert.

Was genau war Ihre Erwartung?

Ich hatte gar keine. Ich habe zu meinem Manager gesagt: Gib mir Lautsprecher, ein Mikro, eine kleine Bühne – Hauptsache, ich kann wieder Musik machen. Ich muss wieder raus. Das war alles. Jetzt zu erleben, wie gut es läuft, ist krass. Die Menschen kamen von Anfang an zu den Konzerten, das Album geht sofort auf die Eins, die Tour in den grossen Hallen verkauft sich schnell. Damit haben wir alle nicht gerechnet. Ich bin unglaublich dankbar für diese Wertschätzung. Das gibt mir so viel. Weil ich im Grunde ja der grosse Zweifler bin. Ich traue mir oft selbst nicht über den Weg. Was aber auch etwas Gutes hat.

Nämlich?

Die Zweifel sind nun mal immer da, sie gehören zu mir – und sie haben die kreative Energie überhaupt möglich gemacht. Wenn ich zweifle, bin ich am kreativsten. Gerade in den Monaten rund ums Comeback habe ich so viele Lieder geschrieben wie nie. Das war ein emotionaler Ausbruch. Da hatte sich in über neun Jahren offenbar etwas angestaut. Die blosse Menge der Texte reicht bis über mein Lebensende hinaus (lacht).

Was ist heute anders als vor zehn Jahren?

Klare Antwort: Ich bin anders. Ich bin nicht mehr als Mister Tausendprozent unterwegs, muss nicht mehr alles in der Hand haben, mich um alles kümmern. Sondern ich bin heute viel mehr um Balance in meinem Leben bemüht. Auf Tour habe ich die Familie dabei, ich muss nicht mehr 600 Kilometer nach den Konzerten nach Hause fahren, um meine Frau zu sehen. Es ist ein anderes Leben, da ist viel mehr Ruhe drin. Darauf gebe ich acht. Wenn ich zurückblicke auf die ganz grosse Zeit mit Unheilig, ist mir total klar, warum das auf Dauer nicht funktionieren konnte. Diese Verantwortung – auch für Arbeitsplätze, für das Einkommen von vielen Familien, sie war mir zu viel. Das Leben in meiner Musikerbubble war hoffnungslos überladen.

Als Sie damals auf Abschiedstour gingen, waren Ihre Aussagen entsprechend ultimativ: Sie wollten nie wieder öffentlich über Musik reden, nie wieder auf einer Bühne stehen ...

Absolut, ich war durch und musste da raus. Es war ein klarer Cut, ohne Wenn und Aber.

Was kam dann? Fielen Sie in das berühmte Loch, oder haben Sie nach dem Abschied gefunden, wonach Sie gesucht hatten?

Es war von Anfang an eine gute Zeit. Ich erinnere mich an kein Loch, nein. Aber da waren in den ersten Jahren diese Panikträume: Ich stehe auf der Bühne vor zehntausend Fans, und ich habe meine Setlist oder den Text vergessen ... Kennen andere vielleicht von der Schule: Hefte raus – und du bist blank. Dass man so etwas träumt, sagt wohl auch etwas aus ... Aber das verging allmählich, und ansonsten hatte ich ja wirklich mein Glück gefunden. Mein Glück, das war und ist meine Familie. Ich hatte die Möglichkeit, für meine Eltern da zu sein, die inzwischen leider beide verstorben sind. Wir haben viel zusammen gemacht, ich konnte mich kümmern. Es waren gute Jahre. Ein ganz normales Leben.

«Wenn ich nicht Anfang 2025 diese schlimmen Momente in der Notaufnahme gehabt hätte, wo ich mit Verdacht auf einen stillen Herzinfarkt gelandet bin, hätte ich wohl nicht mehr den Mumm zu einem Neuanfang gehabt»: Der Graf von Unheilig.
«Wenn ich nicht Anfang 2025 diese schlimmen Momente in der Notaufnahme gehabt hätte, wo ich mit Verdacht auf einen stillen Herzinfarkt gelandet bin, hätte ich wohl nicht mehr den Mumm zu einem Neuanfang gehabt»: Der Graf von Unheilig.
Bild: Hendrik Schmidt/dpa

Warum dann überhaupt so ein grosses Comeback?

Eine gewisse Lücke war immer da, auch wenn ich öffentlich nie darüber sprach. Irgendwie fehlte mir ohne die Musik etwas. Das Gefühl wurde mit den Jahren auch nicht kleiner ... Im Gegenteil. Aber ich habe es erst eimal weggedrückt.

Und dann?

Passierte etwas: Wenn ich nicht Anfang 2025 diese schlimmen Momente in der Notaufnahme gehabt hätte, wo ich mit Verdacht auf einen stillen Herzinfarkt gelandet bin, hätte ich wohl nicht mehr den Mumm zu einem Neuanfang gehabt. Ich lag damals einige Stunden lang im Krankenhaus, zwischen Hoffen und Bangen, wurde eingehend untersucht, weil mein Blutdruck total durch die Decke gegangen ist. Damals habe ich mir gesagt: Wenn du aus der Nummer einigermassen rauskommst, dann gehst du wieder auf die Bühne.

Ist das nicht widersprüchlich? Sex, Drugs & Rock'n'Roll sind bestimmt nicht gut fürs Herz ...

(Lacht) Also: Ich bin gesund, der Bluthochdruck ist im Griff – und das mit Sex und Drugs können Sie bei mir sowieso getrost weglassen. Ansonsten will ich es nur noch so sehen: Die Musik ist das, was ich am liebsten mache, etwas, das mir guttut. Ausserdem passe ich genau auf, wie es mir geht. Ich werde mich nicht mehr übernehmen, ich bin nun mal keine 40 mehr. Und auf keinen Fall werde ich jammern. Ich krieg Applaus, für das, was ich mache, ich verdiene gut damit – worüber reden wir?! Andere müssen früh um 6 Uhr auf dem Bau ihren Mann stehen. Ich weiß, ich habe echt ein geiles Leben.

Sind Sie stolz?

Ja. Aber ich sage das ohne Eitelkeit. Es hat vielmehr mit meiner Vergangenheit zu tun: Ich wuchs mit einem Sprachfehler auf, stotterte als Kind. Hatte immer das Gefühl, ich müsste diesen vermeintlichen Fehler auf anderen Ebenen kompensieren. Ich strengte mich bei allem dermassen an, um möglichst gut zu sein ... Wenn du dann später im Leben als Künstler auf der Bühne stehst und diese Wertschätzung erfährst, dann ist das schon ein Grund, stolz zu sein.

Das erste Konzert nach dem Comeback war dann dennoch erst einmal ein Tiefschlag: 2025 in Leipzig sind Sie von der Bühne gestürzt, haben sich verletzt ...

Ja, es war heftig. Der Oberkiefer war angebrochen, die Schneidezähne standen nicht mehr da, wo sie stehen sollten. Mir fielen Zahnstücke aus dem Mund. Ich konnte kaum reden, aber ich sang noch. Meine Frau hinter der Bühne war total geschockt. Dennoch habe ich das Konzert nicht abgebrochen. Ein wichtiger Moment. Denn wenn ich damals von der Bühne gegangen wäre, wer weiss, was das emotional mit mir gemacht hätte ... Aber ich habe durchgezogen, auch weil ich eine gute Crew um mich herum hatte. Der Unfall war überstanden, die Verletzung irgendwann verheilt, das Comeback lief weiter.

Ging es beim Anspruch, das Comeback jetzt zu starten, auch um eine gesellschaftliche Komponente? – Unheilig steht als Band ja seit jeher dafür, Brücken zu bauen, irgendwie alle mitzunehmen ...

Ja, auf jeden Fall. Oder sagen wir es so: Es mischen sich die gesellschaftlichen Gründe mit den persönlichen Motiven. Ich selbst will einfach, dass es mir gut geht. Und wenn ich Tag für Tag und jeden Morgen die Nachrichten anklicke, wenn ich in die Kommentare gucke, wenn ich sehe, was auf der Welt los ist, vergeht mir, wie wahrscheinlich allen anderen auch, die Laune. Da wollte ich raus, lieber das machen, was mich glücklich macht: Musik. Und wenn ich damit wiederum für ein paar Stunden andere Menschen glücklich mache und zusammenbringe, dann verändert das zwar nicht die Welt, aber es ist doch schon mal was.

Wenn Sie die Welt blicken – ist Ihnen bange?

Ach, nein. Ich habe grundsätzlich einen positiven Lebensansatz: So lange ich da bin, versuche ich das Beste aus meiner Zeit zu machen. Das ist besser, als Angst vor etwas zu haben, das ich eh nicht beeinflussen kann. Wenn du vor dem lieben Gott stehst, willst du doch nicht resümieren, was du alles nicht geschafft hast, sondern es geht allein darum, was du alles aus deinen Möglichkeiten gemacht hast. Ich glaube aber auch, die Welt ist gar keine schlechtere als sagen wir in den 1980er-Jahren, als ich sozialisiert wurde. Es wird jetzt nur viel mehr über all das Negative und Schreckliche, was es zweifellos leider zuhauf gibt, berichtet.

Dann reden wir über eine Jugend in den 1980-ern.

Gerne. Es war schön und bunt. Und schrecklich: Wir hatten damals die Atomraketen hier in NRW stationiert, in der Schule wurden Übungen gemacht zum richtigen Verhalten bei einem atomaren Notfall. Wir haben unsere Prägung weg, da braucht uns keiner was erzählen. Heute springen uns die schlimmen Themen nur überall entgegen – es geht um Klicks. Das hat sich verändert. Aber die Welt eher nicht. Was ich als Künstler in dieser Zeit anbieten kann, ist eigentlich nur etwas Zerstreuung. Aber was heisst nur: Wenn das Publikum bei mir einfach einmal die Nachrichten über alles Schlechte dieser Welt vergessen kann, ist das für mich als Musiker das grösste Geschenk.

«Wenn das Publikum bei mir einfach einmal die Nachrichten über alles Schlechte dieser Welt vergessen kann, ist das für mich als Musiker das grösste Geschenk»: Der Graf von Unheilig.
«Wenn das Publikum bei mir einfach einmal die Nachrichten über alles Schlechte dieser Welt vergessen kann, ist das für mich als Musiker das grösste Geschenk»: Der Graf von Unheilig.
Bild: Jan Woitas/dpa

Sind Ihre Songs also nicht politischer geworden?

Ich würde sagen, nein. Jedenfalls war das bei dem Album überhaupt nicht der Anspruch. Die Leute brauchen auch nicht noch einen, der ihnen die Welt erklären will. Davon gibt es schon so viele. Meine politische Botschaft ist, wenn man so, will das Verbindende: die Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg. Ich trete beim «Schlagerboom» auf und würde es jederzeit auch wieder in Wacken tun. Das ist doch ziemlich politisch, finde ich.

Haben Sie mit Mitte 50 eigentlich noch eine Bucket List?

Natürlich. Wer die nicht hat, kann sich gleich einmotten lassen. Es geht für mich grundsätzlich im Leben darum, Träume zu realisieren, die Dinge lieber anzupacken anstatt darüber zu jammern, dass ich dieses oder jenes nicht habe, kann und schaffe. Wir jammern überhaupt viel zu viel in diesem Land. Das Internet ist voll von Typen, die immer irgendetwas zu nölen haben. Denen möchte ich sagen: Wenn dir etwas in deinem Leben nicht passt, dann pack es an, ändere etwas, aber hör' auf, uns anderen auf den Keks zu gehen. Ich bin auch ganz klar für eine Klarnamenpflicht im Internet. Es wäre vieles sofort besser, diese ganze Bösartigkeit würde sofort zurückgehen, wenn die Autoren der Posts und Kommentare als reale Personen identifizierbar wären, ohne jede Frage.

Stand die VOX-Show «Sing meinen Song» auch auf Ihrer Bucket List?

Ja. Und ich würde es immer wieder machen. Es war eine absolut lebensverändernde Erfahrung für mich. Ich kann es nur jeder Musikerin, jedem Musiker ans Herz legen, bei dieser Sendung einmal mitzumachen. Geh dahin – und du kommst als anderer Mensch zurück. Dabei wollte ich erst kurzfristig absagen ...

Jetzt machen Sie uns aber neugierig ...

Na ja, erst ist mein Vater gestorben, dann lag meine Mutter im Sterben - das war dann ein paar Wochen vor dem Drehstart von «Sing meinen Song». Ich fürchtete in meiner Trauer, der Sache emotional nicht gewachsen zu sein. Aber dann habe ich es doch gemacht, und es hat sich als genau das Richtige erwiesen. Dieser Ort, dieses Haus in Südafrika, der Austausch auf Augenhöhe mit den anderen Künstlern, das macht was mit einem. Wir haben uns dort so geöffnet, fallengelassen, so tief in unseren Leben, in unseren Wesen gewühlt und Dinge zutage befördert, die weggeschlossen waren oder von denen man selbst nicht mehr wusste, wo die rumliegen. Ich konnte mich so reflektieren wie noch nie in meinem Leben. Es sind tolle Freundschaften entstanden, und, wirklich, ich kam als anderer Mensch zurück.

Woran liegt das?

Darüber habe ich viel nachgedacht. Ich glaube, es liegt daran, dass du als Protagonist das Gefühl hast, dass das keine Fernsehshow ist, sondern ein Familienevent. Man merkt, dass ein Grossteil der Crew schon seit fast eineinhalb Jahrzehnten zusammenarbeitet. Da ist etwas Einmaliges entstanden, alles ist so liebevoll, so herzlich. Du fühlst dich wohl. Weil du das Gefühl hast: Hier steht der Mensch im Vordergrund und nicht die Einschaltquote. Dort, mit den Musikern auf der Couch, das war für mich besser als jede Therapie. Ein Geschenk des Himmels.


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