Spanische Sängerin singt plötzlich auf Deutsch Megastar Rosalía zeigt, warum Pop keine Grenzen kennt

Noemi Hüsser

7.11.2025

«Lux» wurde Mitte Oktober auf dem Plaza de Callao in Madrid angekündigt. Jetzt ist das Album draussen.
«Lux» wurde Mitte Oktober auf dem Plaza de Callao in Madrid angekündigt. Jetzt ist das Album draussen.
Imago/Europa Press

Die spanische Musikerin Rosalía hat sich nie gescheut, Genres zu sprengen. Jetzt wagt sie mit ihrem neuen Album «Lux» den Schritt in die klassische Musik – und bleibt dabei vor allem eins: unabhängig.

Noemi Hüsser

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  • Rosalías neues Album «Lux» thematisiert Spiritualität, weibliche Mystik und Transformation. Ganze 13 Sprachen singt Rosalías auf den 18 Liedern.
  • Bereits die Single «Berghain» hat durch sakrale Klangwelten und deutschsprachigen Gesang Aufmerksamkeit erzeugt.
  • Trotz Kritik zu kultureller Aneignung bleibt Rosalía ihrem Anspruch treu, Genregrenzen zu sprengen – und präsentiert sich erneut als kompromisslose und wandelbare Künstlerin.

Orchester, Streicher, Chor, eine Opernstimme. Spanisch, Englisch, Deutsch.

Als die spanische Sängerin Rosalía «Berghain», die erste Single ihres Albums «Lux» veröffentlicht, überrascht sie. Es ist ein Lied mit sakraler Wucht – Energie, die sich auflädt, entlädt, wieder aufbaut.

«Seine Angst ist meine Angst. Seine Wut ist meine Wut. Seine Liebe ist meine Liebe. Sein Blut ist mein Blut», singt ein Chor auf Deutsch. Dann setzt Rosalía ein – und man weiss nicht, ob sie in den Berliner Club Berghain oder zur Messe ziehen will.

Kaum veröffentlicht, ist der Song Gesprächsthema – weil er anders klingt als alles, was Rosalía bisher gemacht hat. Und weil Rosalía plötzlich auf Deutsch singt.

Aber wie das so ist bei erfolgreichen Frauen: Irgendwann vermutet die Öffentlichkeit, da müsse doch ein Mann dahinterstecken. Bei Rosalía heisst dieser Mann Emilio Sakraya, ein deutscher Schauspieler, mit dem sie eine Beziehung führen soll und der sie – so die Spekulationen – zum deutschen Teil des Songs inspiriert haben könnte.

Doch wer Rosalías Musik auf ihren Freund zurückführt, hat sie schlicht nicht verstanden. Und wer das verstehen will, muss zurück an den Anfang.

Ihr explodierte der Kopf, als sie Flamenco hörte

Rosalía Vila Tobella wird 1993 in der Kleinstadt Sant Esteve Sesrovires in der Nähe von Barcelona geboren. Ende der Achtziger baut der Autohersteller Seat dort ein Werk. Arbeiter aus dem ganzen Land ziehen nach Nordspanien, auch viele aus Andalusien, die den Flamenco mitbringen.

Mit 13 hört Rosalía das Genre zum ersten Mal bewusst, als jemand im Park den berühmten Flamenco-Sänger Camarón de la Isla abspielt. «Mir explodierte der Kopf», erinnert sich Rosalía später an diesen Moment.

Zwei Jahre später singt sie in einer Talentshow des spanischen Fernsehens eine Flamenco-Ballade. «Das ist nicht das Lied, das du heute hättest singen sollen», heisst es von der Jury. Sie habe viel Potential, könne es aber noch nicht hervorbringen. Weiter kommt Rosalía trotzdem, erst im Finale verliert sie – gewinnt aber etwas anderes: den Willen, nicht einfach berühmt, sondern allem voran eine gute Musikerin zu werden.

Dann versagt ihre Stimme. Die Jahre, in denen sie ohne Ausbildung Flamenco sang, haben ihre Stimmbänder beschädigt. Sie braucht eine Operation und muss ein Jahr lang Pause machen. Doch auch hier gibt sie nicht auf, sondern schreibt sich an der Musikhochschule von Katalonien für eine klassische Flamenco-Ausbildung ein.

Rosalía will Originelles schaffen

Um währenddessen Geld zu verdienen, singt sie in Restaurants und Bars, auf Hochzeiten und Partys und nimmt Musik für Werbespots auf. Dann wagt sie sich 2017 an ihr erstes Album. Die Lieder auf «Los Ángeles» basieren auf traditionellen Flamenco-Melodien, es gibt nur die Gitarre und ihre Stimme. Doch Rosalía will mehr, sie will Originelles schaffen.

Also mischt sie 2018 in ihrem zweiten Album, das gleichzeitig auch ihre Abschlussarbeit ist, Flamenco mit R&B, Hip-Hop und elektronischer Musik. Es ist ein Risiko. Als sie daran arbeitet, hat sie Schulden und noch kein Label. Dass dieses Album ihr den internationalen Durchbruch bringen wird, kann sie da noch nicht wissen.

Es folgen Kollaborationen mit den grössten Künstler*innen der Welt: Billie Eilish, The Weeknd, Bad Bunny. Und es folgen die Preise: Mit «El mal querer» gewinnt sie zwei Latin Grammy. Mittlerweile sind neun weitere Latin Grammys und zwei Grammys dazugekommen.

Rosalía an den Latin Grammys 2022. Vier Auszeichnungen nimmt sie in dem Jahr nach Hause.
Rosalía an den Latin Grammys 2022. Vier Auszeichnungen nimmt sie in dem Jahr nach Hause.
Keystone

Je mehr Musik Rosalía macht, desto mehr Stile probiert sie aus. In ihrem dritten Album «Motomami» findet sich weniger Flamenco, dafür mehr Reggaeton, Bachata, Jazz, Pop, Elektro. Alles fliesst in ihrer Musik zusammen.

Auftritte und Tourneen führen sie danach in die ganze Welt – auch in die Schweiz. 2023 spielt sie am Paléo und am Gurtenfestival. Schaut man sich diese Auftritte an, passiert auf der Bühne so viel, dass man nie genau weiss, wohin man zuerst blicken soll.

«Eine Show, die weit mehr ist als ein Konzert», schreibt das SRF danach. Und die «Neue Zürcher Zeitung» meint: «Ein Konzert dieses Niveaus hatte auf dem Gurten wohl niemand auf dem Zettel gehabt. Es war eine Show, die hier alle anderen zurück in die Schule schickte.» Ihren bis heute meistgestreamten Song «Despechá» singt das gesamte Publikum mit.

Neuerdings beschränkt sich Rosalía nicht mehr nur auf die Musik – sie steht auch als Schauspielerin vor der Kamera. Etwa in der neuen Staffel der HBO-Serie Euphoria, in der sie eine Nebenrolle übernimmt.

Musik voller kulturellen und intertextuellen Referenzen

Rosalías Erfolg ist riesig – doch er bleibt nicht ohne Widerspruch. Es ist gerade diese Vermischung von Stilen, für die sie zwar gefeiert, aber auch kritisiert wird.

Als Nordspanierin stehe es ihr nicht zu, Flamenco zu machen, heisst es. Und auch als sie sich dem Reggaeton zuwendet, einem traditionell lateinamerikanischen Genre, wird darüber diskutiert, ob das kulturelle Aneignung sei.

Rosalía selbst argumentiert, dass Flamenco auf einer Vermischung von Kulturen beruhe und sich aus vielen verschiedenen Einflüssen zusammensetze. «Musik hat keinen Besitzer», sagt sie. Sie denke auch nicht darüber nach, ob Musik «korrekt oder inkorrekt», sondern ob sie spannend sei.

Rosalías-Fans bei ihrem Auftritt am Paléo Festival 2023 in Nyon.
Rosalías-Fans bei ihrem Auftritt am Paléo Festival 2023 in Nyon.
Keystone

Überhaupt ist Rosalías Schaffen von kulturellen und intertextuellen Referenzen durchzogen. Um nur ein paar zu nennen: «El mal querer» ist ein Konzeptalbum über toxische Liebe, inspiriert von einem mittelalterlichen Roman. Auf dem Cover von «Motomami» nimmt sie die Pose von Botticellis Venus ein.

Und auf ihrem Oberschenkel trägt sie einen Strumpfgürtel – eine Nachbildung des Tattoos, das sich die österreichische Performancekünstlerin Valie Export 1970 auf der Bühne stechen liess und das als Symbol für die Unterdrückung der Frau durch das Patriarchat gilt.

«Wandel ist die beste Art, mein Dasein als Musikerin zu würdigen»

Rosalía

Musikerin

Mit «Lux» wagt sich Rosalía an die klassische Musik. Denn noch einmal das Gleiche machen, das will (oder kann) Rosalía nicht. «Ich bin andauernd im Wandel, warum sollte sich meine Musik nicht mit mir verändern?», sagt sie in einem Interview. «Festzuhalten an dem, was ich zuvor gemacht habe, ergibt keinen Sinn. Wandel ist die beste Art, mein Dasein als Musikerin zu würdigen.»

Es geht ihr dabei nicht um sich selbst, sondern darum, Raum zu schaffen für die Geschichten, die um sie herum passieren – und die vor ihr passiert sind. Sie lebt von Kontrasten, von Reibung, von Gegensätzen, die sich in ihrer Musik entladen. Und sie schafft ein Gefäss, in dem sie zusammenführt, was scheinbar unvereinbar ist.

«Habemus Album»

Und dafür nimmt sie sich Zeit. «Ich habe nicht das Gefühl, zu spät zu sein, wenn ich meinem eigenen Rhythmus folge», erzählt sie. «Ich möchte ein Album nach meinen eigenen Vorstellungen machen.» Und so kommt Lux eben dann, als es kommen muss – drei Jahre nach «Motomami.»

«Habemus Album», schreibt Rosalía zur Ankündigung, als wäre sie der Papst der Popkultur. Auf dem Cover inszeniert sie sich mit weisser Haube und Gewand als eine Art Nonne. Ihre Fans nennen sie längst auch «Diosalía».

Damit legt Rosalía gleich das Thema des Albums fest: Es geht um Spiritualität, feminine Mystik, Transformation und Transzendenz, heisst es in der offiziellen Mitteilung.

In Interviews erzählt Rosalía, dass sie für «Lux» viel gelesen habe – Biografien von Heiligen und Nonnen, theoretische Texte über weibliches Schreiben und Schaffen. Fast beiläufig lässt sie dabei Namen wie Hildegard von Bingen, Ursula K. Le Guin, Teresa von Ávila und Simone Weil fallen.

Man muss die nicht kennen – aber sagt es nicht einiges über Rosalía, dass sie es kann?

Chaos in Madrid bei Albumankündigung

Offiziell kündigt Rosalía «Lux» in einem Livestream auf TikTok und Instagram an. Rauchend fährt sie mit dem Auto durch Madrid und ruft ihre Zuschauer*innen auf, zum Plaza de Callao zu kommen. Doch weil so viele Menschen der Aufforderung folgen, gibt es Stau.

Schliesslich verlässt Rosalía das Auto und geht zu Fuss weiter – gefolgt von Hunderten Fans. Am Ende muss sie in ein Hotel flüchten. Auf dem Plaza de Callao läuft währenddessen ein Countdown, der bei Null das Cover von «Lux» enthüllt.

Chaos pur. Und weil sie für die Aktion keine Genehmigung hatte, droht ihr nun wohl eine Geldstrafe. Dafür bleiben fast ikonische Bilder, die Rosalía, zeigen, wie sie ganz in Weiss lachend durch die Strassen Madrids rennt.

Rosalía rennt am 20. Oktober durch Madrid, um ihr neues Album anzukündigen.
Rosalía rennt am 20. Oktober durch Madrid, um ihr neues Album anzukündigen.
Keystone

Und es ist Teil einer Strategie, das Publikum schon Wochen vor dem Release einzustimmen. Zwei Wochen vor der Veröffentlichung von «Berghain» teilt sie die Notenblätter des Songs – worauf Fans in den sozialen Medien versuchen, die Melodie nachzuspielen, noch bevor sie sie gehört haben.

Jetzt ist es da, das Album: fünfzehn Songs digital, achtzehn auf der physischen Ausgabe. Rosalía singt darin nicht nur auf Deutsch, Englisch und Spanisch, sondern auch auf Sizilianisch, Französisch, Ukrainisch, Arabisch und Latein – insgesamt in dreizehn Sprachen.

Mit «Lux» verschiebt Rosalía wieder Grenzen und schlägt gleichzeitig Brücken. Sie will wieder Neues schaffen und erfindet sich dabei einmal mehr neu. Und wieder geht sie ein Risiko ein, indem sie Musikstile verbindet, die auf den ersten Blick unvereinbar scheinen. Es ist ihre eigene Version von Pop – und eben genau darum ist es Pop.


Rosalía kommt in die Schweiz: Am 22. März 2026 spielt sie ein Konzert im Hallenstadion. Tickets sind ab dem 11.12.25 um 10.00 Uhr erhältlich.


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